Divide and Conquer: Abusing History to Inflame Sunni-Shi’i Sectarianism w/ Mehmet Ali Arslan
auf YouTube (09.02.2025) 1:45:32
Professor Adnan Husain diskutiert mit dem Aktivisten Mehmet Ali Arslan, wie die Instrumentalisierung und der Missbrauch islamischer und nahöstlicher Geschichte zu konfessionellen Spaltungen führt. Insbesondere erörtern sie, wie die Spannungen und die Polarisierung zwischen Sunniten und Schiiten durch Verweise auf Ereignisse des frühen Islam sowie den dynastischen Wettstreit zwischen Osmanen und Safawiden angeheizt werden. Sie beleuchten einen interessanten Brief des osmanischen Sultans Selim des Grimmigen an Schah Ismail von Persien, der aktuell dazu genutzt wird, Zustimmung für imperialistische Bestrebungen in der Levante zu erzeugen.
Überblick
1. Einführung des Hosts und Ausrichtung des neuen Kanals (00:01) Adnan Hussein stellt sich als Professor an der Queen's University für mittelalterliche Mittelmeer- und islamische Geschichte vor. Er begründet den Start seines privaten Kanals damit, dass er Themen wie den Nahen Osten, die islamische Welt, diasporische Kultur, Musik und Politik außerhalb des Universitätsgeländes beleuchten möchte. Ein zentraler Fokus seiner zukünftigen Arbeit soll zudem auf einer emanzipatorischen „islamischen Befreiungstheologie“ liegen.
2. Vorstellung des Gasts und dessen politischer Hintergrund (03:25) Als Gast begrüßt Hussein den kurdischstämmigen Programmierer, Musiker und Aktivisten Mehmet Ali Aran, der seit 15 Jahren in Schweden lebt. Aran engagierte sich zuvor in Schweden in der European Palestinian Youth Union (EPYU). Er trat jedoch aus der Organisation aus, nachdem es zu einem tiefen Dissens über die konfessionell aufgeladene Bewertung der Ereignisse in Syrien gekommen war.
3. Fragmentierung der Palästina-Solidarität durch Syrien (07:43) Die Gesprächspartner erörtern, wie der syrische Bürgerkrieg die pro-palästinensische Solidaritätsbewegung spaltet. Während nach dem 7. Oktober 2023 kurzzeitig eine breite, einende Kultur des Widerstands gegen die westliche Komplizenschaft am Genozid in Gaza entstand, wirkten die Ereignisse in Syrien als massiver Keil zur Zersplitterung der muslimischen Solidarität (Ummah).
4. Der angebliche Brief von Sultan Selim I. und der Takfirismus (09:32) Unmittelbar nach der Rebellenoffensive in Syrien teilte ein regierungsnaher türkischer Journalist mit 300.000 Followern einen angeblichen Brief von Sultan Selim I. an Schah Ismael vor der Schlacht von Tschaldiran (1514). Der Brief ist inhaltlich hochgradig takfiristisch geprägt, da er Schiiten als Ungläubige deklariert und deren Tötung, Plünderung und Versklavung legitimiert. Takfir beschreibt die Ausgrenzungspraxis, andere Menschen, die sich als Muslime identifizieren, zu Ungläubigen zu erklären – ein Begriff, den auch Hassan Nasrallah 2013 nutzte, um die Hisbollah-Intervention in Syrien zu rechtfertigen.
5. Geopolitische Instrumentalisierung und Konfrontation mit dem Iran (15:29) In türkischen Regierungskreisen herrscht eine starke anti-iranische Stimmung; der Leiter des staatlichen Senders kündigte sogar einen Farsi-Kanal an, um den Iran gezielt zu stören. Die Veröffentlichung des historischen Selim-Briefes soll die türkische Intervention in Syrien und die Unterstützung für takfiri-Milizen (rekrutiert aus Zentralasien und dem Kaukasus) legitimieren, um Assad zu stürzen und die Auseinandersetzung mit dem Iran über die gemeinsame Front gegen Israel zu priorisieren.
6. Historische Wurzeln der konfessionellen Spaltung (32:05) Es wird dargelegt, wie die willkürliche Grenzziehung nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches die arabisch-alawitische Bevölkerung zwischen Syrien und der Türkei aufteilte. Während Sultan Selim sich als Verteidiger der sunnitischen Orthodoxie inszenierte, wird die Geschichte auch heute noch für polemische Zwecke instrumentalisiert – etwa wenn schiitische Kreise im Iran demonstrativ betonen, die „Enkel von Schah Ismael und die Knaben der Qizilbasch“ zu sein.
7. Erdogans neo-osmanische Ambitionen und wirtschaftliche Heuchelei (48:18) Obwohl Erdogan sich rhetorisch als stärkster Unterstützer Palästinas inszeniert, liefert die Türkei weiterhin aserbaidschanisches Öl nach Israel und exportiert Güter wie Stahl, Zement und Lebensmittel. Um die offiziell verkündeten Handelssperren zu umgehen, werden Waren einfach als Exporte nach Palästina umetikettiert. Gleichzeitig verfolgt die Regierung neo-osmanische Hegemonialpläne im Nahen Osten, gestützt auf das populäre Slogan-Muster: „Erst die Hagia Sophia, dann die Umayyad-Moschee in Damaskus, als nächstes Al-Aqsa“.
