Stiftung Demokratie Saarland SDS (Medienpräsenz)

1:40:55

Seit vielen Jahren ist in der Gesellschaft die Frage virulent, ob das Verhalten in privaten, öffentlichen und institutionellen Räumen zunehmend verroht. Verschiedene Formen der Gewalt treten im Privaten in nahen sozialen Räumen von Ehen und Familien auf. In öffentlichen Räumen richten sie sich etwa gegen Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte. Sie sind aber auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Straßenverkehr, bei Sportveranstaltungen oder gegen Obdachlose zu beobachten. Und wenn wir an institutionelle Räume denken, dann betreffen diese Formen der Gewalt Schulen, Kirchen, Sportvereine ebenso wie Krankenhäuser oder Altenheime. Gewalt gegen Amtsträgerinnen und das Personal öffentlicher Einrichtungen ist keine Seltenheit mehr. Dabei wurde von Bedrohungen und Hass gegen Andersdenkende in den virtuellen Räumen des Internets noch gar nicht gesprochen. Wilhelm Heitmeyer hat sich in einer Vielzahl vielbeachteter Studien mit Menschenfeindlichkeit und Gewalt befasst – und analysiert diese nun im Zusammenhang mit der Ökonomisierung des Sozialen, mit Kontrollverlusten und einem zunehmenden Gefühl der Orientierungslosigkeit. In Verbindung mit einer abnehmenden Ambivalenz und Ambiguitätstoleranz, mit dem Verlust von Empathie und mit der schwindenden Verbindlichkeit von Rechtsnormen führe dies – so seine These – zur Durchrohung der Gesellschaft.

55:27

Auch ein halbes Jahrhundert und viele Kontroversen später ist das Kapitel „68“ einer historischen Gesamtdarstellung zwar um einiges nähergekommen, jedoch bleiben viele Fragen weiterhin unbeantwortet. Mit dem Anspruch, die führenden Akteure in einer angemesseneren Form zu würdigen, wird unser Referent Antworten suchen, die über die vorherrschenden Deutungsmuster der 68er Revolte hinausgehen.

So werden unter anderem die hohe Gewaltaffinität des Wortführers der Bewegung, Rudi Dutschke, und die von den Kerngruppen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes an den Tag gelegte Faszination von Ausnahmezustand und Militanz im Fokus stehen.

Zudem wird sich Kraushaar unbequemen Ansichten stellen, wie dem Vorwurf, dass die damaligen Akteure ihren vom Nationalsozialismus geprägten Eltern ähnlicher gewesen seien, als üblicherweise vermutet. Und schließlich wird er versuchen, zumindest einige der blinden Flecken dieser Bewegung aufzuarbeiten.

2:00:05

Macht im Umbruch - Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts

Wir alle spüren, dass Deutschland eine Macht im Umbruch ist, ein Land, das tiefgreifende Veränderungen erfährt. Was bedeutet der Wandel der Welt für das Selbstverständnis Deutschlands, vor welchen Herausforderungen stehen wir, und was müssen die Deutschen jetzt tun, um nicht abgehängt zu werden, sondern aktiv gestalten zu können, innen- wie außenpolitisch? In seinem Vortrag wird Herfried Münkler die neuralgischen Punkte der deutschen Politik einkreisen und eine Strategie für das künftige Agieren entwerfen. Die Frage nach der neuen Rolle Deutschlands wird wesentlich davon abhängen, ob es dem größten Land in der Mitte Europas gelingt, seine ökonomische, politische und kulturelle Macht so einzusetzen, dass ein Auseinanderfallen Europas verhindert werden kann. Hierfür sind nicht nur grundlegende Reformen dringend nötig, Deutschland und die EU müssen sich auch als widerstandsfähig gegen Russland, selbstbewusst im Umgang mit China und, falls es nötig werden sollte, als unabhängig von den USA erweisen.

55:58

In der heutigen Folge sprechen wir mit Dr. Anne Otto über ihr Buch „Woher kommt der Hass?“. Die psychologischen Ursachen von Rechtsruck und Rassismus“, welches 2019 erstmals von dem Gütersloher Verlagshaus herausgebracht wurde. Das Buch wurde als „das Wissenschaftsbuch des Jahres 2020 in Österreich“ nominiert. 

