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Genealogie der strukturellen Gewalt in Argentinien
Zusammenfassung
Dieses Dokument synthetisiert die zentralen Thesen aus Wolfgang R. Heuers Analyse der argentinischen Geschichte, die eine tief verwurzelte Kontinuität struktureller Gewalt und politischer Instabilität aufzeigt. Die Kernthese besagt, dass die gegenwärtigen Krisen Argentiniens – von ökonomischer Dauerkrise und systemischer Korruption bis hin zu gesellschaftlicher Zerrissenheit – nicht isoliert betrachtet werden können, sondern das Ergebnis einer langen historischen Entwicklung sind. Diese „Genealogie der Gewalt“ reicht von den anarchischen Bürgerkriegen des 19. Jahrhunderts, geprägt durch die Herrschaft der Caudillos und eine Kultur der Grausamkeit, über die genozidale Expansion in Patagonien bis hin zu den Militärdiktaturen und dem Staatsterrorismus des 20. Jahrhunderts.
Zentrale Erkenntnisse sind:
- Kultur der Gewalt und Grausamkeit: Gewalt ist nicht nur ein politisches Instrument, sondern ein habituelles, kulturell verankertes Phänomen. Dies manifestiert sich im Nationalepos „Martín Fierro“, in der brutalen Viehwirtschaft, die als Modell für politische Unterdrückung dient, und in der unkritischen Akzeptanz von Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung.
- Anomie und institutionelle Schwäche: Die chronische Schwäche staatlicher Institutionen, das Recht durchzusetzen, führt zu einem Zustand der Regellosigkeit (Anomie). Dies fördert Korruption, schwächt die Zivilgesellschaft und begünstigt vertikale Herrschaftsformen von Cliquen und autoritären Führern anstelle einer bürgerschaftlichen Machtbildung.
- Historische Kontinuität: Die Muster der Gewalt wiederholen sich. Die willkürliche Herrschaft der Caudillos im 19. Jahrhundert findet ihre Fortsetzung in den Militärputschen des 20. Jahrhunderts. Der Vernichtungskrieg gegen die indigene Bevölkerung dient als Vorlage für die Repression gegen die Arbeiterbewegung und später gegen linke politische Gegner.
- Wirtschaftskrise als politisches Symptom: Die anhaltende Wirtschaftskrise mit Hyperinflation und Verschuldung ist weniger ein rein ökonomisches als vielmehr ein politisches Problem. Sie wurzelt in einem Zusammenbruch der Zivilgesellschaft, mangelndem Vertrauen in die Regierung und einem System, in dem sich politische Eliten durch Korruption bereichern.
- Gespaltene nationale Identität: Die argentinische Gesellschaft ist tief gespalten, was sich in der permanenten politischen Polarisierung und im Ringen um die historische Deutungshoheit widerspiegelt. Die Debatte um Figuren wie den Diktator Rosas und die gegensätzlichen Visionen von Intellektuellen wie Sarmiento und Alberdi prägen das Land bis heute.
1. Die Gegenwart: Symptome einer tiefen Krise
Die aktuellen Zustände in Argentinien sind Ausdruck einer langwierigen Krise, die sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen manifestiert. Beobachtungen aus dem Jahr 2023 zeichnen das Bild eines Landes, das von wirtschaftlicher Not, politischer Desillusionierung und sozialen Spannungen geprägt ist.
Wirtschaftlicher Verfall und politische Frustration
Die wirtschaftliche Lage ist desolat. Eine galoppierende Inflation führt zu einer rapiden Verarmung der Bevölkerung. Der Wert des Pesos erodiert innerhalb von Wochen, was Reparaturen an Fahrzeugen unerschwinglich macht und den Konsum auf das Nötigste reduziert. Dieser Verfall ist im Stadtbild von Buenos Aires sichtbar: Einst prachtvolle Gebäude im Stil von Paris und Rom verkommen oder werden umfunktioniert, während nur exklusive Zonen wie Puerto Madero einen Kontrast bilden.