8. Der nordsyrische Kurdenkonflikt und das Scheitern des Friedensprozesses (52:12) Im Zuge des Arabischen Frühlings strebte die Türkei gemeinsam mit der ägyptischen Muslimbruderschaft einen „sunnitischen Halbmond“ an. Dies begrub den kurdischen Friedensprozess, da die Kurden die Chance sahen, mit Unterstützung der USA und Israels eine unabhängige Zone (Rojava) aufzubauen. Die türkisch-iranischen Beziehungen kühlten ab, da der Iran den syrischen Staat stabilisierte.
- Das Idlib-Abkommen und der Astana-Prozess (55:06): Es wird das Idlib-Abkommen besprochen, bei dem sich die Akteure darauf geeinigt hatten, dschihadistische Gruppierungen wie HTS in der Provinz Idlib zu isolieren und unter Quarantäne zu stellen. Dies war ein mühsamer Kompromiss, da die syrische Regierung eigentlich das gesamte Staatsgebiet zurückerhalten wollte, aber auf Widerstand stieß.
- Das Ende der türkischen „Balance-Politik“ (56:04): Historisch hat die Türkei seit dem Ende der osmanischen Ära eine Politik des Balancierens zwischen Ost und West verfolgt, was Erdogan lange Zeit meisterhaft beherrschte. Doch mit der jüngsten Eskalation und der türkischen Unterstützung der Rebellenoffensive hat die Türkei diese Balance-Politik endgültig verspielt und kann dieses Spiel nicht mehr glaubwürdig fortsetzen.
- Der Verrat an China und BRICS (57:19): In der syrischen HTS-Offensive spielten uigurische Separatisten eine tragende Rolle. Dieser Schritt stellt einen direkten „Dolchstoß“ gegen die Interessen Russlands, des Irans und insbesondere Chinas dar. China wird über diese Entwicklung extrem verärgert sein, was die Hoffnungen der Türkei auf einen künftigen Beitritt zu den BRICS-Staaten de facto zunichte macht.
- Die Bewerbung als „neuer Schah“ für die USA (58:30): Da der syrische Präsident Assad sich weigerte, mit der Türkei zu sprechen, solange diese ihre Besatzungstruppen nicht abzieht, nutzte Ankara die Gelegenheit des syrischen Umsturzes. Damit will sich die türkische Führung bei der kommenden US-Administration unter Trump als der entscheidende, pro-westliche Ordnungshüter („der neue Schah von Persien“) im Nahen Osten andienen.
- Die Evolution der AKP und der „Tiefe Staat“ (59:55): Die blicken zurück auf die Geschichte der AKP: Was einst als vermeintliches Liberalisierungsprojekt begann, um sich Europa anzunähern, wandelte sich rasch in das Bestreben, nach der Verdrängung der säkularen Kräfte die vollständige Kontrolle über den „Tiefen Staat“ und seine Institutionen zu übernehmen.
- Das osmanische Hegemonie-Projekt (1:07:43): Hinter den unterstützten Proxys und Milizen in Syrien steht ein viel größerer, langfristiger Plan: die Wiedererrichtung einer regionalen türkischen Vormachtstellung (Hegemonie) im Nahen Osten.
- Die Eroberung von Mount Hermon und die Libanon-Front (1:09:46): Südsyrische Rebellen haben staatliche Beamte in Dar'a vertrieben und den strategisch entscheidenden Mount Hermon besetzt, dessen Gipfel direkt Damaskus und die libanesische Grenze überblickt. Dies geschah zeitgleich mit dem von Israel fast tausendfach gebrochenen Waffenstillstand im Libanon. Dadurch kann Israel die Hisbollah-Stellungen im Libanon nun erstmals ungestört umgehen und von Osten her (über syrisches Territorium) attackieren
9. Israels Geopolitik der Zersplitterung (1:11:07) Die Fragmentierung Syriens entspricht der langfristigen israelischen Strategie, die darauf abzielt, keinerlei starke rivalisierende Mächte in der Region zu dulden. Israel strebt danach, die Kapazitäten aller Staaten im Nahen Osten systematisch zu schwächen, weshalb es das Chaos und die Zersplitterung in Syrien begrüßt, selbst wenn dies der Türkei kurzfristig opportunistische Geländegewinne bringt.
10. Neoliberale Privatisierungspläne als koloniale Kapitulation (1:31:43) Um westliche Sanktionen aufzuheben, biedert sich die Führung von HTS (unter Julani) dem Imperium an und kündigt bereits umfassende Privatisierungen staatlicher Unternehmen und Versorgungsbetriebe an. Es wird scharf kritisiert, dass westliche Linke den Sturz des Assad-Regimes feiern, während das Land damit vollends der Ausbeutung durch das globale, transnationale Kapital überlassen wird, was das soziale Gefüge endgültig zerschlägt