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Die Erodierung der Mitte
Analyse der Rede von Prof. Dr. Ulrike Guérot auf der „MACHT FRIEDEN“-Demonstration am 14.02.2026 in München

Zusammenfassung

Das vorliegende Dokument synthetisiert die Kernpunkte einer Rede von Prof. Dr. Ulrike Guérot, die am 14. Februar 2026 auf dem Münchener Odeonsplatz gehalten wurde. Die zentrale These der Rede ist eine tiefgreifende Warnung vor einem neuen, in der „politischen Mitte“ verankerten Militarismus, der die Grundfesten der europäischen Friedensordnung und die demokratische Urteilskraft bedroht.

 

Die Kernbehauptung dieser Analyse postuliert, dass die aktuelle politische Führung die historische Lehre aus zwei Weltkriegen durch eine neue, moralisch aufgeladene Bellizität ersetzt hat. 

Besonders prekär erweist sich dabei die Umdeutung des Antifaschismus-Begriffs: Wer heute die Aufarbeitung der Corona-Krise einfordert oder den Friedenseinsatz nicht als Teil eines "Kampfes gegen Rechts" begreift, wird marginalisiert. Damit wird der historische Kern des Antifaschismus – der stets ein Kampf gegen den Militarismus war – ins Gegenteil verkehrt.

Infografik:Kritk am Militarismus

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Wichtige Erkenntnisse umfassen:

  • Verschiebung des Militarismus: Militarismus wird nicht mehr als Phänomen des rechten Randes, sondern als Ideologie der gesellschaftlichen Mitte („Gutmenschenmilitarismus“) identifiziert.
  • Gesellschaftliche Anomie: Die deutsche Gesellschaft befindet sich laut Guérot in einem Zustand der Verrohung und Regellosigkeit (Anomie), in dem Fakten verdreht und Täter (z. B. im Fall Nord Stream) nicht benannt werden.
  • Kritik der Institutionen: Kirchen, Gewerkschaften und Medien wird eine passive oder aktive Unterstützung der Kriegspropaganda und Aufrüstung vorgeworfen.
  • Geopolitische Neuausrichtung: Gefordert wird eine Emanzipation Europas aus dem „atlantizistischen Korsett“ und die Hinwendung zu einer multipolaren Weltordnung unter Beendigung der „Pax Americana“.

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Detaillierte Themenanalyse

1. Kritik der politischen Akteure und der „Mitte“

Guérot übt scharfe Kritik an der aktuellen deutschen Bundesregierung und den etablierten Parteien. Sie argumentiert, dass die größte Kriegsgefahr derzeit von der politischen Mitte ausgehe:

  • SPD: Kritik am Verteidigungsminister wegen des Ziels der „Kriegstüchtigkeit“ und eines wahrgenommenen Personenkults.
  • Bündnis 90/Die Grünen: Vorwurf des Verrats an pazifistischen Wurzeln (Bezugnahme auf Petra Kelly); Kritik an der Außenministerin wegen kriegerischer Rhetorik gegenüber Russland.
  • FDP: Kritik an einer „blutrünstigen Kampffundsprache“ und Verflechtungen mit der Rüstungsindustrie (Rheinmetall).
  • Die Linke: Vorwurf der Zustimmung zu „Kriegskrediten“ im Bundestag.
  • Bundeswehr: Kritik am neuen Generalinspekteur Christian Freuding. Seine Ziele (Wille zum Kampf, militärische Exzellenz) werden als Rückfall in militaristische Sprache gewertet, die dem Frieden entgegenstehe.

2. Soziologische und philosophische Zustandsbeschreibung

Die Rede nutzt sozialwissenschaftliche Konzepte, um den Zustand der deutschen Gesellschaft zu analysieren:

KonzeptDefinition im Kontext der Rede
Anomie (nach Durkheim)Zustand der Regellosigkeit, Verrohung und Tatsachenverdrehung; Unfähigkeit zur Organisation kollektiver Interessen wie Frieden.
Totalitarismus (nach Arendt)Beginnt mit der Zerstörung der Urteilskraft, wodurch Moral und Gerechtigkeit verschwinden.
Kognitive DissonanzWiderspruch zwischen proklamierten „freiheitlichen Werten“ und dem Schweigen zu Ereignissen wie dem Leid in Gaza.
NihilismusEin selbstzerstörerischer Zustand Europas, resultierend aus der Unfähigkeit zu trauern oder sich politisches Scheitern einzugestehen.

3. Institutionelles Versagen und „Salonfähiger Militarismus“

Ein zentrales Argument ist die Durchdringung der Zivilgesellschaft mit militaristischem Denken, das Guérot als „Gutmenschenmilitarismus“ bezeichnet:

  • Schulen: Einschüchterung von Schülern, die sich gegen militärische Indoktrination wehren.
  • Kirchen: Verfassung von Positionspapieren, die im Widerspruch zu christlichen Friedensidealen (z. B. Bonhoeffer) stünden.
  • Gewerkschaften: Akzeptanz der Umstellung auf eine Kriegswirtschaft.
  • Medien: Vorwurf der einseitigen Berichterstattung, der Dämonisierung Russlands und des Schweigens zu geopolitisch unbequemen Themen.

4. Geopolitische Forderungen und Kritik der Außenpolitik

Guérot plädiert für einen radikalen Kurswechsel in der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik:

  • Nord Stream Ermittlungen: Kritik am BGH und der Bundesregierung wegen der Zurechnung der Sprengung zu ukrainischen Tätern „gegen jede Evidenz“, während die USA als mutmaßliche Drahtzieher nicht benannt würden.
  • Verhältnis zur NATO/USA: Forderung nach Beendigung der „Pax Americana“, dem Abzug der NATO vom europäischen Kontinent und einer unabhängigen europäischen Diplomatie.
  • Multipolarität: Anerkennung einer multipolaren Weltordnung anstelle eines „Rally around the Flag“-Effekts und eines überkommenen Atlantizismus.
  • Europäisches Projekt: Rückbesinnung auf das Erbe „Nie wieder Krieg“ und die Erarbeitung einer Friedensordnung unter Einbeziehung Russlands.

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Zentrale Zitate der Rede

„Wer den Einsatz für Frieden in einem Atemzug mit dem Kampf gegen Rechts nennt, der hat offenbar die Zeichen der Zeit auch nicht richtig verstanden.“

„Der deutsche Militarismus ist nicht rechts; er ist leider und längst mitten in unserer Gesellschaft angekommen [...] Er kommt nicht in braunen Stiefeln daher.“

„Anomie ist die Vorstufe zu jedem Zustand einer Gesellschaft, in der alles gleich wahr und gleich falsch erscheint.“

„The World will survive the end of the West.“ (Zitierter Buchtitel eines indischen Autors)

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Fazit und Schlussfolgerungen

Die Rede stellt ein Plädoyer für eine intellektuelle und politische Emanzipation dar. Die Sprecherin warnt davor, dass Europa an seinen eigenen Ambitionen gescheitert sei und nun durch „soziale Anomie“ und „militärische Eskalation“ den eigenen Untergang riskiere. Die Lösung wird in einer Rückkehr zur Diplomatie, der Wiederherstellung der individuellen Urteilskraft und einer neutralen, von den USA unabhängigen Rolle Europas in einer multipolaren Welt gesehen.

Präsentation Macht Frieden: Eine Diagnose der Zeit

Autoren

Erstellt: 17.02.2026 - 07:54  |  Geändert: 17.02.2026 - 09:42