Wohlstand für Alle (Medienpräsenz)

37:03

Der Sozialstaat wird heute von der Linken verteidigt, während Konservative und die Rechte dagegen sind. Das klingt logisch, aber dabei wird die Geschichte vergessen: Reichskanzler Otto von Bismarck und Kaiser Wilhelm I. haben die Sozialisten mit einer Art Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie bekämpft.

Einerseits ist die Regierung hart gegen die Arbeiterklasse und ihre Vertreter vorgegangen, andererseits wurden in den 1880er Jahren verschiedene Formen der sozialen Sicherheit für die Arbeiterklasse eingeführt. Das war nicht einfach ein Gefallen der Reichen und Mächtigen gegenüber den Arbeitern, sondern eine clevere Strategie, die bis heute funktioniert: Die Arbeiter wurden so zur Loyalität gegenüber dem Staat erzogen – und durch die Einführung von Versicherungssystemen, deren Kosten angeblich von Arbeitnehmern und Arbeitgebern geteilt wurden, wurde ein Klassenfrieden (auch Sozialpartnerschaft genannt) gefeiert, der den Radikalismus der Sozialisten zähmte und später die SPD (Sozialdemokratische Partei) wiederholt dazu brachte, die Arbeiterklasse zu verraten.


The welfare state is defended today by the left, while conservatives and the right oppose it. This makes intuitive sense, but history is ignored: Chancellor Otto von Bismarck and Emperor Wilhelm I fought the socialists with a carrot-and-stick approach.

On the one hand, the government acted repressively against the working class and its representatives; on the other hand, various forms of social security were introduced for the working class in the 1880s. This wasn't simply a favor from the rich and powerful to the workers, but rather a clever strategy that continues to work today: Workers were thus cultivated into loyalty to the state – and by introducing insurance schemes whose costs were supposedly shared by employees and employers, a class peace (also called social partnership) was celebrated, which tamed the radicalism of the socialists and later repeatedly drove the SPD (Social Democratic Party) to betray the working class.

48:38

Frauen arbeiten besonders oft in sozialen Berufen, zusätzlich leisten sie täglich unbezahlte und unverzichtbare Arbeit. In ökonomischen Debatten geht diese Perspektive jedoch immer wieder unter. Im 9. WfA-Spezial spricht die Autorin Veronika Bohrn Mena daher über ihr neues Buch "Leistungsklasse. Wie Frauen uns unbedankt und unerkannt durch alle Krisen tragen". 

Außerdem spricht sie mit Wolfgang M. Schmitt über die neoliberale Politik der österreichischen Regierung. 

40:42

Immer häufiger sind wir von Robotern umgeben, sie sollen uns bei der Arbeit unterstützen oder gar ablösen. Manche sehen mit dem technischen Fortschritt eine Massenarbeitslosigkeit auf uns zukommen. Doch welche ethischen Maßstäbe müssen für Roboter und beim Umgang mit ihnen gelten? Welche Rolle spielt der Mensch in Zukunft noch? Mit solchen Fragestellungen beschäftigt sich die Philosophin Janina Loh. In ihrem Buch „Roboterethik“ führt sie in die brisante Thematik ein, im Gespräch mit Wolfgang M. Schmitt stellt sie ihre Forschung vor und macht deutlich, dass die Profitlogik des Kapitalismus der Ethik oft im Wege steht.

49:16

Das bürgerliche Lager hat sich endlich auch den Klassismusbegriff angeeignet, um den eigenen Status gegen alle Angriffe abzusichern. Hurra!
Der Philosophie-Professor Hanno Sauer legt mit seinem Buch „Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten“ ein Buch vor, das nicht nur das Versprechen des Untertitels nicht einhält, sondern auch die nötige Klarheit vermissen lässt, die es braucht, wenn man von Klasse reden will.

Klasse, Schicht, Status – Hanno Sauer ist alles recht, was sich assoziativ ergibt und was benötigt wird, um den Status quo abzusichern. Eine klassenlose Gesellschaft sei nicht möglich, selbst eine Politik gegen Ungleichheit wenig erfolgsversprechend – nur etwas weniger Diskriminierung wäre wünschenswert. Dieses Update von Thorstein Veblens „Theorie der feinen Leute“ kommt elaboriert daher, ist aber bemerkenswert blöde.

In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“ sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt über eine konservative Klassismustheorie.

36:23

Die Europäische Zentralbank (#EZB) ist das Feindbild vieler konservativer und libertärer Ökonomen. Auch Markus Krall, dessen Crash-Prophezeiungen zwar nicht eintreten, sich aber größter Beliebtheit erfreuen – vor allem bei YouTube –, sieht in der lockeren Geldpolitik unser Verderben. Noch in diesem Jahr soll es zum großen #Crash kommen (momentan gibt es dafür keine Anzeichen). 

Ähnlich wie Roland Baader denkt auch Krall, dass wir im #Geldsozialismus leben, den die „Kulturmarxisten“ der Frankfurter Schule ideologisch flankieren. Eine hedonistische Gesellschaft, die auf dem Rücken der sogenannten Leistungsträger ihre Laster auslebt, habe sich so gebildet, die den Kapitalismus zerstöre und eine Tyrannei der Mehrheit etabliere. Nur noch Gold könne uns aus diesem Elend erlösen. Eine ulkige Vorstellung, könnte man sagen, doch diese Weltanschauung, die die Ökonomie moralistisch betrachtet, ist keineswegs demokratiefreundlich gesinnt. Überdies ist sie auch – wirtschaftswissenschaftlich betrachtet – reichlich unsinnig.

