Netzwerk der Macht - Bertelsmann: der medial-politische Komplex aus Gütersloh. Hrsg. Jens Wernicke und Torsten Bultmann

Seit Jahren steigt die Einwirkung privater Consulting-Agenturen, Think Tanks und Expertenräte auf politische Entscheidungen - und auf deren operative Umsetzung. Es werden jedoch auch zunehmend kritische Stimmen laut, für die diese Intervention einer neuartigen Ratgeberindustrie zugleich Kehrseite einer schleichenden Entdemokratisierung der Gesellschaft ist: die Wirksamkeit einer demokratischen Öffentlichkeit sowie die Legitimationspflicht politischer Institutionen nehmen gleichermaßen ab. Aus dieser kritischen Perspektive analysieren die AutorInnen des vorliegenden Bandes die Praxis der Bertelsmann Stiftung, der in Deutschland wohl einflussreichsten privaten Politikberatungsagentur, die auf nahezu allen gesellschaftlichen Feldern operativ tätig ist und Reformszenarien entwirft.

ISBN 978-3-939864-02-8     12,00 €  Portofrei     Bestellen

Die nun vorliegende Auflage wurde ergänzt um zwei neue Beiträge, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln kritisch mit der Praxis der Bertelsmann-Tochter Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) beschäftigen (Alidusti und Lieb). Ein weiterer Beitrag hinterfragt die Versuche der Bertelsmann Stiftung, die deutsche Einwanderungspolitik zu beeinflussen (Redaktion german foreign policy); schließlich ist noch ein Artikel zu Privatisierungen der Kommunalverwaltungen, vorrangig an den Beispielen Würzburg und Dormagen, hinzu gekommen (Bauer).

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Inhaltsverzeichnis

Marburg und Bonn, den 23.10.07:

Nach der enormen medialen und politischen Resonanz und dem raschen Verkauf der im Mai 2007 erschienenen ersten Auflage haben sich der Verlag und die Herausgeber Jens Wernicke und Torsten Bultmann kurzfristig entschlossen, eine erweiterte zweite Auflage zu veröffentlichen. Diese wurde um insgesamt vier Beiträge ergänzt: zwei neue Beiträge beschäftigen sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln kritisch mit der Praxis der Bertelsmann-Tochter Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Ein weiterer neuer Beitrag hinterfragt die Versuche der Bertelsmann Stiftung, die deutsche Einwanderungspolitik zu beeinflussen; schließlich ist noch ein Artikel zu Privatisierungen der Kommunalverwaltungen, vorrangig an den Beispielen Würzburg und Dormagen, hinzugekommen.

Zum lebhaften Medienecho, das der Band bereits ausgelöst hat, trug sicher auch eine wütende öffentliche Stellungnahme der Bertelsmann Stiftung selbst vom 23. Mai 2007 bei. In dieser werden Herausgebern und Autoren "zahlreiche inhaltlichen Fehler" vorgeworfen. Bis heute konnte davon offenbar jedoch kein einziger benannt werden.

Am meisten geschäumt hat man in Gütersloh über die Infragestellung der Gemeinnützigkeit, mit der sich die Bertelsmann Stiftung schmückt. Diese sei, so heißt es, schließlich "vom Finanzamt anerkannt" und würde "laufend überprüft". Der Einwand ist insofern irrelevant als niemand der Autorinnen und Autoren die formale verfahrenstechnische Korrektheit dieses Vorgangs angezweifelt hat. Die Forderung nach einer Aberkennung der Gemeinnützigkeit, die in der größer werdenden bertelsmannkritischen Szene zunehmend konsensfähig ist, ergibt sich aus einer politischen Bewertung der Stiftungstätigkeit. Die Stiftung wird aus den Dividenden der kommerziellen) Bertelsmann AG steuerbegünstigt finanziert. 33 Autorinnen und Autoren des Bandes analysieren die politische Beratungspraxis der Bertelsmann Stiftung auf den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Feldern: etwa Gesundheitspolitik, Bildungspolitik, Sozialgesetzgebung, kommunale Verwaltung usf. Sie kommen alle zu einem ähnlichen Befund: Die Stiftung treibt den Umbau des öffentlichen Sektors in Richtung marktähnlicher Steuerungsmechanismen voran - und konstruiert auf diese Weise exakt jene Geschäftsfelder, auf denen die verschiedenen Unternehmenssparten der Bertelmann AG anschließend ihre Profite realisieren können, aus deren Dividenden sich die Stiftung wiederum refinanziert! Politische Verantwortung und demokratische Beteiligungsmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger werden auf diese Weise systematisch minimiert.

 

Erstellt: 05.04.2021 - 07:10  |  Geändert: 10.04.2021 - 12:00