Essay: Jeffrey Sachs: Warum Feindschaft mit Russland Europa immer ins Unglück gestürzt hat
Der amerikanische Ökonom und Diplomat über Europas wiederholte Ablehnung eines Friedens mit Russland als ein Versagen, das über 200 Jahre geht. Ein Essay.
Jeffrey D. Sachs Berliner Zeitung 13.12.2025 , 14.12.2025, 17:11 Uhr
n diesem Essay vertrete ich eine klare These: Europa hat den Frieden mit Russland wiederholt abgelehnt, obwohl eine Verhandlungslösung möglich gewesen wäre. Diese Ablehnungen waren für Europa zutiefst kontraproduktiv. Vom 19. Jahrhundert bis heute wurden Russlands Sicherheitsinteressen nicht als legitime Interessen behandelt, die innerhalb einer umfassenderen europäischen Ordnung verhandelt werden könnten, sondern als moralische Verfehlungen, denen man widerstehen, die man eindämmen oder ignorieren musste.Dieses Muster hat sich in radikal unterschiedlichen russischen Regimen – zaristisch, sowjetisch und postsowjetisch – fortgesetzt.Dies deutet darauf hin, dass das Problem nicht primär in der russischen Ideologie liegt, sondern in Europas anhaltender Weigerung, Russland als legitimen und gleichberechtigten Sicherheitsakteur anzuerkennen. Ich behaupte nicht, dass Russland gänzlich harmlos oder vertrauenswürdig gewesen sei.
Vielmehr hat Europa bei der Interpretation von Sicherheit wiederholt mit zweierlei Maß gemessen: Der eigene Einsatz von Gewalt, der Bündnisaufbau und der imperiale bzw. postimperiale Einfluss wurden als normal und legitim betrachtet, während vergleichbares russisches Verhalten – insbesondere in der Nähe der eigenen Grenzen – als grundsätzlich destabilisierend und illegitim ausgelegt wurde. Diese Asymmetrie hat den diplomatischen Spielraum eingeschränkt, Kompromisse delegitimiert und die Wahrscheinlichkeit eines Krieges erhöht.Dieser selbstzerstörerische Fehler besteht bis heute fort. Ein wiederkehrendes Versagen in dieser Geschichte war Europas Unfähigkeit – oder Weigerung –, zwischen russischer Aggression und sicherheitspolitischem Verhalten Russlands zu unterscheiden.







