John Mearsheimer: US-Großstrategie in einer neuen Weltordnung
auf YouTube (14.08.2026) 1:05:26
Überblick
🎬 Einleitung und Vorstellung des Themas
0:02 – 1:57
Mearsheimer und Gastgeber Glenn Diesen eröffnen das Gespräch. Sie thematisieren die grundlegende Verschiebung der internationalen Machtverteilung vom Westen in den Osten, die in Friedenszeiten stattgefunden hat. Mearsheimer kritisiert, dass der Westen, insbesondere Europa, darauf oft nur reflexhaft reagiere, anstatt strategisch über die eigenen Ziele und Optionen nachzudenken. Es fehle an strategischem Denken – ausgerechnet jetzt, wo es am nötigsten wäre.
🎯 Definition von "Grand Strategy"
2:09 – 9:33
Mearsheimer definiert Grand Strategy als die Kunst, die wichtigsten außenpolitischen Ziele (die vitalen Interessen) mit den verfügbaren militärischen Mitteln in Einklang zu bringen. Er unterscheidet dies klar von der allgemeinen Außenpolitik, die alle Ziele und Instrumente (auch Diplomatie, Sanktionen) umfasst.
Sein Rahmenwerk besteht aus drei Fragen:
- Was sind unsere vitalen Interessen? (Für welche Regionen würden wir kämpfen und sterben?)
- Welche Bedrohungen gibt es für diese Interessen?
- Welche Art von Streitkräften (Land, Luft, See, nuklear vs. konventionell) bauen wir auf, um diese zu schützen?
🌎 Die vier vitalen Weltregionen für die USA
11:08 – 15:54
Mearsheimer identifiziert vier Weltregionen von vitalem Interesse:
- Die westliche Hemisphäre – der eigene Hinterhof, in den USA sind sie bereits regionale Hegemonialmacht.
- Europa – historisch (bis ca. 2017) die wichtigste Region, weil dort die größten Gegner saßen (Nazi-Deutschland, Sowjetunion).
- Ostasien – heute die wichtigste Region, weil China nun ein ebenbürtiger Konkurrent der USA ist.
- Der Persische Golf – wegen des Öls für die internationale Wirtschaft.
Andere Regionen wie Afrika oder Südwestasien stuft er als nicht vital ein – der Vietnamkrieg sei ein Paradebeispiel für einen strategisch sinnlosen Einsatz.
⚖️ Die vier großen Strategien der USA
21:40 – 31:15
Mearsheimer stellt vier konkurrierende Grand-Strategien vor:
- Isolationismus – keine Region außerhalb der USA ist es wert, dafür zu kämpfen.
- Offshore Balancing (seine Präferenz) – eingreifen nur, wenn eine Macht eine Region zu dominieren droht und lokale Kräfte sie nicht eindämmen können.
- Selektives Engagement – als Friedensgarant in wichtigen Regionen präsent bleiben (populärste Strategie nach dem Kalten Krieg).
- Globale Hegemonie – überall eingreifen, keine Prioritäten setzen (hält er für fundamental fehlerhaft).
🇨🇳 Der Aufstieg Chinas und die Debatte um Eindämmung
24:08 – 25:39
Die isolationistische Sichtweise sieht in einer chinesischen Dominanz in Ostasien keine Bedrohung der vitalen US-Interessen. Mearsheimer selbst gehört zur Gegenposition: Die USA dürften China nicht erlauben, in Ostasien eine regionale Hegemonialmacht zu werden – so wie die USA die westliche Hemisphäre dominieren.
☢️ Die Gefahren der unipolaren Hegemonie
32:26 – 38:04
Mearsheimer zitiert Lord Acton: "Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut." Nach dem Zerfall der Sowjetunion waren die USA die einzige Supermacht ("Godzilla") ohne Konkurrenz. Dies führte zur liberalen Hegemonie: die USA glaubten, überall eingreifen zu müssen – ohne Prioritäten, ohne diplomatische Disziplin. Eine rivalisierende Großmacht wie China oder Russland sei sogar nützlich, um die USA zu zwingen, Prioritäten zu setzen.
🇷🇺 Russlands strategische Perspektive und der Ukraine-Konflikt
38:16 – 47:58
Mearsheimer beschreibt die russische Sicht:
- Russland wollte eine inklusive europäische Sicherheitsarchitektur (OSZE).
- Die NATO-Erweiterung in den 90ern war nicht primär anti-russisch, sondern Teil liberaler Hegemonie.
- Die USA wollten Russland aber nicht in der NATO – es sei zu mächtig und eigenwillig, um sich kommandieren zu lassen.
- Der Wendepunkt war 2014 (Ukraine-Krise): Für Russland wurde klar, dass der Westen eine neue Trennlinie zieht.
- Heute will Russland: gute Beziehungen zu China, Iran, Nordkorea; Unruhe in Europa stiften; die Ukraine in einen dysfunktionalen Rumpfstaat verwandeln.
🇪🇺 Europas festgefahrene Position
47:59 – 53:54
Trotz schlechter Lage für die Ukraine und reduziertem US-Engagement sei in Europa keine strategische Neuausrichtung zu erkennen. Man verharre auf der Maxime, dass die Ukraine NATO-Mitglied werden müsse ("Politik der offenen Tür"). Die versunkenen Kosten und die ideologische Bindung an die NATO-Erweiterung seien so groß, dass ein Umdenken praktisch unmöglich scheine. Diese Haltung habe die Russen in die Arme Chinas getrieben.
🎯 Abschließende Gedanken: Eine gefährliche Welt
56:11 – 1:04:39
Mearsheimer warnt vor den Folgen:
- Der Konflikt im Persischen Golf hat die US-Machtprojektion geschwächt – besonders in Ostasien, was China nützt.
- Da die konventionelle Abschreckung beschädigt ist, setzen die USA stärker auf taktische Atomwaffen.
- Die nukleare Proliferationsgefahr wächst (z.B. Japan könnte durch den US-Rückzug atomar aufrüsten).
- Fazit: Die Welt lebt in sehr gefährlichen Zeiten. Historisch wurden große Machtverschiebungen meist erst nach einem großen Krieg neu geordnet – für präventive Diplomatie sieht er wenig Hoffnung.