30:20

Im Zuge der letzten großen #Finanzkrise hat man die Banken etwas stärker reguliert: Nicht mehr so leicht ist es nun, hochvolatile Papiere zu verkaufen, auch müssen Banken über mehr Eigenkapital als zuvor verfügen. Die Regierungen wollen verhindern, dass noch einmal Staaten Pleitebanken retten müssen, weil diese systemrelevant sind. Nicht systemrelevant hingegen sind Schattenbanken, deren Aufstieg mit der vergangenen Krise erst richtig an Fahrt aufnahm, denn sie unterliegen kaum Regulierungen und locken mit hohen Renditen in zinslosen Zeiten. Vermögensverwalter wie Blackrock, #StateStreet oder #Vanguard verwalten treuhänderisch Billionen Dollar und haben damit eine ungeheure Macht über die Finanzmärkte gewonnen, die nicht nur Kapitalismuskritikern Sorgen bereitet. Denn wenn das Kapital so stark konzentriert ist, ist immer weniger Wettbewerb möglich, Preiskartelle entstehen so schnell, aber auch die politische Macht von Larry Fink und seinen Kollegen wächst und wächst. Wie funktioniert das Geschäftsmodell von solchen Schattenbanken und warum sind sie eine Gefahr für die Demokratie? 

41:43

Es ist eines der wichtigsten Tech-Unternehmen, es liefert kritische Infrastruktur für ein Fünftel der Internetseiten, wenn es ausfällt, können Kassen nicht bedient und Flüge nicht gestartet werden – trotzdem ist Cloudflare über die Tech- und Börsenwelt hinaus kaum bekannt. 
Das 2009 in den USA gegründete Unternehmen, das 2019 an die Börse ging, schützt Websites vor Überlastung gegen Hacker-Angriffe und sorgt für Balance im Datenverkehr, sodass wir reibungslos durchs Internet surfen können. Mit lediglich ein paar Hundert Millionen Dollar finanziert und mit gerade einmal 4200 Mitarbeitern gehört Cloudflare zu den ganz Großen in der Tech-Welt.
Interessanterweise wird in der EU gerade viel über Sicherheit und Souveränität gesprochen. Wie kann es da sein, dass man so sehr auf ein einzelnes US-Unternehmen setzt, das zwar bislang die Netzneutralität gewährleisten will, aber schwer zu berechnen ist, falls sich die Politik in Washington verändern sollte. 
In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“ sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt über die unheimliche Erfolgsgeschichte des Unternehmens und über verschlafene Chancen in Europa.

8:03

Sie legen sich in Badewannen voller Nutella, präsentieren bei der Morning-Routine immense Produktpaletten und propagieren vehement Konsum: Die Influencer sind symptomatische Sozialfiguren unserer Zeit. In der Abstiegsgesellschaft scheinen noch einmal Aufstiegsträume wahr zu werden, der Spätkapitalismus hübscht sein Gesicht mit Filtern und Photoshop auf, mit einer revolutionären Form der Werbung komplettieren Instagrammer und Youtuber das Geschäftsmodell des kommerziellen Internets. Bei aller ausgestellten Modernität beeinflussen die Influencer jedoch noch in einer weiteren Hinsicht den Zeitgeist: Indem sie rückwärtsgewandte Rollenbilder, Konsumismus und rigide Körpernormen propagieren, leisten sie einem konservativen Backlash Vorschub. In unserem Buch „Influencer. Die Ideologie der Werbekörper“ analysieren wir – nicht ohne Polemik – ein wichtiges Phänomen des digitalen Kapitalismus.

40:47

Der japanische Marxist Kohei Saito ist der neue Star unter den Kapitalismus-Kritikern: Sein Bestseller „Systemsturz“ geht nicht nur hart ins Gericht mit MMT, Klimakeynesianismus, bürgerlichen Degrowth-Befürwortern und liberalen Klimaschützern, er fordert nichts anderes als einen Degrowth-Kommunismus. Der Kapitalismus führe in die Klimakatastrophe, dabei ist es unerlässlich vom BIP-Wachstum loszukommen. Viele würden jedoch bei einer Kritik an Konsumenten und deren Lebensweisen verharren, Saito hingegen kritisiert die Produktionsweise. Was ist dran an diesem Konzept, das nicht zuletzt eine neue Lesart der Marx’schen Schriften vorschlägt. Fortschritt und Produktivismus waren für den jungen Marx wichtig, aber Saito meint: Der späte Marx hat sich davon verabschiedet. Mehr dazu von Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt in der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“. 

58:37

Erich Fromm war einer der populärsten Philosophen und Psychoanalytiker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Buch "Haben oder Sein" wurde zum Bestseller, der sich bis heute gut verkauft. 
Fromm inspirierte viele Autoren, die sich kritisch mit Konsum und Wirtschaftswachstum auseinandersetzen wollten - ja, in Fromms Werk ist bereits zu finden, was bis heute in vermeintlich kapitalismuskritischen Diskursen virulent ist: Nicht mehr das Verhältnis von Kapital und Arbeit interessiert, sondern es ist vor allem das Verhältnis des Konsumenten zu seiner Um- und Mitwelt, das Sorgen bereitet. 
Seit Jahren ist davon die Rede, man müsse das Bewusstsein und die Narrative ändern, aber die eigentlichen Machtzentren werden nicht mehr angegriffen. Diese Haltung geht direkt auf Fromms "Haben oder Sein" zurück. 
Das Werk raunt viel, analysiert wenig und versteht fast nichts vom Kapitalismus. In der neuen Folge von "Wohlstand für Alle" setzten sich Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt kritisch mit dem Kultbuch auseinander.