Info
Hyperimperialismus und die Neuausrichtung der globalen Machtverhältnisse
Zusammenfassung einer Video-Debatte mit Michael Hudson und Vijay Pashad
1.0 Einleitung: Definition einer neuen globalen Ära
Die Welt befindet sich in einer Phase tiefgreifender geopolitischer Umwälzungen, die durch neue und eskalierende Konflikte gekennzeichnet ist. Um diese Entwicklungen strategisch zu deuten, ist ein neues analytisches Vokabular erforderlich. Der Begriff des Hyperimperialismus beschreibt ein neues, gefährliches und dekadentes Stadium des Imperialismus, das die heutigen globalen Machtverhältnisse prägt. Die strategische Notwendigkeit, dieses Konzept zu verstehen, liegt in seiner Fähigkeit, die Mechanismen hinter den wachsenden Spannungen, wirtschaftlichen Verwerfungen und militärischen Konfrontationen zu entschlüsseln.
Dieser Bericht positioniert sich als eine tiefgehende Untersuchung der Strukturen, die die Beziehungen zwischen dem von den USA geführten „Globalen Norden“ und dem aufstrebenden „Globalen Süden“ definieren. Er analysiert die Instrumente der Machtausübung, die ökonomische Logik, die sie antreibt, und die geopolitischen Bruchlinien, die sich daraus ergeben. Um die Einzigartigkeit der gegenwärtigen Konstellation vollständig zu erfassen, ist jedoch zunächst eine historische Einordnung der Evolution des Imperialismus unerlässlich.
--------------------------------------------------------------------------------
2.0 Die historische Evolution des Imperialismus: Von Lenin zu Hudson
Das Verständnis der historischen Entwicklung imperialistischer Theorien ist von entscheidender strategischer Bedeutung, um die spezifischen Merkmale der heutigen globalen Ordnung zu erkennen. Jede Phase des Imperialismus hatte ihre eigene Logik und ihre eigenen Konfliktlinien. Die Analyse dieser Phasen zeigt, wie sich die Instrumente der Macht und die globalen Kräfteverhältnisse verschoben haben, was zu der heutigen Konstellation des Hyperimperialismus führte.
2.1 Lenins Analyse des Interimperialismus
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts definierte W. I. Lenin in seiner Schrift von 1916 den Imperialismus als ein Stadium des Kapitalismus, das durch interkapitalistischen Konflikt gekennzeichnet war. Kapitalistische Unternehmen hatten die Grenzen ihrer Nationalstaaten überschritten, was zu einem interimperialistischen Konflikt um Territorien, Ressourcen und Märkte führte. Diese Analyse bot einen Erklärungsrahmen für den langen Krieg, der Europa von 1914 bis 1945 prägte – als eine Serie von Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden imperialistischen Mächten.
2.2 Hudsons „Superimperialismus“ nach 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg wandelte sich die globale Ordnung fundamental. Das von Michael Hudson beschriebene System des Superimperialismus trat an die Stelle des interimperialistischen Konflikts. Die Vereinigten Staaten etablierten eine unangefochtene Vormachtstellung und schufen eine globale Architektur, die ihre Dominanz zementierte. Institutionen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank wurden zu Instrumenten, um neu unabhängigen Nationen durch eine Politik der „Schuldenknechtschaft“ (debt servitude) ökonomische Fesseln anzulegen.
Dieses System war jedoch nicht absolut. Die Existenz der Sowjetunion und des „sozialistischen Lagers“ schuf ein Gegengewicht und beeinflusste das globale Kräfteverhältnis. Der Kalte Krieg war somit nicht nur ein ideologischer Konflikt, sondern auch ein Kampf um die globale Wirtschaftsordnung.
2.3 Der Übergang zum Hyperimperialismus
Die Modelle von Lenin und Hudson reichen nicht mehr aus, um die Welt nach der globalen Finanzkrise von 2007 und dem darauf folgenden wirtschaftlichen Stillstand im Globalen Norden zu erklären. Wie von Vijay Prashad dargelegt, hat diese Krise eine Art „dritte große Depression“ im Norden ausgelöst, die durch extrem niedrige Wachstumsraten in der Realwirtschaft gekennzeichnet ist. Diese ökonomische Schwäche, kombiniert mit dem Aufstieg neuer globaler Akteure, hat eine neue Phase eingeläutet: den Hyperimperialismus.
