Das große Morden
Texte gegen Militarismus und Krieg
"Zeitwende! Das Wort führt jetzt jeder Esel im Munde, dem die Zeit noch niemals etwas gewendet hat. Das Schicksalsjahr 1915! Voll Stolz und Selbstgefühl wird dieser 1. Januar begrüßt. Dass er bestimmt ist, eine Epoche fortzusetzen, die die Vernichtung von Millionen Schicksalen bedeutet, fällt den Hanswürsten nicht ein". Erich Mühsam, Tagebucheintrag vom 1. Januar 1915
Eine Minderheit unter den linken Friedenstauben, die den Kurs angeben möchte, präsentiert sich heute überaus handzahm und liebenswürdig. Höflich appelliert man an die Regierenden des Erdkreises, die Ausgaben für das Militärische doch bitteschön allüberall um Zehntel zu senken. Kaum ist der weise Ratschlag ausformuliert, haben die Welt-Kriegsertüchtiger dem globalen Rüstungsbudget schon wieder eine weitere Billion hinzugefügt.
Angesichts der staatstragenden Zähmungen, die nur noch mehr Traurigkeit verbreiten, kann das hier vorgelegte Lesebuch als Ermutigung zur Streitbarkeit gelesen werden. Es führt starke Texte gegen Militarismus und Krieg aus der Feder des anarchistischen Schriftstellers Erich Mühsam (1878-1934) zusammen. Berücksichtigt werden Gedichtbände, Essays, Tagebucheinträge, Nachlass-Schriften (Abrechnung, 1916/17) und ein unvollendeter Roman (Mann des Volkes, 1921-1923).
Am Vorabend des Ersten Weltkrieges diagnostizierte der Dichter: "Mit zwei Milliarden Mark muss jährlich die Henne gefüttert werden, die unter dem Namen 'Deutsche Wehrmacht' ... herumgackert. Jetzt ist sie mit einer Extramilliarde noch fetter aufgeplustert worden und beansprucht infolgedessen fortan noch erheblich mehr Getreidekörner aus den Ackern des deutschen Volkes als bisher. Der Geflügelzüchter Michel ... merkt nicht, dass das meschuggene Huhn ihm nichts als Kuckuckseier in den Stall legt. Eines guten Tages aber wird es ihm schmerzlich fühlbar werden, wenn nämlich der zärtlich gepflegte 'bewaffnete Friede' an Überfütterung krepiert, seine Küken aber auskriechen und sich die missgestalteten Kreaturen als Krieg, Hunger und Pestilenz über das Land ergießen" (Februar 1914).
Inhaltsverzeichnis und Leseprobe
Viele der Texte im neuen Mühsam-Lesebuch "Das große Morden" klingen ganz aktuell – so als wären sie gerade eben erst geschrieben worden. Das ist schlimm! Wir sind auch deshalb – um eine Wendung von Klaus Hoffmann aufzugreifen – zu müde, um gegenüber den Vorbereitern eines dritten Weltkrieges als höfliche Bittsteller aufzutreten … Lebenshaus Schwäbische Alb (ohne Datum)
Antimilitarismus und revolutionärer Militarismus? Anmerkungen zu Erich Mühsams Texten über Kampf und Revolution: „Des Feinds vergiftete Geschosse umschwirren meine Seele wild. Jedoch der Mut ist mein Genosse, und meine Liebe ist mein Schild.“ (Erich Mühsam, 1914) Das Aufbegehren betrachtete er als seine Berufung. In einem Selbstzeugnis des Jahres 1919 heißt es: „Mein Werdegang und meine Lebenstätigkeit wurden bestimmt von dem Widerstand, den ich von Kindheit an den Einflüssen entgegensetzte, die sich mir in Erziehung und Entwicklung im privaten und gesellschaftlichen Leben aufzudrängen suchten. […] Die Bekämpfung des Staates in seinen wesentlichen Erscheinungsformen, Kapitalismus, Imperialismus, Militarismus, Klassenherrschaft, Zweckjustiz und Unterdrückung in jeder Gestalt, war und ist der Impuls meines öffentlichen Wirkens. […] Selbstverständlich fand mich die Revolution von der ersten Stunde aktiv auf dem Posten … Mitglied des Revolutionären Arbeiterrats … Kampf gegen die Konzessionspolitik Kurt Eisners … Teilnahme an der Ausrufung der bayerischen Räterepublik … Standgericht: fünfzehn Jahre Festung …“. Von Peter Bürger graswurzel.net 19.06.2025
Mein ‚Kosmopolitismus‘ ist in meiner Eigenschaft als Jude begründet“: Die Losungsworte des deutschen Militarismus sind nie neu oder originell, sondern wiederholen sich stets (wie auch ihre bitteren Folgen). Schon vor 110 Jahren schrieb der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam: „Zeitwende! Das Wort führt jetzt jeder Esel im Munde, dem die Zeit noch niemals etwas gewendet hat. Das Schicksalsjahr 1915! Voll Stolz und Selbstgefühl wird dieser 1. Januar begrüßt. Dass er bestimmt ist, eine Epoche fortzusetzen, die die Vernichtung von Millionen Schicksalen bedeutet, fällt den Hanswürsten nicht ein“ (Tagebucheintrag, 1. Januar 1915). Erich Mühsam, am 6. April 1878 in Berlin geboren und als Apothekersohn in Lübeck aufgewachsen, hat seinen Kampf gegen den Kriegerwahn auch mit seinem Herkommen in Verbindung gebracht: „Mein ‚Kosmopolitismus‘ ist höchst verächtlich, aber in meiner Eigenschaft als Jude begründet. Ich erklärte, dass ich diese Eigenschaft für die beste der Juden halte und nur wünschte, meine Stammesgenossen hätten darin nicht auch umgelernt“ (Tagebucheintrag, 7. Januar 1916). Den deutschen Faschisten galt der Verfasser dieses Selbstbekenntnisses schon früh als Erzfeind; sie werden ihn am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg ermorden. Von Peter Bürger OVERTON Magazin 01.06.2025
"Immer wieder überraschen einen die Mitmenschen - selbst solche, die die Bezirke geistiger Lebendigkeit bewohnen - mit ernsthaft gemeinten Gegengründen gegen die Forderungen der selbstverständlichsten Menschlichkeit. Immer wieder sagt man den Spruch auf, daß es doch wohl natürlich wäre, wenn die Menschen einander hülfen und versuchten, im Frieden nach innen und außen Gerechtigkeit zwischen Arbeit und Verbrauch zu schaffen, und immer wieder begegnet einem das überlegene mitleidsvolle Lächeln der Weltklugheit, die Krieg und Spionage, Ausbeutung und Unterdrückung als gottgewollte schöne und gute Notwendigkeit zu verteidigen weiß. Man schämt sich allmählich vor sich selbst, immer und immer wieder den moralischen Gemeinplatz aussprechen zu müssen, daß Krieg schlecht und häßlich, Friede gut, natürlich und notwendig ist. Aber wir wollen noch tausendmal die Gründe der anderen widerlegen, um vor der Nachwelt nicht in der lächerlichen Haltung solcher dazustehen, die vor der Dummheit und Herzenskälte resignieren und kapitulieren." Erich Mühsam, aus: KAIN. Zeitschrift für Menschlichkeit, 4. Jahrg., München Mai 1914 anarchismus.at (ohne Datum)