Midwestern Marx (Medienpräsenz)

53:03

Philosophy professor Carlos L. Garrido talks with professional translator Chet Ozmun. 

Überblick

Einführung und Chads Übersetzungsarbeit (00:16) Chad ist Mitglied der Bildungsabteilung der American Communist Party und arbeitet für den Verlag Midwest Remarks. Er hat zahlreiche Verträge mit führenden chinesischen Akademikern abgeschlossen, um deren Werke im englischsprachigen Raum zu veröffentlichen. Er verfügt über umfassende Kenntnisse der chinesischen kommunistischen Geschichte und beherrscht die chinesische Sprache.

Unterschiedliche Deutung der Kulturrevolution (02:17) Während die Kulturrevolution im Westen meist als ein starrer Zehnjahreszeitraum (1966–1976) betrachtet wird, assoziiert man in China mit diesem Begriff eher die spezifischen Formen von Extremismus, die in dieser Zeit auftraten. In China wird die Epoche nuancierter betrachtet, wobei bestimmte Bewegungen innerhalb dieses Jahrzehnts durchaus positiv bewertet werden.

Die „Ab-aufs-Land“-Bewegung und Xi Jinpings Erfahrung (03:25) Ein Beispiel für eine positiv besetzte Entwicklung ist die Bewegung, bei der junge Menschen aufs Land geschickt wurden. Xi Jinping sammelte in dieser Zeit in einem armen Dorf in der Provinz Shaanxi grundlegende Erfahrungen an der Basis. Während der Westen solche Bewegungen oft pauschal als Teil der Kulturrevolution verurteilt, werden sie in China als wichtige prägende Phasen für Kader gefeiert.

Umgang mit Ultralinkem Extremismus im Film (07:11) Chad erläutert anhand der TV-Serie „Into the Great Northwest“ (über Xi Jinpings Vater), wie China historische Instanzen von „Ultralinkstum“ verarbeitet. In der Serie werden loyale Kommunisten gezeigt, die fälschlicherweise als Spione verfolgt wurden. Anders als in Hollywood-Produktionen erhalten selbst die ultralinken Verfolger oft einen rehabilitierenden Bogen, indem sie ihre Fehler eingestehen. Dies spiegele die dialektische Sichtweise der aktuellen Führung auf die Geschichte wider.

Pluralität in der KPCh und der Fall Bo Xilai (12:50) Entgegen der westlichen Wahrnehmung ist die KPCh nicht homogen, sondern beherbergt eine Vielzahl ideologischer Strömungen. Chad erinnert an Bo Xilai, den ehemaligen Gouverneur von Chongqing, der mit populistischen Slogans eine Rückbesinnung auf Mao-Jahre forderte. Sein Sturz wegen Korruption und Mord dient heute als Warnung vor Führungspersonen, die radikale Slogans als Maske für eigenes Fehlverhalten nutzen.

Wissenschaft, Kritik und kulturelles Erbe (18:48) Chad beschreibt die Rolle von Intellektuellen wie Professor Kong Qingdong, die als „Stachel“ im Fleisch der Partei fungieren und durch konstruktive Kritik an sozialen Missständen die Selbstzufriedenheit verhindern. Zudem räumt er mit dem Vorurteil auf, die Kommunisten hätten die chinesische Kultur zerstört; das große Konfuzius-Museum in Shandong sei ein Beweis für die Wertschätzung des historischen Erbes durch die heutige Regierung.

Armutsbekämpfung am Beispiel von Huang Wenxiu (23:46) Huang Wenxiu war eine junge Kader-Mitarbeiterin, die ihr Leben der Armutsbekämpfung in einem abgelegenen Dorf widmete und 2019 bei einem Unwetter ums Leben kam. Ihr Einsatz zeigt, dass es bei der chinesischen Strategie nicht um bloße Almosen („Handouts“) geht, sondern um die Schaffung von Infrastruktur (z. B. Straßenbau für den Obstexport), damit die Menschen sich selbst aus der Armut befreien können.

Revitalisierung des Marxismus unter Xi Jinping (35:00) Unter Xi Jinping wurde der Marxismus in der chinesischen Gesellschaft wieder stärker verankert. Es gehe dabei nicht nur um das Auswendiglernen von Zitaten, sondern um einen Prozess des „Party Building“, bei dem die Ideologie als motivierende, fast spirituelle Kraft verinnerlicht wird. Ziel ist es, die Loyalität und den Geist der Partei in jedem Mitglied zu festigen.

Kommunismus als eine Form des Glaubens (39:33) In China wird für die Überzeugung von Parteimitgliedern oft wortwörtlich der Begriff „Glaube“ verwendet. Chad berichtet von einem Gespräch mit einem KPCh-Mitglied, für die Parteimitgliedschaft und eine religiöse Zugehörigkeit (z. B. Christentum) unvereinbar waren, da der Kommunismus bereits den Platz eines umfassenden Glaubenssystems einnimmt. Dieser Glaube an die Massen strukturiert die Art und Weise, wie die Menschen die Welt wahrnehmen und verändern.

Das Problem der westlichen Übersetzungen (47:11) Das größte Missverständnis über China resultiert laut Chad aus einer verzerrten Übersetzung. Viele professionelle Übersetzer im Westen seien ideologisch nicht kommunistisch geprägt und hegten einen nihilistischen Blick auf die KPCh. Dadurch wählen sie Werke aus, die das eigentliche Verständnis der chinesischen Regierungsführung für die amerikanische Bevölkerung eher verschleiern als erhellen