weltnetzTV (Medienpräsenz)

1:08:48

75 Jahre Israel. In allen Medien werden die Gründung und der erfolgreiche Aufbau des Staates Israel mit großem Pathos gefeiert. Tamar Amar-Dahl, eine deutsch-israelische Historikern, legt mit scharfer Kritik die grundsätzlichen Probleme des Zionismus seit der Staatsgründung bloß: wenn Israel ein jüdischer Staat ist, kann er nicht demokratisch sein; und wenn er demokratisch ist, kann er kein jüdischer Staat sein. Der Neozionismus unter Netanyahu und mit ihm ein großer Teil der jüdischen Gesellschaft in Israel versuchen nun, dieses Grundproblem zu ignorieren. Was aber ein Ding der Unmöglichkeit ist: denn die Palästinenser existieren - und sie bilden im israelischen Staatsgebiet 20 Prozent der Bevölkerung. Rechnet man die seit über 50 Jahren besetzten Gebiete dazu, sind es 50 Prozent. Die Folgen werden immer deutlicher: Israel ist ein Apartheid-Staat!

Veranstalter: Deutsch-Palästinensische Gesellschaft Bremen e.V., Israelisches Komitee gegen Hauszerstörung (ICAHD), AK Nahost Bremen, Bremer Friedensforum, Palästinensische Gesellschaft Bremen und Umgebung

Am 25. April 2023 im Gemeindezentrum Zion in Bremen-Neustadt
Moderation: Detlef Griesche

1:12:54

Im Interview mit Sabine Kebir erklärt die israelisch-deutsche Historikerin Tamar Amar-Dahl, wie das Scheitern der Oslo-Abkommen mit den Palästinensern zum aktuellen Scheitern der Demokratie in Israel führte.

Der „Zivilmilitarismus“ bezeichnet die in der großen Mehrheit der jüdisch-israelischen Bevölkerung herrschende Auffassung, dass das Staatsgebilde nur erhalten bleiben kann, wenn es permanent militärisch gegen die „Araber“ gesichert wird. Eine Verständigungsmöglichkeit gilt als unmöglich. Dadurch erhält das Militär von der Gesellschaft weitgehende Vollmachten zur Aufrechterhaltung des Besatzungsregimes mit jedwedem Mittel. 
Der alte Linkszionismus hielt an einer Verständigung mit den Palästinensern und am  Friedenswillen zumindest verbal noch fest. Er wurde in der langen Regierungszeit Benjamin Netanyahus aber immer mehr marginalisiert und schließlich entmachtet. Als seine letzte Bastion konnte das Oberste Gericht gelten, das Amar-Dahl jedoch auch nur als „Feigenblatt“ einer real nicht funktionierenden Demokratie sieht, die als „Ethnodemokratie“ bezeichnet werden kann. Der „Neozionismus“ bezeichnet den mit der Verallgemeinerung des Zivilmilitarismus erreichten Konsens zwischen orthodox- und nationalreligiösen sowie laizistischen Gruppen. Er will das ganze Land ein für alle Mal unter jüdische Hegemonie stellen und das Besatzungsregime verewigen. 
Im Gespräch werden mehrere, in Deutschland kaum kritisch diskutierte Gesetze erläutert, durch die zahlreiche Diskriminierungen der Palästinenser „rechtlich“ bereits im letzten Jahrzehnt abgesichert worden sind. Amar-Dahl vermittelt auch ein umfassendes Bild der Persönlichkeit Benjamin Netanjahus, der keinen wirklichen Friedens- und Versönungsplan hat, sondern den Bestand Israels nur durch das Schüren von Hass und Angst sichern will, indem er die Erinnerung an den Holocaust mit angeblich ähnlichen Vernichtungsplänen der Palästinenser identifiziert.