57:05

Auf ihrer Flucht in die ersehnte Freiheit stranden afrikanische Flüchtlinge in der modernen Arbeitssklaverei süditalienischer Orangen-Plantagen. Dabei haben sie Glück, denn viele finden ihr Grab im Mittelmeer. Der Ethnologe Gilles Reckinger (geb. 1978, Luxemburg) geht der Frage nach, was aus den Menschen geworden ist, die wir zu Tausenden in Lampedusa haben an Land gehen sehen, gezeichnet vom Horror der Flucht und doch voller Hoffnung auf ein freies Leben in Europa.

Die nahen Plantagen sind oft ihre einzige Chance auf eine Arbeit, die ihr nacktes Überleben sichert. Er hat sie auf Orangenplantagen in Kalabrien getroffen, wo sie jahrelang als Erntehelfer in extremer Armut ohne Papiere und ohne medizinische Versorgung am Rande der Gesellschaft vegetieren. Rechtlos auf dem Arbeitsstrich. Schockiert von den Arbeits- und Lebensverhältnissen und berührt von ihren Schicksalen dokumentiert er dies in dem Buch „Bittere Orangen – Ein neues Gesicht der Sklaverei in Europa“. Diese Sklaven produzieren „unsere“ gesunden Früchte, wahlweise auch Bio, so wie es der Markt verlangt.

Die Schlussfolgerung ist klar: Gerechtigkeit muss global gedacht werden und nicht partiell nur im Norden oder via Fairen Handel im Süden. Erst wenn diese inneren Schranken überwunden werden, gibt es eine Perspektive sich zu organisieren und die Ausbeutung zu überwinden. Dafür setzt sich die Aktion 3.Welt Saar e.V. ein mit ihrem bundesweiten Agrarprojekt „ERNA goes fair – Für eine Faire Landwirtschaft weltweit“. Oder wie Woody Guthrie es formulierte „This land is your land“.

1:07:39

Skandale, Affären, Debatten: Fundierte historische Analyse der wichtigsten Korruptionsfälle & ihrer Auswirkung auf die politische Kultur

Der Kampf gegen Korruption gilt als ‚gute Sache‘. Seit der Flick-Spendenaffäre gibt es in der Bundesrepublik einen Konsens, dass Korruption hierzulande ein ernstes Problem ist. Nach der Wiedervereinigung wurde Korruptionsbekämpfung auch international ein hochrangiges Anliegen. Nichtregierungsorganisationen, aber auch internationale Organisationen wie Weltbank und UNO schrieben sich diesen Kampf jetzt auf die Fahnen. In Deutschland nahm die Zahl der Affären und Skandale zu, bis 2012 sogar Bundespräsident Wulff zurücktreten musste. Jährlich schaut die Öffentlichkeit gebannt auf die neue Position von Deutschland im Korruptionsranking von Transparency International. Doch was sind die Kosten dieser Korruptionssensibilität? Einiges spricht dafür, dass die politische Bedeutung der Vergehen und die Schärfe ihrer Skandalisierung in einem Missverhältnis stehen. Die Folgen sind eine schleichende Diskreditierung der Politikerinnen und Politiker und des demokratischen Systems. Auch dies bereitet dem Populismus einen Boden. 

Der Historiker Jens Ivo Engels beleuchtet die historische Entwicklung der Korruptionsdebatten seit der Frühzeit der Bundesrepublik im internationalen Kontext und diskutiert ihre Auswirkungen auf die politische Kultur.

1:54:39

    Die Vormacht der großen Fünf und ihr Zusammenwirken -

Die vor allem von den Europäern lancierte Friedensordnung einer wirtschaftlichen Verflechtung der großen Mächte und Blöcke mit entsprechenden wirtschaftlichen Abhängigkeiten ist gescheitert. Damit ist auch der Versuch dahin, das rhetorische Wir der Menschheit in einen handlungsfähigen Akteur zur Bearbeitung der großen Menschheitsaufgaben (Hunger im globalen Süden, Migration und Klimawandel) zu verwandeln. Wir werden es, so die Annahme, mit fünf Vormächten zu tun haben, die Koalitionen bilden, sich aber auch konfrontativ gegenüberstehen können und für die die genannten Herausforderungen eine Verhandlungssache sind, bei denen sie ihre sonstigen Interessen ins Spiel bringen. Einigungen werden schwieriger, Nichtregierungskoalitionen verlieren an Einfluss, und das Machtgleichgewicht wird eine 
größere Rolle spielen als die Menschheitsaufgaben.