Im folgenden Kapitel werden die spezifischen Merkmale dieses heutigen Systems und seine Kontrollmechanismen detailliert untersucht.
--------------------------------------------------------------------------------
3.0 Anatomie des Hyperimperialismus: Die fünf Säulen der globalen Kontrolle
Eine strategische Bilanz der westlichen Machtinstrumente offenbart eine gespaltene Realität. Während die militärische und informationelle Dominanz absolut erscheint, erodiert die Hegemonie in den entscheidenden ökonomischen und technologischen Bereichen. Das vom Ökonomen Samir Amin entwickelte und von Vijay Prashad zitierte Analyseraster der fünf Kontrollen dient als präzises Instrument zur Vermessung dieser geopolitischen Bruchlinien. Es zeigt auf, wo die Macht des von den USA geführten Blocks noch intakt ist und wo sie bereits signifikant herausgefordert wird.
3.1 Aufgebrochene Hegemonie: Die erodierenden Säulen der Macht
In drei der fünf Bereiche wird die Hegemonie des von den USA geführten Blocks signifikant herausgefordert. Diese Entwicklungen deuten auf eine strukturelle Verschiebung der globalen Macht hin.
- Kontrolle über Rohstoffe (Status: Aufgebrochen): Die traditionelle Ausbeutung von Rohstoffen wird zunehmend in Frage gestellt. Länder wie Indonesien und die neu gegründete Allianz der Sahel-Staaten fordern aktiv die Souveränität über ihre natürlichen Ressourcen zurück. Sie sind nicht länger bereit, ihre Rohstoffe praktisch umsonst abzugeben, was die Grundlage des extraktiven Modells des Nordens bedroht.
- Kontrolle über Finanzen (Status: Umkämpft): Dieser Bereich ist stark umkämpft. Die exzessive Nutzung von Sanktionen durch den Westen zwingt einen großen Teil der Welt dazu, alternative Finanzsysteme und Handelsmechanismen zu entwickeln. Der Handel in lokalen Währungen nimmt zu und umgeht den US-Dollar. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass der Begriff „De-Dollarisierung“ laut Quelle als ein überbewertetes Internet-Phänomen gilt. Der Wandel ist real, aber graduell und findet auf der Ebene praktischer Handelsbeziehungen statt, nicht durch eine plötzliche Ablösung des Dollars als Weltleitwährung.
- Kontrolle über Wissenschaft und Technologie (Status: Umkämpft): Das westliche Monopol auf Spitzentechnologie zerbricht. China hat sich zu einem ernsthaften Herausforderer entwickelt und treibt Innovationen in Schlüsselbereichen wie der Künstlichen Intelligenz (KI) voran. Dieser technologische Wettbewerb ist mit dem Wettlauf ins All während des Kalten Krieges vergleichbar und bedroht die Technologiemonopole, die lange Zeit eine Quelle westlicher Überlegenheit waren.
3.2 Verbleibende Dominanz: Die ungebrochenen Machtinstrumente
In zwei Bereichen behält der von den USA geführte Westen eine quasi-absolute Vormachtstellung. Diese Instrumente werden zunehmend eingesetzt, um die schwindende Hegemonie in anderen Bereichen zu kompensieren.
- Militärische Macht (Status: Dominant): Die USA und ihre Verbündeten sind militärisch jedem anderen Akteur auf dem Planeten „weit überlegen“. Jährliche Militärausgaben von über einer Billion Dollar allein in den USA sichern diese Dominanz. Es muss jedoch klar zwischen der immensen destruktiven Fähigkeit und der Fähigkeit zur politischen Kontrolle unterschieden werden. Wie der Einsatz eines EA-18A Growler-Kampfflugzeugs über Venezuela demonstrierte, können die USA die technologischen Kapazitäten eines Landes lahmlegen. Gleichzeitig haben die Erfahrungen im Irak, in Afghanistan und in Libyen gezeigt, dass diese militärische Überlegenheit nicht in die Fähigkeit übersetzt werden kann, Länder politisch zu regieren. Dies reduziert die Militärmacht zunehmend zu einem rein destruktiven Spoiler- oder Strafinstrument, anstatt zu einem Werkzeug für konstruktive politische Ziele.
