I:Rez

Marseille.73 und Schwarzes Gold. Von Dominique Manotti. Rezension von Manfred Kunz

REZENSION
Marseille.73 und Schwarzes Gold. Von Dominique Manotti.   Argument Verlag   ISBN 978-3-86754-247-0 und 978-3-86754-248-7

Kriminalromane wie die von Dominique Manotti gibt es im deutschsprachigen Raum nicht. Umso dankbarer muss man den Verlagen Argument und Assoziation A sein, die die Romane der 1942 geborenen Wirtschafts-Historikerin, Gewerkschafterin und Romanautorin den deutschen Lesern nahebringen. Und man kann Manotti lesen wie im Flug: kühl, knapp, schnörkellos sind ihre Sätze. Tagesgenau, fast Protokoll-artig, entwickelt sie komplexe Handlungsstränge und verknüpft mit spielerischer Leichtigkeit profunde Kenntnis ökonomischer Zusammenhänge, krimineller Netzwerke und undurchschaubarer Macht- und Interessengefüge innerhalb des Polizeiapparats von Marseille.

Morduntersuchungskommission. Von Max Annas. Bd.1 und Bd. 2. Rezension von Manfred Kunz

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Morduntersuchungskommission. Von Max Annas. Bd.1 und Bd. 2.   Rowohlt   ISBN 978-3-498-00133-9 + 978-3-498-00103-2

Ein rassistisch motiviertes Verbrechen an einem afrikanischen Vertragsarbeiter. Ein ermordeter Punk im Arbeiter-und-Bauern-Staat, wo es laut Staatsdoktrin gar keine Punker geben kann. Der in Köln geborene, antikommunistischer Umtriebe gewiss unverdächtige Autor Max Annas ist in den letzten Jahren der DDR regelmäßig nach Thüringen gereist, hat dort Freundschaften geknüpft und viel über das Innenleben des Landes in den späten 80er Jahren erfahren. Gebündelt hat er sein Wissen in den bisher erschienenen zwei Fällen, die die in Gera angesiedelte fünfköpfige Morduntersuchungskommission zu bearbeiten hat.

Ein Mann seiner Klasse. Von Christian Baron. Rezension von Manfred Kunz

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Ein Mann seiner Klasse. Von Christian Baron   Claassen Verlag   ISBN 978-3-546-10000-7

Kehrt der Klassenkampf zurück auf die politische Agenda? Eher nicht. Gleichwohl fällt auf, dass in letzter Zeit soziale Fragestellungen wieder verstärkt in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur auftauchen. Das sicherlich Bemerkenswerteste unter diesen Büchern ist das autobiographische Roman-Debüt des Freitag-Journalisten Christian Baron. In unverkünstelter, genauer und packender Sprache erzählt Baron von (s)einer Kindheit und Jugend in Kaiserslautern, vom Leben und Überleben in einer Familie mit einem prügelnden Vater und einer depressiven Mutter. Er verzichtet auf jegliche Verklärung der Tristesse und Gewalt, enthält sich jeglicher Gefühlsduselei und schafft doch eine emotional dichte und mitreißende Milieustudie.

Stern 111. Von Lutz Seiler. Rezension von Manfred Kunz

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Stern 111. Von Lutz Seiler   Suhrkamp   ISBN 978-3-518-42925-9

Mit Lutz Seilers Roman geht es zurück in das erste wilde Jahr nach dem Mauerfall. Wir tauchen mit seiner Hauptfigur Carl Bischoff ein in das (Ost-) Berlin des Jahres 1990, in der noch alles möglich schien und alle Utopien geträumt werden durften. Carl kommt aus der Thüringer Provinz, will Dichter werden und schließt sich einer Gruppe junger Leute, dem „klugen Rudel“ an. Gemeinsam nehmen sie leerstehende Wohnungen und Häuser in Beschlag, bauen einen Gewölbekeller um zur Kneipe „Assel“, betreiben diese mit großem Erfolg und lassen so ihre Träume von politischer Freiheit praktisch werden.

Rebell im Maßanzug. Leonhard Frank. Die Biographie. Rezension von Manfred Kunz

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Rebell im Maßanzug. Leonhard Frank. Die Biographie   Aufbau Verlag   ISBN 978-3-351-03724-6

Endlich. Die erste seriöse Biografie über Leonhard Frank. Die Germanistin Katharina Rudolph hat über das Leben des Würzburger Autors promoviert und anhand zahlreicher neuer Quellen ein anschauliches und flüssig zu lesendes Lebenspanorama vorgelegt. Sie schließt viele Lücken im unsteten Leben Franks und spannt den Bogen von Kindheit und Jugend in Würzburg über die Jahre in München und Berlin, die Exilzeit in der Schweiz und in den USA bis zur Rückkehr ins geteilte Deutschland und die nachfolgende verzweifelte Suche nach einem Platz zwischen Ost und West.

