Überblick
Eröffnung von Tag 2 und Panel 1: Was US-Linke von China lernen können (03:12)
Comrade Vy eröffnet den zweiten Tag der Konferenz und stellt das erste Panel vor. Auf der Bühne sitzen Chet Ozmun (Übersetzer und ACP-Bildungsbeauftragter), Mochayaps, Haz Al-Din (Vorsitzender der ACP) und Eddie Liger Smith. Nach einem einleitenden Scherz über Leo Trotzki, der historisch dafür berüchtigt war, Barkeepern kein Trinkgeld zu geben, beginnt die Diskussion [812–813].
Die Realisierbarkeit des Sozialismus in China (12:22)
Das Panel betont, dass China der lebende Beweis dafür ist, dass der Sozialismus keine ferne Utopie ist, sondern eine hochmoderne, funktionierende Realität [815–816]. Während sich die westliche Linke oft dogmatisch auf das Ändern von Sprache und Vokabular fokussiert, hat China die Grenzen des subjektiven revolutionären Bewusstseins ausgelotet und eine tiefere, im Alltag und in der Gewohnheit verankerte Transformation vollzogen [817–819]. Sozialismus ist in China zu einer selbstverständlichen Realität geworden.
Bescheidene Anfänge und die Kraft des Glaubens (18:28)
Die Sprecher verweisen auf die bescheidenen historischen Anfänge der Kommunistischen Partei Chinas, die anfangs nur wenige Dutzend und nach zwei Jahren nur etwa 250 Mitglieder zählte [827–828]. Sie betonen, dass jede große historische Bewegung mit einem tiefen, unerschütterlichen Glauben beginnt und in extrem bescheidenen Verhältnissen (wie den kleinen Räumen, in denen Mao studiert und debattiert hat) ihren Anfang nimmt [828–830].
Fehltritte des Egos und historische Lehren (21:32)
Es wird eine pragmatische Herangehensweise an den Sozialismus gefordert, statt sich in unendlichen Lesekreisen zu verlieren [831–833]. Historische Fehltritte im Sozialismus – wie der Versuch, Entwicklungsstadien überhastet zu überspringen (z. B. in Tansania unter Nyerere) – werden als Fehltritte des Egos eingeordnet [834–836]. China hingegen hat aus den Fehlern anderer sozialistischer Systeme gelernt, vermeidet Dogmatismus und geht diszipliniert vor.
Stalins Erbe und Hudsons Kritik am US-Finanzkapitalismus (28:04)
Bezugnehmend auf Xi Jinping wird Joseph Stalin als historisch zu „70 % richtig und 30 % falsch“ bewertet [841–842]. Das Panel stellt Chinas produktiven Industriesozialismus dem parasitären Charakter des US-Finanzkapitalismus gegenüber [849–850]. Basierend auf den Analysen des Ökonomen Michael Hudson wird dargelegt, wie die US-Wirtschaft primär durch Schuldenfallen (wie Kreditkarten) und leistungslos generierte Zinsen und Mieten funktioniert, während in China der Staat die Banken kontrolliert und Kapital direkt in Infrastruktur und Armutsbekämpfung investiert [849–853].
Gebrauchswert vs. Tauschwert (32:30)
Es wird das marxistische Prinzip von Gebrauchswert und Tauschwert erörtert. Während das US-System auf die reine Akkumulation von Geld (Tauschwert) ausgerichtet ist, was zum Verfall der Infrastruktur führt, priorisiert eine sozialistische Planwirtschaft den tatsächlichen Nutzen für die Gesellschaft (Gebrauchswert) [855–858]. Xi Jinpings Antikorruptionskampagnen dienen dazu, die politische Macht der Arbeiterklasse über den Staat gegen den Einfluss von Privateigentümern abzusichern [860–861].
Literatur und Kunst (Chet Ozmun) (35:29)
Chet Ozmun erörtert die Rolle der Kunst und zitiert Maos berühmte Analogie, wonach Intellektuelle wie Haare sind, die eine Haut (Klasse) benötigen, an die sie sich anheften können. Er stellt das von ihm übersetzte Buch Silk Road Romance von Bai Longfung vor, das die Geschichte der Dunganen erzählt – chinesischen Muslimen in Zentralasien, die einen nordwestchinesischen Dialekt sprechen, diesen jedoch unter sowjetischen Linguisten in kyrillischer Schrift verschriftlichten [867–870].