- Informationshoheit (Status: Dominant): Der Westen verfügt über einen „absoluten Griff“ auf die globalen Informationsflüsse. Dies manifestiert sich auf mehreren Ebenen:
- Nachrichtenagenturen: Associated Press (AP) und Reuters dominieren die globale Nachrichtenproduktion. Journalisten im Globalen Süden sind oft gezwungen, deren Narrative zu übernehmen.
- Digitale Infrastruktur: US-Unternehmen kontrollieren essenzielle Infrastrukturen wie Unterseekabel. Die Mehrheit der Satelliten, die den Globus umkreisen, gehören Elon Musk – mehr als die chinesische Regierung besitzt.
- Strategische Waffe: Information wird gezielt als Waffe eingesetzt, um die Hegemonie zu sichern, was in jedem strategischen Dokument der NATO und anderer westlicher Institutionen deutlich wird.
Diese verbleibenden Machtinstrumente sind jedoch nur der sichtbare Ausdruck einer tieferliegenden ökonomischen Logik, die im nächsten Kapitel analysiert wird.
--------------------------------------------------------------------------------
4.0 Die ökonomische Logik: Rentier-Kapitalismus als treibende Kraft
Für das Verständnis der US-Außenpolitik und der Logik des Hyperimperialismus ist die strategische Unterscheidung zwischen produktivem Industriekapitalismus und extraktivem Finanz- oder Rentier-Kapitalismus von zentraler Bedeutung. Die heutige westliche Wirtschaftsordnung basiert nicht mehr primär auf der Produktion von Gütern, sondern auf der Aneignung von Renten. Diese Verschiebung vom produktiven Industriekapitalismus zum extraktiven Rentier-Kapitalismus ist nicht nur eine interne ökonomische Entwicklung; sie ist der entscheidende Faktor, der die in Kapitel 3 analysierte Erosion der westlichen Hegemonie in den Bereichen Rohstoffe, Finanzen und Technologie antreibt.
4.1 Deindustrialisierung und die Dominanz des Finanzkapitals
Der Westen hat sich von einer produktiven zu einer „finanzialisierten“, „privatisierten“ und hochpreisigen Wirtschaftsordnung entwickelt. Die USA sind keine industrielle Supermacht mehr; stattdessen ist ihre Wirtschaft von einem Finanzsektor geprägt, der kurzfristige Gewinne über langfristige Investitionen stellt. Eine von Michael Hudson zitierte Analyse zeigt, dass 92 % der Cashflow-Gewinne von S&P-500-Unternehmen für Dividenden und Aktienrückkäufe verwendet werden, während nur 8 % in neue Kapitalinvestitionen fließen. Diese Priorisierung finanzieller Ansprüche gegenüber produktiver Expansion ist ein Kernmerkmal des Rentier-Kapitalismus.
4.2 Das Dollar-System als Rückgrat der Macht
Das Petrodollarsystem ist ein zentrales Instrument zur Aufrechterhaltung der globalen Macht. Es zwang historisch Ölexporteure wie die OPEC-Staaten, ihre Einnahmen in US-Staatsanleihen zu investieren. Diese Kapitalzuflüsse finanzierten direkt das US-Haushaltsdefizit und die enormen Militärausgaben. Die Kontrolle über Rohstoffe wird so in eine finanzielle Kontrolle umgewandelt. Aktuelle Beispiele verdeutlichen diesen Mechanismus:
- Irak: Nach der US-Invasion werden die Erlöse aus dem irakischen Ölverkauf an die irakische Regierung und von dort an die USA weitergeleitet, die über ihre Verwendung entscheiden.
- Venezuela: Die USA haben die Kontrolle über die venezolanischen Ölexporte an sich gerissen. Die Erlöse werden in US-Banken deponiert, wo die US-Regierung über ihre Verwendung entscheidet.