Prof. em. Dr. Herfried Münkler
war Professor für Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2004/05 war er Gastprofessor am Wissenschaftszentrum für Sozialwissenschaften Berlin, 2001 Akademieprofessor an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Zuvor war er Gastdozent am Institut für Höhere Studien Wien. In der Vergangenheit beteiligte er sich an zahlreichen Forschungsprogrammen der DFG, der VW- und der Thyssenstiftung, leitete mehrere Arbeitsgruppen an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und erhielt zahlreiche Preise. Viele seiner Bücher gelten mittlerweile als Standardwerke, etwa „Die neuen Kriege", „Imperien" und „Die Deutschen und ihre Mythen", das 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Weitere Publikationen: „Der Große Krieg", „Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert" oder „Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618-1648".

2:23:32

Nach Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz beginnt ein Krieg nicht mit dem Erobern, sondern erst mit der Verteidigung: Erobern hat nur das Besetzen, Verteidigen aber das Kämpfen zum unbedingten Zweck. Prof. Münkler wird zeigen, dass dies u.a. auch für den Krieg in der Ukraine gilt.
Historisch beginnen Kriege als organisierte Gewalt mit der neolithischen Revolution und dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht, als sich die Jäger- und Sammlergruppen nicht mehr aus dem Weg gehen konnten, ein sozio-ökonomischer Gegensatz entstanden war und die Gruppen, welche Vorräte angelegt hatten, ausgeraubt werden konnten.
Laut der frühen Texte spielte Frauenraub bei vielen Kriegen eine Rolle, um der Vermehrung willen, oder um die geraubten Frauen als Trophäe vorweisen zu können. Vergewaltigung ist bis heute trotz der kriegsrechtlichen Regelungen weiterhin ein immer wieder auftretender Faktor von Kriegsführung, wenngleich sicherlich kein Kriegsgrund. Hinzu kommt als genuin politisches Motiv die Kontrolle über Räume (Land und Meer), also der Aufbau von Machtkonstellationen, um eine Region zu beherrschen.
Kriegführung ist jedoch kostspielig, und so gab es seit dem 18. Jahrhundert die Vorstellung einer Abschaffung des Krieges. Dabei spielte zuletzt wirtschaftliche anstelle militärischer Macht eine große Rolle - aber das hat sich mit Putins Angriffskrieg auf die Ukraine als eine Vorstellung mit vielen Voraussetzungen erwiesen.

Prof. em. Dr. Herfried Münkler
war Professor für Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2004/05 war er Gastprofessor am Wissenschaftszentrum für Sozialwissenschaften Berlin, 2001 Akademieprofessor an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Zuvor war er Gastdozent am Institut für Höhere Studien Wien. In der Vergangenheit beteiligte er sich an zahlreichen Forschungsprogrammen der DFG, der VW- und der Thyssenstiftung, leitete mehrere Arbeitsgruppen an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und erhielt zahlreiche Preise. Viele seiner Bücher gelten mittlerweile als Standardwerke, etwa „Die neuen Kriege", „Imperien" und „Die Deutschen und ihre Mythen", das 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Weitere Publikationen: „Der Große Krieg", „Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert" oder „Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618-1648".

50:25

Gibt es eine transnationale Klasse aus Superreichen und Unternehmenschefs wirklich oder handelt es sich nur um einen Mythos? Michael Hartmanns Vortrag basiert auf der ersten umfassenden Studie zu den Wirtschaftseliten weltweit. Er hat die Karriereverläufe und Wohnorte der Topmanager der 1300 größten Unternehmen und der 1000 reichsten Menschen der Welt untersucht.

Insgesamt präsentiert er Daten über ca. 20.000 Personen. Sein Resümee ist eindeutig: Die globale Elite ist ein Mythos. Nur einer von acht Topmanagern kommt aus dem Ausland und über 90 Prozent der Milliardäre wohnen in ihrem Heimatland. Die eigene Sprache und Kultur spielt auch bei den Spitzenmanagern und Milliardären eine entscheidende Rolle bei der Wahl des Arbeitsplatzes und des Wohnorts. Das hat auch politische Bedeutung. Die politischen Einflussmöglichkeiten der größeren Staaten z.B. in der Steuerpolitik sind weit größer als gemeinhin angenommen.

Prof. em. Dr. Michael Hartmann

Der 1952 geborene Professor i.R. für Soziologie an der TU Darmstadt studierte Soziologie, Politikwissenschaft, Philosophie, Psychologie, Geschichte und Germanistik. Er promovierte 1979 und habilitierte kurz darauf im Jahre 1983. Eliten-, Management- und Hochschulforschung im internationalen Vergleich sind seine Schwerpunktthemen