Körperliche Ertüchtigung und Maos Lehren (41:43)
Unter Verweis auf Maos Frühwerk Über körperliche Erziehung wird die Devise ausgegeben: „Den Geist kultivieren, den Körper abhärten“ (civilize the mind and make savage the body) [864–865, 878–879]. Wer eine Revolution ernst meint, muss sich mental und physisch vorbereiten, wie es auch Che Guevara tat, der mit einem gewichteten Rucksack in den Bergen trainierte [879–881].
Innere Ruhe und die Überwindung von Spaltung (46:52)
Haz Al-Din betont, dass die größte Gefahr für Organisationen in Friedenszeiten nicht der Staat oder die Geheimdienste sind, sondern die persönliche Unreife, Resentments, Egos und Eifersucht unter den Mitgliedern [875, 889–891]. Bevor man das Recht beansprucht, als Revolutionär die Welt zu verändern, muss man erst inneren Frieden kultivieren.
Die Entdollarisierung und die unvorbereitete US-Linke (51:19)
Das Panel analysiert den Niedergang des US-Dollars und das Entstehen eines alternativen, durch Gold gedeckten Yuan-Währungssystems [893–896]. Dennoch warnt das Panel davor, untätig darauf zu warten, dass China oder der globale Süden den Sozialismus nach Amerika bringen [899–900]. Die US-Linke muss im eigenen Land eine organisierte, handlungsfähige Kraft aufbauen, um die Trümmer aufzusammeln, falls das System kollabiert [900–902].
Die Yan'an-Konferenz über Literatur und Kunst (1:00:55)
Bezugnehmend auf Maos Reden auf dem Forum von Yan'an (1942) wird das Konzept des romantischen Realismus erörtert [911, 915–918]. Künstler und Autoren dürfen die harten Realitäten (wie Armut und Zeltstädte) im imperialen Kern nicht verschweigen, müssen aber gleichzeitig die Entschlossenheit und Hoffnung auf eine sozialistische Zukunft im Volk wecken [918–921].
Utopie vs. Realität in China (1:06:01)
Die Sprecher berichten von ihren persönlichen Erfahrungen in China, wo die Menschen sehr selbstkritisch sind und Missstände wie Korruption oder den grassierenden Konsumismus offen ansprechen [921, 925–928]. Es ist jedoch die Pflicht der westlichen Linken, diese Mängel nicht für die Kriegspropaganda des US-State-Departments instrumentalisieren zu lassen [938–939].
Anpassung des Marxismus an die eigenen Bedingungen (1:16:57)
Es wird dargelegt, dass Mao den Mut hatte, mit der europäischen, sozialdemokratisch geprägten Orthodoxie zu brechen und den Marxismus an den reichen, civilisatorischen und ländlichen Kontext Chinas anzupassen [944, 948–951]. Auch in den USA müssen Linke den Mut haben, kreativ zu denken und den Marxismus tief in den spezifischen Bedingungen ihres eigenen Landes zu verankern, anstatt nur dogmatische Modelle zu kopieren [951–953].
Skeptische jüngere Generationen (1:21:55)
Das Panel diskutiert die unpolitische oder teils negative Haltung mancher junger chinesischer Studenten im Ausland. Eddie Smith kommentiert, dass viele Menschen im Alltag einfach nur ihr Leben leben wollen und sich erst dann politisieren, wenn sie die harten Realitäten und die grassierende Verschuldung im Westen am eigenen Leib erfahren [956–958].
Wahlkampf als revolutionäres Werkzeug (1:58:46)
Dr. Butch Ware (Green-Party-Vizepräsidentschaftskandidat von 2024) betritt die Bühne [971–972]. Er erörtert das US-Zweiparteiensystem (Duopol) als Wahl zwischen „Team blauem Genozid“ (Demokraten) und „Team rotem Faschismus“ (Republikaner). Er argumentiert, dass Wahlen für revolutionäre Kräfte kein Selbstzweck, sondern eine Plattform zur Mobilisierung und zum Aufbau von Gegenmacht (Dual Power) sein müssen.