Diese ökonomische Misere nährt eine tiefgreifende Politikverdrossenheit. Ein Taxifahrer artikuliert einen weit verbreiteten Zynismus: Politiker, einst „normale Menschen“, sind heute Millionäre, die sich aus einem „Selbstbedienungsladen“ bedienen. Die Korruption zieht sich durch alle politischen Lager, von der peronistischen Linken (Cristina Kirchner) bis zu den liberalen Parteien. Diese Frustration kulminierte in den Vorwahlen 2023 im überraschenden Sieg des radikalen Außenseiters Javier Milei, dessen Slogan „La Libertad Avanza“ (Die Freiheit schreitet voran) den Wunsch nach einem radikalen Bruch mit dem Establishment widerspiegelt.
Psychologische Verfassung der Nation
Die argentinische Gesellschaft weist eine ausgeprägte Ambivalenz aus Hochmut und Selbstzweifel auf. Papst Franziskus beschreibt dies pointiert mit dem Witz, ein Argentinier begehe Selbstmord, indem er „auf sein Ego klettert und sich herunterstürzt“. Eine psychologische Studie der Universidad Siglo XXI aus dem Jahr 2017 untermauert dieses Bild mit folgenden Befunden:
- Narzissmus und Perfektionismus: 45 % der Befragten halten sich für interessant, 33 % streben nach Perfektionismus.
- Zwanghafte Kontrolle und Frustration: 55 % verspüren den Zwang, ihre Emotionen kontrollieren zu müssen, was auf Schwierigkeiten im Umgang mit Frustration hindeutet.
- Misstrauen und Paranoia: 54 % misstrauen anderen Menschen, und 33 % stimmen der Aussage zu, Argentinier seien paranoid.
Diese psychologische Disposition, kombiniert mit der höchsten Dichte an Psychologen pro Kopf weltweit, deutet auf eine Nation hin, die mit permanenten Krisen und einem Gefühl des Scheiterns ringt. Gleichzeitig existiert ein starkes Protestpotenzial, wie spontane Beifalls- und Buhrufkundgebungen bei bürokratischer Schikane zeigen – ein Ausdruck des Wunsches, die eigene Ankunft und das eigene Schicksal mitzubestimmen.
2. Die Ökonomie der Anomie: Staatsversagen und Korruption
Die Analyse der argentinischen Wirtschaftskrise verweist auf tiefere, strukturelle Ursachen, die über rein ökonomische Erklärungsmodelle hinausgehen. Es handelt sich um ein politisches Problem, das aus dem Zusammenbruch der Zivilgesellschaft und einem Mangel an Vertrauen in staatliche Institutionen resultiert.
Das politische Herz der Wirtschaftskrise
Der Politologe Alex Bazelow argumentiert, dass Argentiniens Probleme nicht durch finanzmathematische Gleichungen gelöst werden können. Die Situation ähnele der in Simbabwe unter Mugabe, geprägt durch zügellose politische und wirtschaftliche Korruption. Die Kernprobleme sind:
- Zusammenbruch der Zivilgesellschaft: Wenn Generationen den Verfall als unvermeidlich erleben, verlieren sie die Hoffnung. Das Vertrauen in die Währung und die Regierung schwindet, was zu einem Teufelskreis aus Verschuldung und Instabilität führt.
- Der Peronismus als Kult: Der Peronismus wird als politischer Kult beschrieben, der ähnlich wie bei Stalin, Mao oder Trump auf unumstößlichen Überzeugungen basiert und rationale Argumente ignoriert.
- Fehlende Rechenschaft: Solange es keine Generation von Politikern gibt, die bereit ist, Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen, wird sich nichts ändern. Eine Dollarisierung, wie von Milei vorgeschlagen, würde das Kernproblem nicht lösen, wie das Beispiel der Menem-Regierung zeigte, die nach der Stabilisierung der Währung sofort neue Schulden aufnahm, was zum Staatsbankrott führte.
Chronische Instabilität und systemische Korruption
Die politische Instabilität spiegelt sich in der hohen Fluktuation der Wirtschaftsminister wider: Seit 1983 gab es 30 Minister in 30 Jahren, viele amtierten nur wenige Monate. Diese personelle Unstetigkeit ist ein Symptom für parteipolitische Machtkämpfe und die Unfähigkeit, eine kohärente Wirtschaftsstrategie zu verfolgen.