Das Evangelium der Aale. Von Patrik Svensson. Rezension von Britta Kiersch

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Das Evangelium der Aale. Von Patrik Svensson   Hanser   ISBN 978-3-446-26584-4

Dieses Buch aus dem Schwedischen ist von einer seltenen Eindringlichkeit und Fülle. Beginnend mit ersten Kindheitserlebnissen erzählt der Journalist Patrik Svensson über Erlebnisse mit seinem Vater beim Aalfischen. Diese kleinen Geschichten reichen fast bis in die Gegenwart und bilden einen gelungenen, sehr persönlichen und feinfühligen Rahmen für all das, was der Autor an interessantem Sachwissen über diesen geheimnisvollen Fisch zusammengetragen hat und wovon er spannend und auf höchstem Niveau erzählt. Er berichtet von Forschern und ihrer Suche, von Küstenbewohnern und ihrer Arbeit, vom unendlich weiten Weg dieses Fisches aus der Sargassosee bis in den kleinsten Tümpel Europas. Dieser seltsame Fisch, der noch immer viele Geheimnisse birgt, wie kaum ein anderes uns bekanntes Tier.

Der letzte Satz. Von Robert Seethaler. Rezension von Britta Kiersch

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Der letzte Satz. Von Robert Seethaler.   Roof Music   ISBN 978-3-86484-657-1

Gustav Mahler befindet sich an Deck eines Schiffes auf der Reise von New York zurück nach Europa. Ein Schiffsjunge bringt ihm Tee, er soll sich um diesen Mann kümmern, der dort so traurig sitzt und er fragt ihn nach seiner Musik, aber der große Komponist erzählt dem Jungen von seinen Erinnerungen, über die Zeit in Wien und wie viel Anstrengung es ihn gekostet hat, dort zu arbeiten und die Musiker zu Höchstleistungen anzuspornen. Er erzählt von seiner Tochter und ihrem frühen Tod und was das mit ihm und seiner Ehe mit Alma, seiner großen Liebe, gemacht hat. Dass Alma und er sich daraufhin immer mehr voneinander entfremdet hatten, bis Alma sich in Gropius verliebte, diesen eingebildeten Schnösel.

Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste. Von Thomas Hettche. Rezension von Britta Kiersch

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Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste. Von Thomas Hettche   Kiepenheuer & Witsch   ISBN 978-3-462-05256-5

Jeder kennt die Augsburger Puppenkiste, aber nicht das Urmel oder der Gestiefelte Kater, nicht Jim Knopf oder Bill Bo sind die Hauptfiguren dieses Buches, sondern die Familie Oehmichen, die hinter dem Mythos der Marionetten steckt, jene Menschen, die sich am anderen Ende der Fäden befinden.

Der Begründer der Puppenkiste Walter Oehmichen, der Oberspielleiter des Augsburger Theaters war, lernte im Krieg das Schnitzen und baute nach dem Krieg das Provisorium mit den hölzernen Türen aus Teilen einer Transportkiste der Deutschen Reichsbahn. Oehmichen wurde nicht entnazifiziert, weshalb er nicht ans Theater zurückkonnte und außerdem war er mittlerweile dem Reiz der Marionetten erlegen. Es geht in dem Roman nicht darum eine dunkle Seite in seinem Leben zu finden, aber natürlich wurzelte die Puppenkiste, die zu einem heißgeliebten Symbol der frühen Bundesrepublik wurde, wie vieles in den Jahren des Neubeginns nach 1945 im „Dritten Reich“.

Lutz Geißlers Almbackbuch. Die besten Brotrezepte und -geschichten von der Kalchkendlalm. Aus Liebe zum Brot. Von Lutz Geißler. Rezension von Britta Kiersch

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Lutz Geißlers Almbackbuch. Die besten Brotrezepte und -geschichten von der Kalchkendlalm. Aus Liebe zum Brot. Von Lutz Geißler   Eugen Ulmer Verlag   ISBN 978-3-8186-1130-9

Das neue, wunderbar dicke Buch des aktuellen Brot-Gurus Lutz Geißler ist ein opulentes Werk, das über das gewohnte Brotbackbuch hinaus geht. Außer dem wirklich stattlichen Rezeptteil, der keine Brot- und Brötchenwünsche offen lässt, erzählt Lutz Geißler von der Kalchkendlalm in den nördlichen Kalkalpen, wo er viele Backkurse gibt und Rezepte entwickelt hat.

Ich an meiner Seite. Von Birgit Birnbacher. Rezension von Britta Kiersch

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Ich an meiner Seite. Von Birgit Birnbacher   Zsolnay Verlag   ISBN 978-3-552-05988-7

Die österreichische Autorin ist Soziologin und schreibt aus der professionellen Perspektive absolut überzeugend über den 22-jährigen stillen und intelligenten Arthur, der nach 2 Jahren aus dem Gefängnis kommt. Schnell stellt er fest, dass die Rückkehr in die Gesellschaft fast unmöglich ist, nachdem er ihr wegen Internetbetrügereien zwangsweise den Rücken zukehren musste. Zuerst lebt er in einer Haftentlassenen-WG und wird Teil einer wissenschaftlichen Resozialisierungsstudie, in deren Zusammenhang er eine Therapie macht. Arthur soll versuchen eine Idealbesetzung seiner selbst zu entwerfen bzw. eine Art inneres Leitbild erstellen. Seine Gedanken im Zusammenhang mit den gestellten Aufgaben soll er auf Band sprechen. Es sind diese Aufnahmen, die ihn uns näherbringen, in denen wir ihn – wie sein schräger Therapeut - auf eine immer leicht distanzierte Art kennenlernen.

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