Eine Frau ihrer Klasse
Mein Bildungsaufstieg in den Nachwendejahren und der Weg meiner Mutter. Dass ich als Kind einer Eberswalder Krankenschwester Abitur machen und eine Universität besuchen konnte, war keine Selbstverständlichkeit. Es war einzig dem Umstand zu verdanken, dass ich, Jahrgang 1975, das polytechnische Schulsystem der DDR durchlaufen hatte: Länger gemeinsam lernen. Inklusion statt Selektion. Hort und gemeinsame Hausaufgabenbetreuung. Das Wecken von Interessen und Neigungen blieb nicht allein den Eltern überlassen, sondern war gesamtgesellschaftlicher Bildungsauftrag. Mit dem Untergang der DDR wurde dieser Auftrag jedoch mit Tempo und Druck in die Familien zurückgepumpt. Dabei entstand – zumindest in meiner Familie – eine merkwürdige Gleichzeitigkeit gegensätzlicher Dynamiken. Während gesellschaftliche Abwertung die Erwerbsbiographien meiner Eltern brach, war der Grundstein für meinen Bildungsaufstieg gelegt. Erst am Sterbebett meiner Mutter verstand ich, wie quälend diese Entwicklung all die Jahre für sie gewesen sein musste. Von Ulrike Eifler Junge Welt 07.03.2026




