Multidirektionale Erinnerung
Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung
Michael Rothberg zeichnet eine erinnerungskulturelle Tradition von der Nachkriegszeit bis ins 21. Jahrhundert nach, die von wechselseitigen Bezugnahmen zwischen Kolonialismus, Sklaverei, Rassismus und Nationalsozialismus, Holocaust, Antisemitismus gekennzeichnet ist. Dieses Archiv der multidirektionalen Erinnerung, das Denkerinnen und Kulturproduzentinnen wie Hannah Arendt, Aimé Césaire, W.E.B. Du Bois, Marguerite Duras Michael Haneke und andere versammelt, deutet darauf hin, dass sich Opferkonkurrenz und Aufmerksamkeitskonflikte auf dem Feld der Erinnerung vermeiden lassen.
Vielmehr rücken Analogiebildungen, Querverweise und Vergleiche in den Fokus der Aufmerksamkeit, durch die die Erinnerung an spezifische historische Ereignisse verstärkt und die Spezifik der jeweiligen Gewaltgeschichten und Herrschaftsverhältnisse nicht infrage gestellt wird.
Rezensionen
Multidirektionale Erinnerung – ein solidarisches Archiv: (...) Als Michael Rothbergs Buch Multidirektionale Erinnerung: Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung mit einem einführenden Interview und einem ausgezeichneten Nachwort von Felix Axster und Jana König auf Deutsch erschien, begann eine erstaunliche Diskussion. Der Text, der in der englischen Fassung als Beitrag zur „dritten Phase“ (Astrid Erll) der Gedächtnisforschung rezipiert worden ist, wurde als postkolonialer Angriff auf eine schwer errungene deutsche Erinnerungskultur verstanden: als Relativierung des Holocaust durch den Vergleich mit anderen Menschheitsverbrechen und nicht zuletzt als Rückweisung der Singularität der Shoah. [Podcast 16:10] Von Gesine Krüger geschichtedergegenwart.ch 28.08.2022
Provinzialität oder Vernunft? Analyse und Rezeption des öffentlichen Nachdenkens über den Holocaust im Zeitalter der Dekolonisierung: Rothbergs Buch wirkte in Deutschland wie ein Stich ins Wespennest. Entsprechend groß sind die Geschütze, die den verbalen Stellungskrieg kennzeichnen. Ob in der Welt oder in der taz – was die Literaturwissenschaftlerin Mara Delius vor einem Jahr für die Konservativen formulierte, griff die Redakteurin Tania Martini für die Linksliberalen auf: Uns stehe angesichts des Aufbegehrens des Postkolonialismus nichts weniger als ein Historikerstreit 2.0 ins Haus. Fernab der Presse füllen sich derweilen die Zoom-Räume von Asta-Referaten, des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und anderen Interessensgemeinschaften. Auserwählte Referent*innen bereiten das Publikum auf die postkoloniale Großoffensive vor. Diese formiere sich samt und sonders, um die Singularität von Shoah und Antisemitismus zu unterminieren. Von Christoph Gollasch Rosa Luxemburg Stiftung 18.12.2021
Der Katechismus der Deutschen. Die Erinnerung an den Holocaust als Zivilisationsbruch ist für viele das moralische Fundament der Bundesrepublik. Diesen mit anderen Genoziden zu vergleichen, gilt ihnen daher als eine Häresie, als Abfall vom rechten Glauben. Es ist an der Zeit, diesen Katechismus aufzugeben. Von A. Dirk Moses 23. Mai 2021 → geschichtedergegenwart.ch 23.05.2021
Wenn die europäische Zivilisation selbstbegangene Massenverbrechen außerhalb Europas jahrhundertelang ignorieren konnte, was bedeutet dann der Begriff des „Bruchs“ in Bezug auf den Holocaust? Rezension von Katharina Stengel → H-Soz-Kult 11.05.2021
Beziehungsweise singulär. Der amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Rothberg sucht Wege aus den Verengungen der deutschen Gedenkkultur. Urs Lindner → Tagesspiegel 28.04.2021
Antisemitismus: Diskussion über die Jerusalem Declaration. Von Micha Brumlik → FR 22.04.2021
Reflektieren statt Moralisieren. Ein Kommentar von Angelika Epple zum Beitrag „Enttabuisiert den Vergleich“ von Michael Rothberg und Jürgen Zimmerer → hypotheses.org 19.04.2021
Mehr erinnern, nicht weniger. Michael Rothberg sucht mit seinem viel diskutierten Buch »Multidirektionale Erinnerung« nach Wegen aus der Gedenkkonkurrenz - ohne den Holocaust zu relativieren. Von Sina Arnold → nd 17.04.2021
Der Holocaust war kein Kolonialverbrechen. Eine Erwiderung auf Michael Rothbergs und Jürgen Zimmerers „Enttabuisiert den Vergleich!“ → schmidt.welt.de 08.04.2021
In den Untiefen einer deutschen Debatte. Warum der Ruf nach einem Zusammendenken von historischen Verbrechen in Deutschland zu einer aufgeregten Diskussion über Antisemitismus und Israel führt. Und was das mit den Benin-Bronzen im Berliner Humboldt-Forum zu tun hat. Von Daniela Janser → WOZ 08.04.2021
Enttabuisiert den Vergleich! Die Geschichtsschreibung globalisieren, das Gedenken pluralisieren: Warum sich die deutsche Erinnerungslandschaft verändern muss. Von Jürgen Zimmerer und Michael Rothberg → die ZEIT 30.03.2021
Verschränkte Archive. Gedenken, ohne zu verrechnen – Michael Rothbergs revolutionäre Theorie „multidirektionalen“ Erinnerns. Von Micha Brumlik → FR 11.03.2021
Die Sackgasse der Opferkonkurrenz. Erinnerungspolitik muss nicht ein Unrecht gegen ein anderes ausspielen. Das zeigt der US-Literaturwissenschaftler und Holocaust-Forscher Michael Rothberg in seinem eindrücklichen, nun endlich ins Deutsche übersetzten Buch. Von Jürgen Zimmerer → Deutschlandfunk Kultur 18.02.2021
Gegen Opferkonkurrenz: Es gibt auch in Deutschland kein isoliertes Gedenken. Der amerikanische Holocaustforscher Michael Rothberg fordert, die Vielfalt der Erinnerungen anzuerkennen. Ein Essay auf der Grundlage seines neuen Buches. Michael Rothberg → Berliner Zeitung 21.2.2021
Die Sackgasse der Opferkonkurrenz. Erinnerungspolitik muss nicht ein Unrecht gegen ein anderes ausspielen. Das zeigt der US-Literaturwissenschaftler und Holocaust-Forscher Michael Rothberg in seinem eindrücklichen, nun endlich ins Deutsche übersetzten Buch. Von Jürgen Zimmerer → Deutschlandfunk Kultur 18.02.2021
Macht uns das Gedenken an den Holocaust blind für andere deutsche Verbrechen? Historiker streiten über die Frage, ob die Vergangenheitsbewältigung unangenehme Nebeneffekte hat – etwa im Umgang mit Deutschlands Kolonialgeschichte. Von Tobias → Rapp Spiegel 12.02.2021
Autoreninfos
Vorwort von
Felix Axster ist Historiker und wisse. Mitarbeiter am Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA).
Jana König ist Historikerin.