4.3 Der Widerspruch zwischen Profit und Rente
Der fundamentale Gegensatz zwischen dem klassischen Industriekapitalismus und dem modernen Finanzkapitalismus liegt in der Herkunft des Gewinns:
- Profit (Mehrwert): Entsteht im klassischen Industriekapitalismus aus der produktiven Anwendung von Arbeit und Kapital zur Herstellung von Gütern und Dienstleistungen.
- Rente (Extraktion): Entsteht im modernen Finanzkapitalismus aus der Kontrolle über Monopole, Patente, Grundbesitz oder Finanzanlagen. Sie wird nicht geschaffen, sondern von der produktiven Wirtschaft abgeschöpft.
Aus dieser Perspektive, so Hudson, betrachtet der heutige Imperialismus die Schaffung von Mehrwert in anderen Ländern nicht als Chance, sondern als Bedrohung. Jede Nation, die industrialisiert und produktiven Wohlstand schafft, stellt eine direkte Herausforderung für ein auf extraktiver Rente basierendes System dar – eine Dynamik, die Chinas technologischen Aufstieg (siehe 3.1.3) aus westlicher Sicht zu einer existenziellen Bedrohung macht. Diese ökonomische Realität formt maßgeblich die geopolitischen Allianzen und Konflikte der Gegenwart.
--------------------------------------------------------------------------------
5.0 Geopolitische Bruchlinien: Der Globale Norden gegen den Globalen Süden
Die aktuellen Machtdynamiken erfordern eine Neubewertung der traditionellen Bezeichnungen „Globaler Norden“ und „Globaler Süden“. Diese Begriffe dürfen nicht nur als Metaphern für Ungleichheit verstanden werden, sondern müssen als analytische Kategorien für konkrete politische und wirtschaftliche Blöcke dienen.
5.1 Der Globale Norden als kohärenter Machtblock
Der Globale Norden agiert als eine fest gefügte, kohärente Struktur. Seine Einheit basiert auf bindenden Institutionen wie der G7 und der NATO. Europa fungiert in diesem Gefüge zunehmend als „Vasall“ der Vereinigten Staaten. Der Grund dafür ist nicht nur militärische Abhängigkeit, sondern die tiefe finanzielle Integration der europäischen Bourgeoisie in das Dollar-System. Ihr Kapital ist an der Wall Street, etwa bei BlackRock, investiert, nicht primär in den nationalen Märkten. Dies macht ihre Interessen untrennbar mit der Aufrechterhaltung der US-geführten Finanzarchitektur verbunden.
5.2 Der Globale Süden als heterogenes Feld
Im Gegensatz zum Norden ist der Globale Süden kein einheitlicher Block mit bindenden Verträgen. Er ist vielmehr eine heterogene Ansammlung von Nationen, deren gemeinsames Merkmal der Kampf um Souveränität ist. Dieses Streben nach politischer und wirtschaftlicher Selbstbestimmung ist die treibende Kraft, die diese Länder trotz ihrer unterschiedlichen Interessen verbindet.
5.3 Die Rolle von BRICS und die Fortsetzung der Ausbeutung
Die BRICS-Staatengruppe (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika und ihre neuen Mitglieder) sollte nicht als direkte politische oder militärische Allianz gegen den Norden missverstanden werden. Primär handelt es sich um ein Handelsbündnis, das darauf abzielt, die Süd-Süd-Kooperation zu stärken und die Abhängigkeit vom Norden als „Käufer letzter Instanz“ zu verringern.
Gleichzeitig besteht die strukturelle Ausbeutung fort. Eine von Jason Hickel durchgeführte Analyse, die von Vijay Prashad zitiert wird, beziffert den Nettotransfer von Werten durch ungleichen Tausch vom Süden in den Norden allein für das Jahr 2021 auf 18,4 Billionen US-Dollar. Dieses enorme Tributsystem bleibt eine fundamentale Realität der Weltwirtschaft und treibt die Bemühungen des Südens an, alternative Strukturen zu schaffen. Diese Dynamik führt direkt zum strategischen Ausblick auf die Zukunft der globalen Ordnung.
6.0 Das Fortbestehen der Konflikte des Zweiten Weltkriegs
Ein wiederkehrendes Thema ist die Instrumentalisierung historischer Konflikte durch die USA.