Die Demokratische Partei als Instrument der Aufstandsbekämpfung (2:05:45)
Ware zitiert den Wissenschaftler Dylan Rodriguez, wonach die Demokratische Partei die effektivste Counterinsurgency-Organisation der Menschheitsgeschichte ist [984–985]. Ihre einzige Funktion besteht darin, radikalen, populistischen Protest zu absorbieren, zu kaufen und unschädlich zu machen [985–987].
Wares Weg zum Glauben und Black Liberation (2:11:53)
Ware schildert seine Jugend in Armut und wie ihn die Autobiografie von Malcolm X im Alter von 15 Jahren zur Konversion zum Islam und zum revolutionären Internationalismus bewegte [988, 990–994]. Er betont, dass die historisch wirksamsten sozialistischen Bewegungen in den USA stets von Schwarzen geführt wurden (wie den Black Panthers) und dass ein echter Sozialismus in den USA untrennbar mit Black Liberation, Reparations und indigener Souveränität verbunden sein muss [983, 991, 996–997].
Die unentbehrliche Rolle der Selbstverteidigung (2:33:12)
Bezugnehmend auf die Bürgerrechtlerin Fannie Lou Hamer, die stets eine Schrotflinte in jeder Ecke ihres Schlafzimmers bereithielt, warnt Ware vor der Romantisierung bewaffneter Konflikte [1031, 1037–1038, 1141–1142]. Gleichzeitig betont er, dass Selbstverteidigung und wehrhafte Vorbereitung im Geiste der Black Panthers unentbehrlich sind [1034–1036, 1038].
DSA-Blockade und der Verrat der etablierten Linken (3:00:21)
Ware berichtet von seinen Erfahrungen aus dem Jahr 2024. Die Führung der DSA erteilte ihren Mitgliedern eine strikte „Gag Order“, niemals Kandidaten links von den Demokraten zu unterstützen (wie im Fall des Anwalts Oliver Ma) [1109–1110]. Zudem weigerte sich die PSL trotz eines Angebots von Dr. Jill Stein, ein gemeinsames linkes Ticket zu bilden.
Panel 2
Antiimperialismus und die Rolle der Linken (4:17:54)
Das zweite Panel wird eröffnet und besetzt von Slava Jalili, Mochayaps, Guy Christensen, Dr. Butch Ware und Nick Cruse [1145–1147]. Das Thema ist das Zusammenspiel von Klassenkampf, Antiimperialismus und der Widerstand gegen das US-Imperium.
Die Brutalität des US-Militärs und der Kampf gegen die NATO (4:20:27)
Nick Cruse geißelt die Verbrechen des US-Militärs, wie den Drohnenangriff auf ein Krankenhaus von Ärzten ohne Grenzen unter Obama [1149–1150]. Er verurteilt die Heuchelei von DSA-Politikern, die sich weigern, die NATO als das zu benennen, was sie ist: Eine faschistische, imperiale Struktur zur weltweiten Aufrechterhaltung der bürgerlichen Klassenherrschaft [1155–1156, 1162].
Der imperiale Boomerang und die Zensur der Jugend (4:36:56)
Guy Christensen schildert den „Imperial Boomerang“: Die faschistischen Methoden, die der Westen im Ausland (wie in Gaza) testet, kehren unweigerlich ins Inland zurück. Er selbst wurde von der Ohio State University relegiert, weil er Videos gegen den Genozid in Gaza veröffentlichte. Als Reaktion auf das Aufwachen der Jugend konsolidieren Tech-Oligarchen die Medienlandschaft und etablieren eine totalitäre Zensur-Infrastruktur.
Ukrainische Realitäten: Post-Sowjetischer Kollaps (4:50:54)
Slava Jalili schildert ihre Kindheit in der post-sowjetischen Westukraine. Nach der Einführung des Kapitalismus kollabierten Wirtschaft und Infrastruktur vollständig [1211–1212]. Sie demaskiert die westliche Berichterstattung: Während Selenskyj im Westen als Held gefeiert wird, hat er in der Ukraine alle sozialistischen Parteien verboten, Oppositionelle verhaften lassen und die Ressourcen des Landes direkt an BlackRock verkauft.
