Manfred Messerschmidt
Historiker, Aufklärer, Vorbild
Anfeindungen haben ihn stets begleitet, doch seinem Weg ist er stets treu geblieben: Manfred Messerschmidt, Nestor kritischer Militärgeschichte, der ungeachtet seiner Bescheidenheit mehr erreicht hat als alle seine Gegner zusammen. Mehr noch. Er hat seinem Land Gutes getan, indem er es mit schmerzhaften Wahrheiten konfrontierte, die vielen, denkt man etwa an „Vogelschiss“-Gauland, selbst heute noch nicht gefallen.
Anlässlich seines 100. Geburtstages erinnert nun ein Buch des Bremer Donat Verlages an das Lebenswerk Messerschmidts. Es enthält wichtige Arbeiten von ihm, die nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben und ihn als klaren Denker charakterisieren, der wie George Orwell die Freiheit als das Recht begriff, „anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen.“
Noch Ende der 1960er Jahre war die Legende von der „sauberen Wehrmacht“, die während des Zweiten Weltkriegs unbefleckt durch die Zeiten marschiert sein sollte, weit verbreitet. Das änderte sich im Gefolge der Ernennung Messerschmidts durch Verteidigungsminister Helmut Schmidt 1970 zum „Leitender Direktor“ des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) in Freiburg i. Br. Kaum im Amt, das er bis zu seiner Frühpensionierung 1988 innehatte, konzipierte er das zehnbändige Forschungsprojekt „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“. Mit ihm stellte er die vordem übliche militärimmanente Sichtweise vom Kopf auf die Füße. In Verbindung mit jüngeren Historikern im MGFA erwarb er sich herausragende Verdienste um die Entwicklung einer kritischen Militärgeschichtsschreibung. Allgemeingut geworden sind seine Erkenntnisse: Die Wehrmacht war der „stählernde Garant des NS-Systems“ und der von ihr geführte, verbrecherische Krieg, der den Holocaust erst ermöglichte, muss als „kriminelles Ereignis“ bewertet werden. Gleiches gilt für sein vernichtendes Urteil über die mörderische Militärjustiz der NS-Zeit mit ihrer überbordenden Todesstrafenpraxis. „Alles, was er als Historiker und Jurist schrieb, hatte Bestand, weil es auf Primärquellen beruhte und damit ‚wasserdicht‘ belegt war. Seine Kritiker mochten ihn verleumden, widerlegen konnten sie ihn damals und bis heute nicht“ – so Wolfram Wette, einer der engen Mitarbeiter Messerschmidts im MGFA, in seinem umfassenden und einfühlsamen Porträt, das ihn als „große Ausnahmeerscheinung“ und für die Demokratie in der BRD als einen „Glücksfall“ würdigt.
Messerschmidts weit gespanntem geschichtspolitischem Engagement für die Rehabilitierung der Opfer der Militärjustiz, seinem Auftreten als Redner und Gutachter im Rahmen der „Wehrmachtsausstellung“ und seiner Bedeutung als Historiker ist der dritte Teil des Bandes gewidmet. Fast 30 AutorInnen aus Politik, Wissenschaft und Geistesleben legen dar, in welchem Maße sie von seinem Wirken in ihrer Haltung bis heute beeinflusst sind. Sie begreifen ihn als einen Historiker und Menschen, der Zeitgeschichte geschrieben hat.
Fast 30 AutorInnen aus Politik, Wissenschaft und Geistesleben legen dar, in welchem Maße sie von seinem Wirken in ihrer Haltung bis heute beeinflusst worden sind. Sie begreifen ihn als einen Historiker und Menschen, der Zeitgeschichte geschrieben hat.
Mit Beiträgen von Detlef Bald, Ulrich Baumann, Eva Brücker, Wolfgang Benz, Hans-Ernst Böttcher, Kurt Buck, Herta Däubler-Gmelin, Helmut Donat, Lothar Eberhardt, Detlef Garbe, Winfried Heinemann, Ralph Giordano, Klaus-Detlev Godau-Schüttke, Norbert Haase, Gerd Hankel, Johannes Klotz, Jakob Knab, Günter Knebel, Helmut Kramer, Kerstin von Lingen, Walter Manoschek, Manfred Messerschmidt, Ingo Müller, Günter Saathoff, Christian Streit, Rolf Surmann, Volker Ullrich, Hans-Jochen Vogel und Wolfram Wette
Aus dem Inhalt: Beiträge von M. Messerschmidt
- Meine Erfahrungen als Soldat 1944/45
- Das Verhältnis von Wehrmacht und NS-Staat und die Frage der Traditionsbildung
- Die Wehrmachtsjustiz gegen „Zersetzer“ und Pazifisten
- Militärkritik in der „Weltbühne“
- Zur Aufhebung des Todesurteils gegen Franz Jägerstätter
- „Aus heutiger Sicht ist die Desertion auch ein Stück Widerstand“ – Laudatio für Ludwig Baumann
Quelle: neu.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de
Manfred Messerschmidt bei Neuer Weg
Das NS-Unrecht revidieren – Manfred Messerschmidt zum 100. Geburtstag: Damit hat keiner gerechnet – selbst Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt nicht. Im Jahre 1970, die sozial-liberale Koalition war kaum ein Jahr im Amt, hatte der neue Verteidigungsminister den Historiker und Juristen Manfred Messerschmidt in die Position des „Leitenden Historikers“ im Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) berufen und ihn zum „Direktor und Professor“ ernannte. Die Wahl, vor dem Hintergrund der reformorientierten Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt gegen die Willen der konservativen Militärs zustande gekommen, sollte sich als außerordentlicher Glücksfall erweisen (...). Von Sebastian Sigler, tabularasamagazin.de 03.09.2026 neu.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de