Theaterarchiv (Medienpräsenz)

1:36:29

Bertolt Brechts "Furcht und Elend des Dritten Reiches" entstand in den Jahren des Exils. Mit seiner Schilderung des Alltagslebens unter der NS-Diktatur schuf Brecht ein bewegendes Dokument dieser Zeit, das auch heute noch unter die Haut geht. Mit der Aufreihung charakteristischer Situationen aus der Zeit des Nationalsozialismus wollte Brecht ein repräsentatives Bild des faschistischen Alltags in Deutschland schaffen. Die Hörspielproduktion aus den Archiven des SWR zeigt, daß Brechts Szenen bis heute nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren haben.

1:19:40

Die Erstausstrahlung des Hörspiels im NWDR löste eine enorme Resonanz aus. Sergeant Beckmann wurde zur Sinnfigur des spätheimkehrenden Soldaten. Mit seinem verzweifelten Ausruf „Antwortet denn niemand?“ warf er die Frage nach der Verantwortung für die Schuld der jüngsten Vergangenheit auf und verlieh damit den Gefühlen von Millionen eine Stimme. Borchert erlebte den Erfolg seines Dramas nicht mehr, das am 21. November 1947, dem Totensonntag, in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt und zwei Jahre später verfilmt wurde.

Sergeant Beckmann kehrt aus Sibirien zurück und stürzt sich in die Elbe, nachdem er seine Frau mit einem anderen Mann erwischt hat. Die Elbe weist ihn zurück und spült ihn bei Blankenese ans Ufer. Er findet Zuflucht bei einer Frau, deren Mann vermisst wird. Nachdem der andere Mann zurückkehrt, muss auch er weiterziehen. Drei weitere Begegnungen folgen: eine mit einem Oberst, der einen sinnlosen Befehl gegeben hat und für den Tod von elf Kameraden verantwortlich ist. Er will ihn zur Rechenschaft ziehen. Doch dieser verspottet ihn nur. Dann erscheint der Kabarettdirektor, dem Beckmann vergeblich seine Erlebnisse schildert. Schließlich teilt ihm die gleichgültige Frau Kramer mit, dass seine Eltern sich aufgrund ihrer Mitschuld am Naziregime das Leben genommen haben. Dennoch findet Beckmann in seinem Umfeld kein Verständnis. Im Traum erscheinen ihm der schwache, hilflose Gott und der Tod, ein Straßenkehrer, und er bittet ihn inständig, ihm eine Tür aufzuhalten. Wieder tauchen seine Mörder auf: der Oberst, der Direktor, Frau Kramer und seine Frau mit ihrer Freundin. Als ihn der Einbeinige konfrontiert, weil auch er in die Elbe gesprungen ist, erkennt Beckmann, dass auch er zum Mörder geworden ist.

1:49:42

In seiner satirischen Tragödie "Die letzen Tage der Menschheit" setzte sich Karl Kraus über alle dramaturgischen Regeln hinweg. Um zu zeigen, wie sich der erste Weltkrieg zu einem modernen Inferno entwickelt, läßt er auf den 700 Seiten der Buchausgabe in unzähligen Szenen ein halbes Hundert Personen auftreten. Er brauchte die Episoden seinen Pandämoniums nicht zu erfinden. "Die unwahrscheinlichsten Taten", schrieb er in der "Fackel", "die hier gemeldet werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate." Die Funkbearbeitung des Hessischen Rundfunks ist gleichzeitig ein Dokument der Hörspielgeschichte. Sie wurde 1947 bei einer Live-Sendung aufgenommen.

Titel: Die letzten Tage der Menschheit
Autor: Karl Kraus
Uraufführung: 04.02.1923
Produktion: Radio Frankfurt 1947
Regie: Theodor Steiner
Bearbeitung: Stephan Hermlin
Komposition: Wolfgang Rudolf

Besetzung: 
Cilly Bauer
Lucia Gehrig
Ursula Langrock
Anna Mangert
Liselotte Quilling
Fränze Roloff
Georg Bahmann
Kurt Buecheler
Wolfgang Büttner
Kurt Dommisch
Herbert Ebelt
Cajetan Freund
Kurt Glass
Hans-Otto Grünefeldt
Stephan Hermlin
Hans Otto Hilke
Botho Jung
Karl Kolander
Erich Lissner
Richard Münch
Siegfried Lowitz
Gerhard Plantikow
Rudolf Rieth
Werner Siedhoff
Charly Wimmer
Werner Xandry
Ellen Daub

1:13:04

Es gibt einen Typus Mensch, verantwortlich für die kleineren und größeren Katastrophen, die sich täglich auf unserem Erdball abspielen – einen Zeitgenossen, der ein schlechtes Gewissen mit sich herumträgt und gern ein besseres hätte, allerdings nur, wenn es ihn nichts kostet. So einer ist Herr Biedermann, Glatzenträger, Haarwasserfabrikant und Villenbesitzer. Er sieht das Unheil kommen, unternimmt aber nichts, aus Feigheit, aus schlechtem Gewissen, aus Faulheit? Wer weiß ... Die beiden zweifelhaften Gestalten Schmitz und Eisenring machen sich Biedermanns Schwäche zunutze, laden sich zu Biedermann ein und werden bei der Vorbereitung ihrer Untat in jeder Hinsicht unterstützt.

Titel: Herr Biedermann und die Brandstifter
Autor: Max Frisch
Uraufführung: 29.03.1958
Produktion: NWDR 1955 
Regie: Ludwig Cremer 

Besetzung: 
Hermann Schomberg - Herr Biedermann
Magda Hennings - Frau Biedermann
Hanns-Ernst Jäger - Schmitz
Günter Lüders - Eisenring
Ingeborg Schlegel - Anna, Dienstmädchen
Raoul Wolfgang Schnell - Verfasser