Klassentheorie. Vom Making und Remaking. Hrsg. Mario Candeias

Jahrelang kaum beachtet, sind "Klassen" und "Klassenpolitik" als Begriffe mit Wucht in den öffentlichen Diskurs zurückgekehrt. Doch für die Entwicklung einer neuen, verbindenden Klassenpolitik bedarf es der Kenntnis der fortgeschrittensten marxistischen, marxistisch-feministischen und praxeologischen Klassentheorien. Hier werden sie vorgestellt.

ISBN 978-3-86754-517-4     25,00 €  Portofrei     Bestellen

Jahrelang kaum beachtet, sind »Klassen« und »­Klassenpolitik« als Begriffe mit Wucht in den öffentlichen Diskurs zurückgekehrt. Dabei fällt auf: Vieles, was im Gefolge der 1968er-Bewegung wissenschaftlich wie politisch an klassenanalytischem Erkenntnisfortschritt erreicht wurde, ist heute in Vergessenheit geraten oder gänzlich verloren gegangen. Klassentheorie und -analyse wurde an den Universitäten ausgedünnt, der Wissensstand blieb zerklüftet zurück, nicht aufgearbeitet, nicht weiter­getragen. Deshalb wird die aktuelle Klassendiskussion aus ­wissenschaftlicher Perspektive oft oberflächlich, ­mitunter in geradezu vulgärer Weise geführt.

Die Sozialwissenschaften verfügen derzeit über keinen Begriff zum Verständnis der Klassengesellschaften des 21. Jahrhunderts. So reproduzieren und verdoppeln sie in ihren Gesellschaftsdeutungen lediglich, was sich real ohnehin abspielt.

Doch wer ist die Klasse? Die Klasse ist in permanenter Veränderung, immer schon, im doppelten Sinne: zum einen der permanente Umbau von Seiten des Kapitals, der alte Klassenzusammenhänge ausein­anderreißt und wieder neu zusammensetzt. Alte Milieus sind in Auflösung, neue entstehen, scheinbar aber fragmentierter, pluraler, weiblicher, ­migrantischer und prekär. Auf der anderen Seite sind damit auch veränderte Subjektivitäten, ­Ansprüche und Aspirationen der Subjekte verbunden, immer wieder neue Ansätze von Kämpfen in veränderten Konstellationen.

Zum Verständnis der Veränderungen bedarf es der Kenntnis und der Weiterentwicklung der fortgeschrittensten marxistischen, marxistisch-feministischen und praxeologischen Klassentheorien von Karl Marx, Antonio Gramsci, E. P. Thomsen, Mariarosa Dalla Costa, Stuart Hall, Lise Vogel, Étienne Balibar, Gayatri Spivak, Paul Willis, Pierre Bourdieu, Frank Deppe, Frigga Haug, Toni Negri, Michael Vester, Ursula Huws, um nur einige der in diesem Band Versammelten zu nennen. Erst auf dieser Grundlage lässt sich eine neue, verbindende Klassenpolitik weiterentwickeln und verbessern.

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Inhalt:

1. Die Grundlegung bei Marx und Engels
1.1. Michael Vester, Klasse an sich/für sich (2008)
1.2. Stuart Hall, Das ›Politische‹ und das ›Ökonomische‹ in der
marxschen Klassentheorie (1977)

2. Das Making of
2.1. Antonio Gramsci, Gefängnishefte: Herrschaft und Führung (1929–35)
2.2. Antonio Gramsci, Gefängnishefte: Politik der Subalternen, Spontaneität und Führung (1929–35)
2.3. Edward P. Thompson, Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse: »Vorwort« und »Rituale gegenseitiger Hilfe« (1963)
2.4. Rosa Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften (Auszüge, 1906)
2.5. Frank Deppe, Einheit und Spaltung als Konstitutionsproblem der Arbeiterklasse (1981)

3. »Rasse« und Klasse
3.1. Stuart Hall, ›Rasse‹, Artikulation und Gesellschaften mit struktureller Dominante (1980)
3.2. Étienne Balibar, Der »Klassen-Rassismus« (1988)

4. Struktur, Reproduktion, Widerstand
4.1. Alex Demirović, Nicos Poulantzas: Staat als materielle Verdichtung eines Kräfteverhältnisses – die Staatsapparate (2007/1987)
4.2. Paul Willis, Erziehung zwischen Reproduktion und kultureller Produktion (1984)
4.3. Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede: »Der Habitus und der Raum der Lebensstile« und »Die symbolischen Auseinandersetzungen« (1979)
4.4. Gayatri Spivak, Wer hört die Subalterne? Rück- und Ausblick (2014)
4.5. Steve Wright, Negris Klassenanalyse. Die autonomistische italienische Theorie in den 1970er Jahren (1996)

5. Geschlecht und Klasse
5.1. Mariarosa Dalla Costa, Die Frauen und der Umsturz der Gesellschaft (1973)
5.2. Lise Vogel, Hausarbeit neu gedacht (2019)
5.3. Frigga Haug, Ein marginales Zentrum. Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse (2018)

6. ReMaking: Transnationalisierung und Prekarisierung der Klasse
6.1. Projekt Automation und Qualifikation: Widersprüche der Automationsarbeit – Widerspruchsanalyse (1987)
6.2. Ursula Huws, Die Produktion eines Kybertariats. Die Wirklichkeit virtueller Arbeit (2002)
6.3. Mario Candeias, Das »unmögliche« Prekariat. Unmaking and Remaking of Class (2009)
6.4. Didier Eribon, Rückkehr nach Reims. Wie aus Linken Rechte werden (2016)

7. Verbindende Klassenpolitik
7.1. Tithi Bhattacharya, Auf dem Dachboden der Geschichte kramen. Wie wir unsere Kämpfe neu erinnern sollten (2017)
7.2. Mario Candeias, Eine Frage der Klasse. Neue Klassenpolitik als verbindender Antagonismus (2017)
7.3. Bernd Röttger und Markus Wissen, Ökologische Klassenpolitik (2017)
7.4. Barbara Fried, »Feminism is for Everyone« – Perspektiven einer feministischen Klassenpolitik (2017)
7.5. Alex Demirović, Kein Wesenskern – nirgendwo. Klassen und Identität (2020)
7.6. Klaus Dörre, Umkämpfte Globalisierung und soziale Klassen. 20 Thesen für eine demokratische Klassenpolitik (Auszüge, 2019)

Der Autor:

Mario Candeias (1969 geboren) ist Direktor des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Mitbegründer der Zeitschrift LuXemburg. In dieser Funktion arbeitet er an Strategien verbindender Klassenpolitik und sozialistischer Transformation. Von ihm erschienen u. a. Neoliberalismus. Hochtechnologie. Hegemonie. Grundrisse einer transnationalen kapitalistischen Produktions- und Lebensweise (2004/2009) und Plätze sichern! ReOrganisierung der Linken in der Krise. Zur Lernfähigkeit des Mosaiks in den USA, Spanien und Griechenland (zusammen mit Eva Völpel 2014).

 

Erstellt: 13.01.2021 - 07:16  |  Geändert: 13.01.2021 - 16:09

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