Freeman: USA und Iran nehmen Krieg wieder auf – Israel versucht Bürgerkrieg zu provozieren
auf YouTube (30.06.2026) 50:52
Botschafter Freeman war ehemaliger stellvertretender Verteidigungsminister und erhielt die höchsten öffentlichen Auszeichnungen des Verteidigungsministeriums für seine Rolle bei der Gestaltung eines NATO-zentrierten europäischen Sicherheitssystems nach dem Kalten Krieg sowie bei der Wiederherstellung der Verteidigungs- und Militärbeziehungen zu China. Er diente als US-Botschafter in Saudi-Arabien während der Operationen Desert Shield und Desert Storm.
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Ausgangslage: Nach dem Memorandum wieder Eskalation
Glenn Diesen eröffnet mit der Frage, warum USA und Iran nach dem Memorandum of Understanding erneut in militärische Konfrontation geraten und welche Rolle Israel und die libanesische Regierung dabei spielen. Freeman spricht früh von einem „Memorandum des Missverständnisses“: Die Vereinbarung sei keine belastbare Friedensordnung, sondern werde von Washington, Israel und Teheran jeweils unterschiedlich ausgelegt.
Straße von Hormus: Kontrolle, Gegenangriffe und Vertrauensverlust
Freeman sieht den Kern des Problems in der Straße von Hormus. Nach seiner Darstellung habe Iran dort faktisch Regeln durchgesetzt, während die USA und Großbritannien versuchten, diese Kontrolle mit Marinebegleitung zu umgehen. Daraus seien iranische Angriffe, US-Vergeltungsschläge und weitere Angriffe auf US-Stützpunkte entstanden. Das MoU wirke deshalb kaum noch als Friedensinstrument, sondern eher als Ausgangspunkt weiterer gegenseitiger Vergeltung.
Libanon: Abkommen als Hebel gegen Hisbollah
Israel habe das amerikanisch-iranische Arrangement umgangen, indem es mit der libanesischen Regierung ein Abkommen geschlossen habe, das aus Freemans Sicht Israels Präsenz im Süden des Libanon legitimiert. Zugleich solle die libanesische Regierung mit Israel gegen Hisbollah vorgehen. Freeman deutet dies als Versuch, die einzige wirksame Widerstandsbewegung gegen Israel zu zerschlagen und gleichzeitig neue innere Konflikte im Libanon auszulösen.
Großisrael, ethnische Säuberungen und regionale Auflösung
Freeman ordnet die Vorgänge in Libanon, Gaza, Westjordanland und Syrien in eine lange Linie israelischer Expansionspolitik ein. Er spricht von ethnischen Säuberungen, Pogromen und dem Projekt eines Großisrael, das keine anerkannten Grenzen kenne. Die gesamte Region Westasien werde dadurch nicht stabilisiert, sondern weiter in Chaos und Gewalt getrieben.
Völkerrecht und Freiheit der Meere
Ein eigener Schwerpunkt ist die völkerrechtliche Bedeutung der iranischen Kontrolle über Hormus. Freeman warnt, dass hier ein gefährlicher Präzedenzfall entstehen könnte: Wenn Anrainerstaaten Durchfahrten wie Hormus verwalten oder Gebühren verlangen, könnten auch andere Meerengen politisiert werden. Damit stehe ein Grundprinzip der internationalen Ordnung - die Freiheit der Meere - unter Druck.
Warum Kriege nicht enden: fehlende Strategie der USA
Freeman widerspricht der Vorstellung, dass Kriege automatisch auf ein Ende zulaufen. In Westasien sieht er einen Dauerkonflikt seit dem Zerfall des Osmanischen Reiches und der europäischen Neuordnung. Die USA verstärkten dieses Muster, weil sie internationale Beziehungen wie Geschäftsabschlüsse behandelten und Vereinbarungen nicht verlässlich einhielten. Dadurch verliere Washington weltweit Vertrauen, nicht nur bei Iran, sondern auch bei Russland, Hamas, Hisbollah, Venezuela oder Kuba.
Ukraine und Russland: neue Eskalationslogik in Europa
Vom Nahen Osten zieht Freeman eine Verbindung zur Ukraine. Er warnt, dass europäische Staaten nachlassende US-Unterstützung durch eigene Langstreckenwaffen ersetzen könnten. Besonders Großbritannien könne versuchen, Angriffe tief in Russland zu ermöglichen. Freeman hält russische Gegenmaßnahmen - etwa Sabotage gegen Produktionsstätten - für denkbar und sieht die Glaubwürdigkeit von NATO-Artikel 5 durch interne Zerstrittenheit geschwächt.