- Deutschland und Japan: Hudson stellt fest, dass Deutschland und Japan, die Verlierer des Zweiten Weltkriegs, nun ermutigt werden, alte Konflikte wieder aufzunehmen, in dem Glauben, „dass sie dieses Mal gewinnen können, wenn sie nur die Vereinigten Staaten auf ihrer Seite haben“.
- Ein ununterbrochener Krieg: Es wird die These aufgeworfen, dass der Zweite Weltkrieg nie wirklich endete, sondern in den Kalten Krieg und die heutigen Auseinandersetzungen überging. Japan hat beispielsweise nie einen Friedensvertrag mit Russland unterzeichnet.
7. Methodologische Kritik und Aufruf zur empirischen Forschung
Beide Sprecher betonen die Notwendigkeit, bestehende Theorien kritisch zu hinterfragen und auf einer soliden empirischen Grundlage zu arbeiten.
- Gegen dogmatische „Marxologie“: Prashad warnt davor, die Schriften von Marx als transhistorische Wahrheit zu behandeln. Er fordert dazu auf, die marxistische Methode anzuwenden, um die heutige Realität zu analysieren, anstatt ein „Marxologe“ zu werden, der Marx versteht, aber nicht die Welt. Er appelliert eindringlich an die Zuhörer: „Ich möchte Sie wirklich dringend bitten, Zeit mit empirischer Forschung zu verbringen.“
- Kritik an bürgerlicher Statistik: Hudson kritisiert die moderne Volkswirtschaftslehre, insbesondere die Berechnung des BIP, dafür, dass sie den Unterschied zwischen produktiver Wertschöpfung und unverdientem Einkommen aus Rente verschleiert. Er betont die entscheidende Bedeutung von Marx‘ Unterscheidung zwischen Wert und Preis sowie zwischen Mehrwert und Rente (aus Band 2 und 3 des Kapitals und den Theorien über den Mehrwert). Eine korrekte statistische Analyse, die diese Unterscheidungen trifft, ist laut Hudson unerlässlich, um die selbstzerstörerische Dynamik des Finanzkapitalismus aufzuzeigen.
--------------------------------------------------------------------------------
8.0 Fazit und strategischer Ausblick
Der Hyperimperialismus ist als ein System zu verstehen, das seine schwindende wirtschaftliche, technologische und finanzielle Hegemonie durch den rücksichtslosen Einsatz seiner verbleibenden Machtinstrumente zu kompensieren versucht: rohe militärische Gewalt und die Kontrolle über globale Informationsflüsse. Es ist ein System, das mehr auf Zerstörung als auf Aufbau, mehr auf Extraktion als auf Produktion ausgerichtet ist.
Der zentrale interne Widerspruch des westlichen Systems liegt in einer tiefen historischen Ironie: Der jahrzehntelange Kampf gegen den Sozialismus und alternative Entwicklungsmodelle hat paradoxerweise den eigenen Industriekapitalismus zerstört. An seine Stelle ist ein räuberisches Finanzsystem getreten, das in seiner Logik letztlich selbstzerstörerisch ist, da es die produktiven Grundlagen der eigenen Gesellschaft untergräbt.
Der strategische Ausblick, der sich aus dieser Analyse ergibt, ist zwiespältig. Einerseits erzwingt die aggressive Politik des Hyperimperialismus – durch Sanktionen, Kriege und technologische Blockaden – unbeabsichtigt die Bildung alternativer, autarker Wirtschaftsräume und Bündnisse im Globalen Süden. Damit beschleunigt er genau jene multipolare Weltordnung, die er eigentlich zu verhindern sucht. Andererseits birgt diese Konstellation immense Gefahren. Es besteht die Sorge, dass die herrschende Klasse des Westens, konfrontiert mit dem unaufhaltsamen Verlust ihrer Vormachtstellung, bereit sein könnte, „die ganze Welt mit sich in den Abgrund zu reißen“, anstatt ihre Kontrolle aufzugeben. Die kommenden Jahre werden zeigen, welcher dieser beiden Pfade die globale Entwicklung bestimmen wird.
Präsentation: Hyperimperialismus und globale Machtstruktur
Erstellt: 28.01.2026 - 12:16 | Geändert: 28.01.2026 - 13:27