Die Korruption ist dabei keine Randerscheinung, sondern ein zentrales Element des Systems. Der Unternehmer Jorge Born beschreibt sie als moralisches Problem: „Entweder man zahlte Schmiergeld oder man verließ das Land [...]. Alle haben Dreck am Stecken.“
| Fallbeispiel | Beteiligte | Sachverhalt |
| Die „Spiralhefte“ | Cristina Kirchner, Julio De Vido, Roberto Baratta, diverse Unternehmer | Ein Chauffeur dokumentierte über zehn Jahre hinweg Fahrten, bei denen Bestechungsgelder in Höhe von ca. 200 Mio. US-Dollar transportiert wurden. Das Verfahren umfasste über 100 Personen. |
| Öffentliche Bauaufträge | Cristina Kirchner, Lázaro Baez | Verurteilung Kirchners zu sechs Jahren Haft wegen Korruption bei der Vergabe staatlicher Bauaufträge in Santa Cruz an den Bankkassierer Baez, der zum größten Bauunternehmer der Provinz aufstieg. |
| Extralöhne | Carlos Menem, Domingo Cavallo | Verurteilung wegen der Genehmigung dauerhafter Extralöhne aus dem Haushalt der Geheimdienste, die bar ausgezahlt wurden. |
| „Die Kommissarsbande“ | Mitglieder der Bundespolizei | Entführung des Unternehmers Mauricio Macri im Jahr 1991. Die Täter waren hochrangige Polizisten. |
| Polizeikorruption | Polizei der Provinz Buenos Aires | Interne Ermittlungen (2015) führten zur Entlassung von 4.747 Beamten und zur Verhaftung von 390. Die Vorwürfe reichten von Korruption und Bereicherung bis zu Drogenhandel und Schutz von Menschenhändlerringen. |
Die Justiz erweist sich als machtlos. Verfahren dauern im Schnitt über 11 Jahre und verlaufen oft im Sande. Die Ernennung der obersten Richter durch den jeweiligen Präsidenten und die Angst der Justiz vor Konflikten mit der Exekutive verhindern eine wirksame Strafverfolgung.
3. Staatsterror und Diktatur: Der Höhepunkt der Gewalt im 20. Jahrhundert
Die Militärdiktatur von 1976 bis 1983 stellt den brutalsten Höhepunkt der argentinischen Gewaltgeschichte dar. Unter dem Vorwand eines „Prozesses der nationalen Reorganisation“ wurde ein systematischer Vernichtungskrieg gegen politische Gegner geführt.
Der Apparat des Terrors
Der Staatsterrorismus war generalstabsmäßig geplant und umfasste:
- Das Verschwindenlassen: Schätzungsweise 30.000 Menschen, vorwiegend junge Studierende, Intellektuelle und Gewerkschafter, wurden entführt, gefoltert und ermordet. Ihre Leichen wurden beseitigt, um jede Spur zu verwischen. Der ehemalige Diktator Jorge Rafael Videla gestand später: „Sagen wir, es waren etwa 7.000 oder 8.000 Menschen, die sterben mussten [...]. Wir konnten sie nicht hinrichten, aber wir konnten sie auch nicht vor Gericht bringen.“
- Geheime Folterzentren: Es gab landesweit ca. 700 geheime Haft-, Folter- und Vernichtungszentren. Das bekannteste ist die ESMA (Höhere Mechanikerschule der Marine) in Buenos Aires, wo allein 4.000 Menschen ermordet wurden. Heute ist sie ein Erinnerungsort.
- Kinderraub: Etwa 400 Kinder, die in Gefangenschaft geboren wurden, wurden ihren Müttern nach der Geburt weggenommen und an regimetreue Familien, oft von Militärs, zur Adoption freigegeben. Die Mütter wurden ermordet.
Zeugnisse des Horrors
Die Brutalität des Regimes wird in den Zeugnissen der Opfer und Überlebenden greifbar.
„Liebe Mama, [...] Dies ist mein kleiner Junge. Sein Name ist SEBASTIAN, ich habe ihn in einer Klinik in Buenos Aires bekommen. [...] Mutti, ich hoffe, dass das Kind Dich angesichts der Ungewissheit trösten wird, liebe es sehr, es ist ein Schatz.“ — Elisabeth Patricia Marcuzzo, Brief an ihre Mutter, kurz bevor sie und ihr neugeborener Sohn verschwanden.
„Dieses Heim war eine Hölle. [...] es war ein Gefängnis für Kinder, die entführt und als NN gehalten wurden. [...] Es gab täglich physische und psychische Gewalt und sexuellen Missbrauch [...]. Sie sagten uns: ›Wir wollen nicht, dass ihr so werdet wie eure kriminellen Eltern, Betrunkene und Prostituierte‹.“ — María Ramírez, Überlebende des Heims Casa de Belén, in das geraubte Kinder gebracht wurden.
