09.04.2026

Timofei Bordachev: Ein neues Großspiel um Zentralasien?

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Medienpräsenz

Timofei Bordachev argumentiert, dass das Denken über das „Great Game“ des 19. Jahrhunderts noch immer die Sichtweise auf Zentralasien prägt, obwohl sich die geopolitischen Realitäten dieser Region stark verändern. Bordachev ist Programmdirektor des Valdai Discussion Club und akademischer Betreuer des Zentrums für umfassende europäische und internationale Studien an der National Research University Higher School of Economics.

Zeitmarken

  • Das „Great Game“ als Mythos: Bordachev argumentiert, dass das „Great Game“ des 19. Jahrhunderts (die Rivalität zwischen dem Britischen Empire und dem Russischen Reich) weniger eine harte machtpolitische Realität als vielmehr ein intellektuelles Narrativ war. Es erlaubte beiden Mächten, in einer Randregion zu konkurrieren, ohne ihre Kernbeziehungen in Europa zu gefährden [01:27, 02:43].
  • Die Handlungsfähigkeit Zentralasiens: Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert verfügen Staaten wie Kasachstan und Usbekistan heute über eine ausgeprägte Souveränität. Bordachev betont die tiefe kulturelle Geschichte und politische Weisheit dieser Region, die oft unterschätzt werde. Diese Staaten nutzen das Narrativ des „Great Game“ taktisch, um internationale Aufmerksamkeit und Investitionen zu generieren [04:31, 10:06].
  • Kein Nullsummenspiel: Während der Westen oft versuche, Zentralasien von Russland zu „entkoppeln“, verfolgen Akteure wie China und Russland laut Bordachev einen pragmatischeren Ansatz. China konzentriere sich auf Handel, während Russland durch die Bereitstellung von Millionen Arbeitsplätzen für zentralasiatische Migranten ein wesentlicher Pfeiler der regionalen Stabilität bleibe [12:49, 30:29].
  • Flexibilität statt Hegemonie: Organisationen wie die SOZ (Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit) oder BRICS seien gerade deshalb attraktiv für Zentralasien, weil sie keinen einzelnen Hegemon oder eine zentralisierte Führung haben. Dies entspreche der eurasischen Tradition der Freiheit und Eigenständigkeit [16:34, 17:30].
  • Geographische Sicherheit: Anders als die Ukraine sei Zentralasien geographisch so gelegen, dass es für den Westen unmöglich sei, dort ernsthafte militärische Infrastruktur gegen Russland aufzubauen. Zudem gebe es keine Notwendigkeit für Russland oder China, dort Raketen gegeneinander zu stationieren [09:07, 35:42].
  • Entwicklungen in Afghanistan: Bordachev berichtet von einer psychologischen Stabilisierung in Afghanistan seit dem Abzug der NATO. Die offizielle Anerkennung der Taliban-Regierung durch Russland (Anfang Juli 2025/2026) spiegele den Respekt vor der Souveränität wider, die es Afghanistan erlaube, mit allen Mächten unabhängig zu verhandeln [25:01, 27:08].

Fazit der Analyse:

Anstelle des veralteten „Great Game“-Modells schlägt Bordachev das Konzept der „Weltmehrheit“ vor. Dieses besagt, dass das primäre Ziel der meisten Staaten heute die Entscheidungsfreiheit ist – also das Recht, Handels- und Politikpartner unabhängig von exklusiven Blöcken zu wählen [33:48].

Sprache (Ton)
Deutsch
Laufzeit
37min 14s

Erstellt: 10.04.2026 - 07:18  |  Geändert: 10.04.2026 - 07:18

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