Zwangsrekrutierungen und der anti-russische Terror (4:58:44)
Jalili berichtet von den brutalen Methoden des Kiewer Regimes, das ukrainische Männer wie Sklaven auf den Straßen einfängt, um sie als Kanonenfutter für die NATO zu opfern. Wer Geld hat, kann sich für horrende Summen an den Grenzen freikaufen [1227–1229]. Sie betont, dass der Feind nicht in Moskau oder Peking sitzt, sondern in den herrschenden Eliten in Washington und Berlin.
Kulturelle Hegemonie: Der Kampf auf dem Feld der Kultur (5:41:39)
Unter Berufung auf Gramsci betont Dr. Ware, dass der Klassenkampf im Kern auf dem Feld der Kultur ausgetragen wird. Hip-Hop und Kunst (wie Public Enemy) haben historisch mehr zur Radikalisierung beigetragen als staubige Theorie-Schriften. Die Linke muss eine Ästhetik und Kultur des Widerstands kultivieren, die die Herzen der Menschen erreicht.
Das Recht auf Widerstand (5:49:57)
Das Panel bekräftigt unter Applaus das völkerrechtlich verankerte Recht und die moralische Pflicht besetzter Völker auf bewaffneten Widerstand. Institutionen wie die UN werden als koloniale Absprachen demaskiert, die historisch nur dazu dienten, die Beute des Globalen Südens unter den imperialistischen Mächten aufzuteilen.
Der Spagat zwischen Mobilisierung und Organisation (6:08:20)
Es wird an den Unterschied zwischen bloßer Mobilisierung (Demonstrationen) und dauerhafter Organisation erinnert. Proteste dienen dem System oft nur als Druckablassventil [1378, 1510–1511]. Wahre revolutionäre Arbeit besteht im mühsamen, täglichen Aufbau lokaler Institutionen und Überlebensstrukturen (Dual Power).
Panel 3:
Wahlpolitik von unten (6:44:04)
Das letzte Panel des Abends wird besetzt von Jordan Diaz (Working Class Party), Dr. Carlos L. Garrido und Dr. Butch Ware [1402–1404]. Das Thema ist das Potenzial und die Grenzen des linken Elektoralismus.
Das unreformierbare genozidale System der Demokraten (6:47:15)
Jordan Diaz berichtet von seiner Kampagne in Chicago. Obwohl er doppelt so viele Unterschriften wie nötig sammelte, ließen die Demokraten ihn über juristische Winkelzüge vom Stimmzettel streichen, weshalb er nun als Write-in-Kandidat antritt [1407–1408]. Dr. Garrido ergänzt, dass es ein fataler Irrglaube ist, die Demokratische Partei reformieren zu wollen [1412–1413]. Sie ist ein faschistisches, unreformierbares Instrument des globalen Großkapitals.
Wahlkampf als Mittel zum Zweck (7:46:18)
Jordan Diaz stellt klar, dass es bei sozialistischen Kandidaturen nicht darum geht, bürgerliche Parlamentssitze zu erhaschen, sondern die Wahlen als Plattform zur unabhängigen Organisierung der Arbeiterklasse zu nutzen [1408–1409, 1556]. Erst wenn die Arbeiter die Fabriken und Banken selbst kontrollieren, ist reale Macht erreicht [1556–1557].
Schlusswort: Keine Zeit für Pessimismus (7:56:37)
Dr. Garrido schließt die Konferenz mit einem Zitat von Lenin: „Pessimismus ist ein kleinbürgerliches Ding“. Er betont, dass wir Zeugen des historischen Zusammenbruchs des US-Imperiums sind und dieses mit Mut und Optimismus aktiv gestalten sollten [1561–1562]. Dr. Ware schließt unter tosendem Applaus mit Frantz Fanon: „Jede Generation muss aus relativer Dunkelheit ihre Mission entdecken und sie entweder erfüllen oder verraten“