Die „Todesflüge“ und die Französische Doktrin
Eine besonders perfide Methode des Verschwindenlassens waren die „Todesflüge“. Gefangene wurden unter dem Vorwand, sie würden in die Freiheit entlassen, mit Beruhigungsmitteln sediert, in Transportflugzeuge verladen und lebendig über dem Río de la Plata oder dem Atlantik abgeworfen.
Diese Methode war kein argentinisches Spezifikum, sondern Teil der sogenannten „französischen Doktrin“, die von französischen Veteranen des Algerienkriegs an lateinamerikanische Militärs vermittelt wurde. Sie basierte auf geheimen Verhaftungen, systematischer Folter und illegalen Tötungen. Diese Taktiken wurden im Rahmen der von den USA unterstützten „Operation Condor“, einer grenzüberschreitenden Strategie zur Aufstandsbekämpfung, in ganz Südamerika angewandt.
4. Die Genealogie der Gewalt im 19. Jahrhundert
Die exzessive Gewalt des 20. Jahrhunderts hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert, einer Ära, die nach der Unabhängigkeit von Spanien (1810) nicht in eine stabile Republik, sondern in 70 Jahre Anarchie, Bürgerkrieg und Diktatur mündete.
Anarchie und die Herrschaft der Caudillos
Nach der Unabhängigkeit zerfiel das Land in konkurrierende Provinzen, die von Caudillos beherrscht wurden – Militärführer und Großgrundbesitzer, die mit ihren Privatarmeen aus Gauchos (landlose Viehhirten) um die Vorherrschaft kämpften. Diese Periode war geprägt von:
- Permanenter Bürgerkrieg: Föderalisten (Provinzen) kämpften gegen Unitarier (Zentralisten aus Buenos Aires) und untereinander. Politik war die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.
- Machtvakuum: Das Fehlen einer funktionierenden Verfassung und die wirtschaftliche Dominanz von Buenos Aires, das die Zolleinnahmen kontrollierte, schufen einen Zustand der Gesetzlosigkeit. Der Aufklärer Juan Bautista Alberdi analysierte, dass der Caudillo die zwangsläufige Folge eines Systems sei, in dem ein Provinzgouverneur Pflichten, aber keine Mittel hat: „Versetzen Sie einen Engel in diese Lage, so wird er sich in einen Teufel verwandeln müssen.“
- Politik der Gewalt: Gewalt war das legitime und primäre Mittel der Politik. Das Schicksal der meisten Caudillos war der gewaltsame Tod. Hinrichtungen, Folter und das öffentliche Ausstellen von Leichenteilen gehörten zum politischen Alltag. Der Schlachtruf des Unitariers Lavalle lautete: „Tod, gnadenloser Tod. [...] Vergießt das unmenschliche Blut in Strömen.“
Die Diktatur von Rosas (1835–1852)
Aus diesem Chaos stieg Juan Manuel de Rosas, der Gouverneur von Buenos Aires, zum Diktator auf. Als „Restaurator der Gesetze“ beendete er die Anarchie, indem er sie durch einen totalitären Terror ersetzte. Seine Herrschaft war eine moderne Diktatur, die Methoden des 20. Jahrhunderts vorwegnahm:
- Ideologischer Zwang: Die Bevölkerung wurde gezwungen, rote Bänder mit der Aufschrift „Tod den Unitarierhorden!“ zu tragen. Dies war eine symbolische Brandmarkung, analog zur Viehzucht.
- Terrorapparat „Mazorca“: Eine fanatische Polizeitruppe, die politische Gegner systematisch folterte und ermordete, oft durch „Abkehlen“.
- Totale Überwachung: In allen Pfarreien und Schulen wurden Gesinnungsregister geführt, die als Grundlage für die Ermordung Tausender Oppositioneller dienten.
- Personenkult: Rosas’ Bildnis wurde auf Altären aufgestellt, und Nachtwächter mussten seinen Namen und den seiner Frau preisen.
Barbarei und Zivilisation: Die intellektuelle Auseinandersetzung
Zwei der bedeutendsten Intellektuellen des 19. Jahrhunderts, Domingo Faustino Sarmiento und Juan Bautista Alberdi, analysierten diese Zustände und entwickelten Gegenentwürfe.
