Richard Wolff: Warum Europas Führung einen Krieg mit Russland provoziert
auf YouTube (04.08.2026) 52:06
Prof. Richard Wolff erläutert, warum Europas Staats- und Regierungschefs einen Krieg mit Russland provozieren.
Übersicht mit Zeitmarken
Historischer Kontext und der Niedergang Europas (00:00) Professor Wolff ordnet die aktuellen Spannungen mit Russland in einen langfristigen historischen Niedergang Europas ein. Er beschreibt, wie dieser Teil der Welt nach Jahrhunderten der Dominanz durch den Verlust von Kolonien sowie den Aufstieg der USA, Chinas und des globalen Südens an Bedeutung verloren hat. Die heutige Politik dient laut Wolff als Reaktion auf diesen Machtverlust.
Die Dämonisierung Russlands und politische Kalküle (01:43) Die Russophobie in Europa begann bereits weit vor der Invasion 2022. Wolff verweist auf Äußerungen von Angela Merkel, wonach Abkommen mit Russland nur dazu dienten, Zeit für die militärische Aufrüstung der Ukraine zu gewinnen. Führende europäische Politiker stellten Putin seither in einer Weise dar, die einer totalen Dämonisierung gleichkomme.
Die Wurzeln der Russophobie: Koloniale Konkurrenz (03:38) Historisch lässt sich der Hass auf Russland bis zur kolonialen Rivalität im 19. Jahrhundert zurückverfolgen, als Großbritannien und Russland in Zentral- und Ostasien aufeinandertrafen. Nach der Berliner Konferenz 1884 gab es kaum noch „freies“ Land, weshalb Expansion nur noch durch das Eindringen in die Gebiete anderer Mächte möglich war.
Die Intervention von 1917 und das Erbe des Bürgerkriegs (06:42) Ein entscheidender Wendepunkt war die militärische Intervention von Mächten wie Großbritannien, Frankreich, den USA und Japan im russischen Bürgerkrieg. Besonders die Entsendung von 10.000 US-Soldaten unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg hinterließ in Russland eine tiefe Furcht und Verbitterung gegenüber dem Westen.
US-Öffentlichkeit und die Gewöhnung an Invasionen (08:35) Laut Wolff empfindet die Mehrheit der Amerikaner keine Solidarität mit der Ukraine. Die US-Bevölkerung sei durch eigene Invasionen in Vietnam, Afghanistan und dem Irak darauf trainiert worden, Infiltrationen großer Mächte in kleine Länder als normal anzusehen. Der Begriff der „unprovozierten Invasion“ wird als kindisch kritisiert, da er historische Provokationen ignoriere.
Europas Elite als „Juniorpartner“ der USA (12:06) Die europäische politische Klasse wird als eng an die Institutionen der USA (NATO, NGOs, IWF) gebunden beschrieben. Karrieren europäischer Führer basieren oft auf ihrer Gefolgschaft gegenüber Washington. Mit der Verschiebung des US-Fokus auf Ostasien gerate dieses Modell jedoch unter Druck.
Krise des Wirtschaftsmodells und multipolare Realität (15:54) Europa hat laut Wolff kein zukunftsfähiges Wirtschaftsmodell mehr. Frühere Nischen wie die Automobilindustrie oder Luxusgüter verlieren an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China und den USA. Bei Hochtechnologien liege Europa bereits so weit zurück, dass es den Anschluss wohl nicht mehr finden werde.
Kolonialismus als Grundlage des Wohlstands (19:36) Der Reichtum europäischer Länder basierte historisch oft auf der Ausbeutung kolonialer Hinterländer. Der Verlust dieser Ressourcen nach dem Ersten Weltkrieg führte in Deutschland zu wirtschaftlichen Traumata, was laut Wolff eine hysterische Dämonisierung Russlands und den Aufstieg Hitlers begünstigte.
Hysterie der Führung und das Scheitern des Imperiums (22:31) Die heutige „Hysterie“ europäischer Führer resultiere aus dem Schwinden ihres informellen Imperiums. Rechtspopulistische Bewegungen nutzen diese Angst, indem sie die Unterordnung unter die USA ablehnen. Die Führungselite versuche sich zu retten, indem sie Russland als Dämon und gleichzeitig als wirtschaftliche Beute darstellt.
Unterschiedliche Prägung: USA vs. Europa (25:45) Während die USA historisch vor allem den Kommunismus dämonisierten, fixieren sich europäische Führer stärker auf Russland als Land. Da der Kommunismus verschwunden ist, sehen Politiker wie Trump in Russland eher einen Geschäftspartner.
Selbstisolation und verpasste Chancen (28:56) Anstatt die Vorteile Russlands wie Rohstoffe oder Verkehrsinfrastruktur nach Asien zu nutzen, haben sich die Europäer von Energiequellen abgeschnitten. Wolff sieht darin eine Weigerung der Eliten, die Realität einer multipolaren Welt anzuerkennen.
Aufrüstung und soziale Spannungen (31:44) Die Wiederaufrüstung Europas wird massive Kürzungen im Sozialstaat erfordern. Dies werde zu explosiven inneren Spannungen führen. Ein alternativer Plan könnte in einer erneuten Allianz mit Russland für billige Energie bestehen, um die Deindustrialisierung zu stoppen.
Das chinesische Modell als mögliche Alternative (36:51) Als Ausweg schlägt Wolff eine Anpassung des chinesischen Modells vor: ein hybrides System aus privatem Sektor und einem starken, lenkenden Staat. China habe gezeigt, dass schnelles Wachstum ohne äußeren Kolonialismus möglich ist.
Siedlerkolonialismus und nationale Interessen (41:27) Wolff vergleicht das israelische Vorgehen in Gaza mit veraltetem Siedlerkolonialismus, der heute auf massiven Widerstand stößt. In Europa beginne sich das nationale Interesse wieder durchzusetzen, was sich in Forderungen nach Verhandlungen mit Moskau äußere.
Unterdrückung von Dissens und Zeichen des Wandels (45:36) Obwohl keine unmittelbar revolutionäre Bewegung in Europa sichtbar sei, reifen die Bedingungen für einen Wandel schnell heran. Wolff prognostiziert, dass die Überraschung für Europa letztlich aus den USA kommen könnte, wo sich das politische Bewusstsein zu beleben beginnt