Prof. Jeffrey Sachs erörtert die US-amerikanische Sicherheitsstrategie zur globalen Vorherrschaft nach dem Kalten Krieg und den Einsatz von Vasallen, um gegen Russland, Iran und China zu kämpfen.
Überblick
Kriegsausweitung statt Diplomatie (0:03)
Glenn Diesen eröffnet das Gespräch mit der Feststellung, dass sich sowohl der Krieg in der Ukraine als auch der Konflikt im Nahen Osten weiter ausweiten. Er stellt die Frage, warum trotz dieser Entwicklung kaum ernsthafte diplomatische Bemühungen erkennbar seien. Jeffrey Sachs bezeichnet die Lage als katastrophal und kritisiert, dass Friedensbemühungen hinter militärischen Strategien zurückträten. Nach seiner Darstellung hätten selbst während der öffentlichen Verhandlungen im Jahr 2025 verdeckte Vorbereitungen für eine Ausweitung des Drohnenkriegs stattgefunden. Er verweist dabei insbesondere auf die Rolle der CIA sowie des Unternehmens Palantir.
Palantir, KI und die neue Kriegsführung (3:07)
Sachs beschreibt Palantir als zentralen Akteur der amerikanischen Kriegsführung. Das Unternehmen liefere nach seiner Darstellung KI-gestützte Zielauswahl für militärische Operationen in der Ukraine. Moderne Kriege würden zunehmend durch Software, künstliche Intelligenz und Drohnensysteme geprägt. Gleichzeitig kritisiert er, politische Entscheidungsträger trügen kaum persönliche Risiken, während Kriege über Staatsverschuldung finanziert und weitgehend im Geheimen geführt würden. Neben dem militärisch-industriellen Komplex nennt er Technologieunternehmen wie Palantir und SpaceX als Profiteure dieser Entwicklung, da bewaffnete Konflikte eine kontinuierliche Erprobung neuer Waffensysteme ermöglichten.
Langfristige Strategie amerikanischer Vorherrschaft (10:16)
Im Mittelpunkt des nächsten Themenblocks steht Zbigniew Brzezinskis Buch The Grand Chessboard. Sachs interpretiert dessen Grundgedanken als langfristige Strategie zur Sicherung amerikanischer Vorherrschaft in Eurasien. Russland, China und Iran würden dabei als wichtigste geopolitische Rivalen betrachtet. Die Ukraine bezeichnet Brzezinski als entscheidenden geopolitischen „Dreh- und Angelpunkt“, dessen Kontrolle Russland dauerhaft schwächen solle. Sachs argumentiert, diese Grundlinie habe sämtliche amerikanischen Regierungen seit den frühen 1990er Jahren geprägt und sei unabhängig von einzelnen Präsidenten verfolgt worden.
Vom Ende des Kalten Krieges zur Hegemoniepolitik (14:02)
Jeffrey Sachs schildert seine eigenen Erfahrungen während des Zerfalls der Sowjetunion. Damals habe er umfangreiche wirtschaftliche Hilfen für Russland vorgeschlagen, um einen stabilen Übergang zu ermöglichen. Nach seiner Darstellung seien diese Vorschläge jedoch zurückgewiesen worden, weil die amerikanische Politik nicht auf Kooperation, sondern auf dauerhafte Vorherrschaft gesetzt habe. Auch die sogenannte Wolfowitz-Doktrin sowie spätere NATO-Strategien ordnet er in dieses langfristige Konzept ein. Ziel sei nicht allein Sicherheit gewesen, sondern die Aufrechterhaltung globaler Dominanz.
Warum die Strategie an ihre Grenzen stößt (17:18)
Sachs hält zentrale Annahmen dieser Strategie inzwischen für widerlegt. Brzezinski habe unterschätzt, wie stark insbesondere China wirtschaftlich und technologisch aufsteigen würde. Ebenso sei Iran keineswegs ein schwacher Staat, sondern habe sich über Jahrzehnte gezielt auf militärische Bedrohungen vorbereitet. Darüber hinaus könne eine Politik permanenter Konfrontation die Zusammenarbeit Russlands, Chinas und Irans eher fördern als verhindern – genau das Szenario, das Brzezinski selbst vermeiden wollte.
Eurasien als wirtschaftlicher Gegenpol (26:07)
Anschließend diskutiert Sachs die wirtschaftliche Entwicklung Eurasiens. Russland und China ergänzten sich aus seiner Sicht wirtschaftlich in ähnlicher Weise, wie dies früher zwischen Russland und Europa möglich gewesen wäre. Europa habe sich jedoch von seinen natürlichen Rohstoff- und Handelspartnern abgeschnitten und damit seine eigene wirtschaftliche Position geschwächt. Langfristig erwartet Sachs eine stärkere wirtschaftliche Integration großer Teile Eurasiens, während Europa Gefahr laufe, geopolitisch und wirtschaftlich an den Rand zu geraten.
Hoffnung auf gesellschaftlichen Wandel (28:17)
Zum Abschluss äußert Sachs die Hoffnung, dass die Bevölkerung in Europa und den Vereinigten Staaten den gegenwärtigen außenpolitischen Kurs zunehmend ablehnen werde. Er verweist auf innenpolitische Probleme, wirtschaftliche Belastungen und den Zustand der Infrastruktur als Zeichen dafür, dass andere Prioritäten notwendig seien. Nach seiner Einschätzung könne ein grundlegender Kurswechsel nicht von den politischen Eliten ausgehen, sondern allenfalls von einer breiten öffentlichen Bewegung, die den Vorrang von Konfrontation und geopolitischer Vorherrschaft infrage stellt. Das Gespräch endet mit der Erwartung, dass zunehmender Realismus letztlich Veränderungen erzwingen könnte.