Endlose Kriege als Ergebnis unrealistischer Ziele
Freeman bezeichnet endlose Kriege nicht als Strategie, sondern als Folge fehlender Strategie. Wenn Ziele ständig wechseln, keine realistischen Maßstäbe existieren und es keinen Plan zur Beendigung gibt, werde der Krieg selbst zur Routine. Als Beispiel nennt er Afghanistan. Auch Ukraine und Iran folgten aus seiner Sicht einer solchen Logik: Man eskaliere weiter, weil das Scheitern nicht eingestanden werden könne.
Drohnenkrieg und Verschiebung militärischer Abhängigkeiten
Freeman betont, dass westliche Armeen auf kurze, siegreiche Kriege ausgelegt seien, nicht auf langwierige Abnutzung. Russland und Iran hätten dagegen ihre Produktion relevanter Waffen aufrechterhalten. Zugleich werde die Ukraine durch Drohnentechnologie, oft mit chinesischen Komponenten, zu einem wichtigen Anbieter militärischer Fähigkeiten für Golfstaaten. Das schwäche langfristig die frühere Abhängigkeit dieser Staaten von amerikanischer Technologie.
Syrien, Türkei und der drohende Bürgerkrieg im Libanon
Im syrischen Raum sieht Freeman eine neue geopolitische Dynamik: Türkei, Kurden, Israel, Irak und Syrien verfolgen teils gegensätzliche Interessen. Syrien gewinne als Transitland wieder Bedeutung, unter anderem für irakische Ölexporte, falls Hormus blockiert bleibt. Im Libanon könne das Abkommen mit Israel die Regierung delegitimieren, weil sie aus Sicht vieler Libanesen Souveränität preisgebe und gegen die schiitische Bevölkerung sowie Hisbollah gestellt werde. Freeman hält einen Bürgerkrieg deshalb für ein reales Risiko.
Öl, US-Innenpolitik und schwankende Unterstützung für Israel
Freeman erwartet, dass unterbrochene Lieferketten durch Hormus bald spürbare wirtschaftliche Folgen haben könnten: steigende Ölpreise, Probleme bei Düngemitteln und Druck auf die Weltwirtschaft. Trump stehe innenpolitisch vor Wahlen und unter Druck von Geldgebern, Basis, Golfstaaten, Iran, Israel, Russland und Ukraine. Zugleich erkennt Freeman erstmals seit langer Zeit offene Distanz zwischen USA und Israel, etwa bei der Frage, ob Israel im Libanon weiterhin freie Hand hat.
Israel strategisch isoliert: mehrere Fronten, schwindende Stützen
Israel befinde sich nach Freemans Einschätzung in einem Mehrfronten-Abnutzungskrieg. Netanyahu habe zu Recht von sieben oder acht Fronten gesprochen. Doch Israel entfremde seine Unterstützer: Europa wende sich zunehmend ab, die Region organisiere neue Sicherheits- und Rüstungskooperationen, und Israel bleibe stark von US-Waffen, US-Finanzierung und gemeinsam entwickelten Systemen abhängig. Ein Führungswechsel in Israel löse das Problem nicht, da die harte Linie in der Gesellschaft breit verankert sei.
Lawfare, nukleare Folgen und politische Kopflosigkeit
Freeman sieht wachsenden juristischen Druck gegen Israel und die USA wegen Verstößen gegen Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht. Zugleich warnt er, dass Angriffe auf Iran gerade jene Kräfte stärkten, die eine nukleare Abschreckung fordern. In Washington gebe es keinen verlässlichen politischen Entscheidungsprozess mehr: Prioritäten würden nicht strategisch gesetzt, sondern hingen vom Bauchgefühl des Präsidenten ab.
Schluss: Gewalt verschärft genau die Probleme, die sie lösen soll
Zum Schluss betont Freeman, dass reine Gewaltanwendung kontraproduktiv sei. Gegenüber Iran könne die Drohungspolitik das Gegenteil bewirken und den Wunsch nach Atomwaffen stärken. Gegenüber Russland bestätigten tiefe ukrainische Angriffe aus seiner Sicht das russische Sicherheitsargument, dass eine feindliche Militärpräsenz in der Ukraine untragbar sei. Diesen fasst die Lage als fehlendes strategisches Denken zusammen; Freeman ergänzt, endlose Kriege hätten eine eingebaute Eskalationslogik.
Kurzfazit
Das Gespräch bündelt die aktuellen Krisen um Iran, Hormus, Libanon, Israel, Syrien und Ukraine zu einer gemeinsamen Diagnose: Die USA und Israel verfügen nach Freemans Einschätzung über keine stabile Strategie zur Beendigung der Konflikte, sondern verschieben Ziele, brechen oder deuten Vereinbarungen um und erzeugen dadurch neue Eskalationsspiralen. Besonders gefährlich erscheinen ihm die iranische Kontrolle über Hormus, die Möglichkeit eines Bürgerkriegs im Libanon, Israels zunehmende Isolation sowie die parallele Eskalation gegenüber Russland.