Lawrow im Interview mit RBC
auf YouTube (28.08.2026) 58:59
Interview des Außenministers der Russischen Föderation, S. W. Lawrow, mit dem Fernsehsender RBC, Moskau, 28. August 2026
Überblick
Der Wandel der Weltordnung und die Demütigung der 1990er Jahre (00:15) Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die westliche Unipolarität de facto offen proklamiert [752–753]. Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ spiegelte die Träume der westlichen Eliten wider, dass ihr liberales Modell das einzig dominierende auf dem Planeten sein würde [753–754]. In Russland wurde dieser Kurs anfangs teils enthusiastisch aufgenommen, was dazu führte, dass westliche Berater russische Regierungsbehörden überfluteten und Privatisierungen steuerten [754–755]. Die Folgen dieses Kurses stellten sich jedoch rasch als verheerend für die russische Wirtschaft und Gesellschaft heraus.
Das vergebliche Streben nach europäischer Integration und Putins Münchner Rede (03:36) Lawrow erinnert daran, dass Wladimir Putin Bill Clinton bei ihrer ersten Begegnung vorschlug, Russland in die NATO aufzunehmen, was Clinton jedoch nach Rücksprache mit seinem Stab ablehnte [756–757]. Selbst Russlands spätere Aufnahme in die G8 war keine vollwertige Mitgliedschaft; heikle Finanz- und Handelsentscheidungen wurden weiterhin im exklusiven G7-Kreis beschlossen und Russland erst nachträglich informiert [757–758]. Dieser bewusste Ausschluss markierte den Wendepunkt und führte schließlich zu Putins Münchner Sicherheitsrede 2007, in der er die Lügen des Westens offen anprangerte und die Realität einer multipolaren Welt darlegte [759–761].
Der Betrug der Rüstungskontrolle und die NATO-Osterweiterung (07:15) Trotz mündlicher Zusicherungen an die sowjetische Führung (bestätigt durch die Memoiren des ehemaligen US-Botschafters Jack Matlock), dass sich die NATO nach der deutschen Wiedervereinigung nicht nach Osten ausdehnen würde, schritt die Erweiterung stetig voran. Westliche Partner wiegelten russische Proteste ab, indem sie schriftliche Dokumente (wie das Istanbuler Abkommen von 1999) als „rechtlich nicht bindende, bloß politische Erklärungen“ deklarierten. Auch Russlands spätere Vorschläge für einen rechtlich bindenden europäischen Sicherheitsvertrag (2008 und Dezember 2021) wurden vom Westen arrogant ignoriert [769–770].
Die Ukraine-Krise 2014 und die Sabotage der Diplomatie (10:39) Lawrow verweist auf das Abkommen vom 21. Februar 2014 zwischen Janukowytsch und der Opposition, das von Deutschland, Frankreich und Polen garantiert, jedoch tags darauf durch den Maidan-Putsch gebrochen wurde. Ähnlich verhielt es sich mit den Minsker Vereinbarungen: Führende westliche Politiker (Merkel, Hollande, Poroschenko) gaben später offen zu, dass diese nie umgesetzt werden sollten, sondern nur dazu dienten, Kiew Zeit für die Aufrüstung zu verschaffen [778–780]. Im April 2022 verbot der britische Premier Boris Johnson schließlich der Ukraine die Unterzeichnung des in Istanbul bereits fertig ausgehandelten Friedensvertrags [780–781, 783].
Die Unterdrückung von Sprache und Religion im Kiewer Regime (16:58) Der Westen fordert laut Lawrow derzeit einen bloßen Waffenstillstand an der aktuellen Kontaktlinie, um das Kiewer Regime neu aufzurüsten und Stabilisierungskräfte (unter der Führung von Großbritannien und Frankreich) zu stationieren [781–783]. Dieses Vorhaben dient dem Schutz eines neonazistischen Regimes, welches die russische Sprache und die kanonische orthodoxe Kirche gesetzlich verboten hat [783–784]. Der Vatikan und UN-Vertreter schweigen zu diesen massiven Menschenrechtsverletzungen, obwohl die UN-Charta den Schutz von Sprache und Religion bedingungslos vorschreibt [784–787].
Geheimdienstkanäle und das Anchorage-Abkommen mit Trump (20:39) Lawrow äußert sich zu den Leaks über angebliche amerikanische Unterstützung für ukrainische Angriffe auf die russische Wirtschaftsinfrastruktur . Er betont, dass Donald Trump im Gegensatz zu Biden und den Europäern versucht hat, die Grundursachen des Konflikts zu verstehen, und sich offen gegen die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine positionierte [792–794]. Beim Anchorage-Treffen (August 2025) las Putin Trumps Vorschläge vor, die vollständig akzeptiert wurden [798–800]. Europäische Staatschefs wie Macron und Selenskyj bedrängten Trump jedoch so lange, bis dieser die eigene Vereinbarung begrub. Russland wird bei künftigen Verhandlungen daher keine Waffenruhe mehr ausrufen.
Geopolitik und die neuen Bündnisse mit Nordkorea und dem Iran (29:49) Russland sieht sich heute mit einer geschlossenen Front des kollektiven Westens konfrontiert. Länder wie Nordkorea und der Iran, die vom Westen jahrzehntelang als Außenseiter-Staaten stigmatisiert wurden, sind nun Russlands wichtigste Verbündete. Lawrow verurteilt die westliche Doppelmoral: Während Kiews terroristische Methoden (Angriffe auf russische Raffinerien, Strände und Hochzeitsgesellschaften in Moskau) stillschweigend geduldet werden, wird der Iran für seine legitime Selbstverteidigung gegen US-israelische Aggressionen scharf kritisiert [819–820, 829–831].
Künstliche Intelligenz und die Spaltung in Technologielager (43:53) Die geopolitische Spaltung spiegelt sich auch im Technologiesektor wider, wo die USA eine monopolistische „Pax Silica“ etablieren wollen, um Chinas rasanten Aufstieg einzudämmen [833–834]. Als Antwort auf diese technologische Ausgrenzung hat China eine Weltorganisation für künstliche Intelligenz ins Leben gerufen, an der Russland als Gründungsmitglied aktiv beteiligt ist [835–836]. Auch der Vatikan teilt Russlands Besorgnis über die zunehmend unkontrollierbaren militärischen Anwendungen von KI.
Das eurasische Schicksal Armeniens und Parallelen zur Ukraine (47:49) Lawrow kritisiert die aktuelle armenische Führung unter Paschinjan, die sich einseitig auf die EU ausrichtet, während der armenische Wohlstand der letzten Jahre primär auf der Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion beruhte [840–843]. Er zieht direkte Parallelen zu den Ereignissen in der Ukraine im Jahr 2013, als die überhastete EU-Assoziierung den Maidan-Putsch auslöste. Armenien droht durch den Bruch mit Russland der Verlust von dreifach bis vierfach günstigeren Energieträgern [846–847].
Das Ende des "postsowjetischen Raums" und das Konzept des "nahen Auslands" (55:30) Der Begriff des „postsowjetischen Raums“ ist laut Lawrow längst Geschichte . Für die moderne Politik verwendet das russische Außenministerium stattdessen das neutralere Konzept des „nahen Auslands“ (nahes Ausland) . Er stellt klar, dass Russland im Gegensatz zu westlichen Mächten (wie den USA und Großbritannien), die durch Desinformation und Einmischung (wie beim ersten Maidan 2004) ständig Staatsstreiche inszenieren, niemals anderen Völkern seine Ordnung aufgezwungen hat