- Domingo Faustino Sarmiento: In seinem Werk „Facundo oder Zivilisation und Barbarei“ analysierte er den Caudillo als Produkt der „Wüste“ – der endlosen, gesetzlosen Pampa. Für ihn war die ländliche, von Gauchos geprägte Kultur die Verkörperung der Barbarei, die die städtische, europäisch geprägte Zivilisation zu zerstören drohte. Sein Programm war Bildung gegen Gewalt und die Modernisierung des Landes nach US-amerikanischem Vorbild.
- Juan Bautista Alberdi: Er war der Architekt der Verfassung von 1853. In seiner Schrift „Das Kriegsverbrechen“ verurteilte er den Bürgerkrieg als Verbrechen gegen die Zivilisation, das nur den persönlichen Zielen der Anführer diene und das Land in Rückständigkeit und Tyrannei stürze. Er sah die Lösung in einer starken föderalen Verfassung und der gezielten Einwanderung qualifizierter europäischer Arbeitskräfte, um das Land zu zivilisieren.
5. Kulturelle Dispositionen und die Verherrlichung der Gewalt
Die Kontinuität der Gewalt ist auch in der Kultur und der nationalen Identität verankert. Eine „Kultur der Grausamkeit“ durchdringt das gesellschaftliche Leben, deren Ursprünge in der brutalen Realität der Viehwirtschaft liegen. Der Umgang mit Tieren, etwa der Einsatz von Elektroschockern, wurde später auf die Folter politischer Gegner übertragen.
Das Nationalepos „Martín Fierro“
Das epische Gedicht „Martín Fierro“ (1872/79) von José Hernández gilt als argentinisches Nationalepos. Es erzählt die Geschichte eines Gauchos, der durch staatliche Ungerechtigkeit zum Outlaw wird. Das Werk ist von zentraler Bedeutung für die nationale Identität, aber auch hochproblematisch:
- Verherrlichung der Gewalt: Der Held Martín Fierro löst Konflikte durch tödliche Gewalt. Morde, auch rassistisch motivierte, werden als gerechtfertigter Akt der Selbstjustiz dargestellt.
- Symbol des Widerstands: Für Nationalisten und Peronisten ist Fierro das Symbol des einfachen Volkes im Kampf gegen die unterdrückenden Eliten. Perón erklärte das Gedicht per Dekret zum „höchsten Ausdruck des Argentiniertums“.
- Kritik: Intellektuelle wie Jorge Luis Borges kritisierten das Werk scharf. Borges bedauerte, dass nicht Sarmientos „Facundo“, sondern ein Epos, das den Mord verherrlicht, zum Nationalbuch wurde. Er sah darin die „wahre Ethik des Kreolen“, die davon ausgeht, „dass das vergossene Blut nicht zu denkwürdig ist“.
Der Kampf um die Geschichte: Revisionismus
Die Deutung der Geschichte, insbesondere die Figur des Diktators Rosas, ist bis heute ein politisches Schlachtfeld. Der historische Revisionismus, der in den 1920er Jahren aufkam, versucht, die liberale Geschichtsschreibung zu widerlegen:
- Rosas als Nationalheld: Revisionisten porträtieren Rosas nicht als blutrünstigen Tyrannen, sondern als Verteidiger der nationalen Souveränität gegen den britischen und französischen Imperialismus und als wahren Vertreter des Volkes gegen die landesverräterische Oligarchie der Unitarier.
- Politisches Instrument: Diese Umdeutung dient aktuellen politischen Zielen. Der Peronismus sah in Rosas einen Vorläufer. Präsident Carlos Menem ließ 1989 Rosas’ sterbliche Überreste nach Argentinien überführen, um die „nationale Versöhnung“ zu symbolisieren.
- Fortdauernder Konflikt: Der Streit zeigt die tiefe Spaltung des Landes. Während die peronistische Regierung von Cristina Kirchner ein Institut für Geschichtsrevisionismus gründete, schloss es ihr konservativer Nachfolger Mauricio Macri umgehend wieder. Die Debatte, ob Argentinien dem Weg von Rosas (Autoritarismus, Nationalismus) oder dem von Sarmiento (Aufklärung, Zivilisation) folgen soll, ist ungelöst.
Erstellt: 19.01.2026 - 10:51 | Geändert: 19.01.2026 - 11:19