17.07.2026

John Mearsheimer: Totaler Krieg im Nahen Osten & Trumps Krieg gegen Russland

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auf YouTube (17.07.2026) 1:18:44

Medienpräsenz

Überblick

0:00 – Der Konflikt weitet sich regional aus

Zu Beginn beschreibt Glenn Diesen eine deutliche Eskalation des Krieges zwischen den USA und dem Iran. Nach seiner Darstellung greifen iranische Streitkräfte amerikanische Stützpunkte in Bahrain, Kuwait und Jordanien an, während sich auch der Jemen mit Angriffen auf Saudi-Arabien am Konflikt beteiligt. Gleichzeitig droht Teheran, den Zugang zum Roten Meer zu blockieren. John Mearsheimer ergänzt, dass neben der Straße von Hormus inzwischen auch die Ölterminals von Fujairah (Vereinigte Arabische Emirate) und Janbu (Saudi-Arabien) strategisch in den Mittelpunkt gerückt seien. Sollte auch Janbu ausfallen, wären zwei der wichtigsten alternativen Ölexportrouten des Nahen Ostens betroffen.

3:00 – Horizontale statt vertikale Eskalation

Mearsheimer unterscheidet zwischen zwei Formen der Eskalation. Während der große Luftkrieg der ersten Kriegswochen nicht wieder aufgenommen worden sei, breite sich der Konflikt zunehmend geografisch aus. Immer mehr Staaten würden in die Kampfhandlungen hineingezogen, ohne dass die Intensität der Luftangriffe wesentlich zunehme. Er bezeichnet dies als eine „horizontale Eskalation“, die seiner Einschätzung nach derzeit das eigentliche Kennzeichen des Krieges sei.

5:00 – Kritik an der amerikanischen Strategie

Auf die Frage nach den Zielen der Vereinigten Staaten erklärt Mearsheimer, er erkenne keine schlüssige amerikanische Gesamtstrategie. Das im Juni geschlossene „Memorandum of Understanding“ wertet er als deutlichen Verhandlungserfolg Irans. Da weder die frühere Blockade noch die erste Luftkampagne den gewünschten Erfolg gebracht hätten, sehe er keinen Grund anzunehmen, dass dieselben Mittel nun plötzlich erfolgreicher sein würden. Auch die erneuten gegenseitigen Angriffe seit Anfang Juli änderten daran aus seiner Sicht nichts.

8:55 – Hat Washington überhaupt einen Plan?

Im Gespräch wird anschließend Trumps wechselhafte Politik thematisiert. Als Beispiel dient die kurzfristig angekündigte und kurz darauf wieder zurückgenommene Idee, Gebühren für die Durchfahrt durch die Straße von Hormus zu verlangen. Glenn Diesen folgert daraus, dass Entscheidungen offenbar häufig kurzfristig getroffen würden und eine langfristige Strategie schwer zu erkennen sei. Anschließend richtet sich die Diskussion auf die iranische Perspektive und die Frage, worin Teheran seinen eigentlichen Erfolg sehe.

10:15 – Warum Iran derzeit keinen schnellen Kompromiss sucht

Mearsheimer geht davon aus, dass es langfristig erneut zu einer Vereinbarung zwischen den Konfliktparteien kommen werde. Gleichzeitig argumentiert er, dass sich innerhalb Irans inzwischen die Kräfte durchgesetzt hätten, die bereits im Juni gegen einen frühen Kompromiss gewesen seien. Nach ihrer Einschätzung verbessere jeder weitere Kriegsmonat die iranische Verhandlungsposition, weil sich der wirtschaftliche Druck auf die Vereinigten Staaten erhöhe und Washington dadurch zu größeren Zugeständnissen gezwungen werden könne. Aus diesem Grund erwartet er kurzfristig keine Rückkehr an den Verhandlungstisch.

15:00 – Grenzen amerikanischer Eskalation

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Frage, warum Donald Trump trotz schärferer Drohungen bisher keine umfassenden Angriffe auf kritische iranische Infrastruktur angeordnet habe. Mearsheimer vermutet zwei Gründe: Zum einen seien die amerikanischen Munitionsbestände begrenzt, nachdem bereits der frühere Luftkrieg erhebliche Ressourcen verbraucht habe. Zum anderen verfüge Iran weiterhin über wirksame Möglichkeiten zur Gegeneskalation, insbesondere gegen die Energieinfrastruktur der Golfstaaten. Daraus folgert er, dass die USA nach seiner Einschätzung keine eindeutige Eskalationsdominanz besitzen.

16:30 – Mögliche weltpolitische Folgen

Zum Abschluss des ersten Teils richtet sich der Blick auf die internationalen Auswirkungen des Konflikts. Glenn Diesen fragt nach den Konsequenzen einer möglichen amerikanischen Niederlage – sowohl für die militärische Präsenz der USA im Nahen Osten als auch für ihre weltweiten Bündnisse, insbesondere in Ostasien und Europa. Mearsheimer sieht vor allem Risiken für die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Sicherheitsgarantien. Gleichzeitig betont er jedoch, dass Staaten wie Japan und Südkorea trotz wachsender Zweifel weiterhin auf die Vereinigten Staaten angewiesen blieben. Hinsichtlich Europas hält er die Entwicklung dagegen für deutlich schwerer vorhersehbar, da die amerikanische Politik gegenüber NATO und Ukraine seiner Ansicht nach starken Schwankungen unterliege.

21:54 – Der Westen glaubt an eine Wende im Ukrainekrieg

Zu Beginn des zweiten Teils richtet sich das Gespräch auf den Ukrainekrieg. Glenn Diesen beschreibt die derzeit im Westen verbreitete Einschätzung, die Ukraine habe das Blatt gewendet. Als Beispiele nennt er erfolgreiche Drohnenangriffe auf russische Ziele sowie die wachsende Unterstützung Europas und der USA. Er fragt, ob diese Entwicklung tatsächlich Ausdruck einer militärischen Wende sei oder ob vor allem die öffentliche Darstellung Donald Trump beeinflusse.

23:17 – Mearsheimer über die westliche Erzählung

Mearsheimer antwortet, dass Trump seiner Ansicht nach vor allem auf die öffentliche Erzählung reagiere. Im Westen werde vermittelt, die Ukraine gewinne sowohl den Drohnenkrieg als auch zunehmend die Kämpfe an der Front. Hinzu komme die Behauptung, Sanktionen und wirtschaftlicher Druck würden Russland nachhaltig schwächen und möglicherweise sogar Putins politische Stellung gefährden.

Diese Darstellung hält Mearsheimer für irreführend. Nach seiner Einschätzung gewinnen die russischen Streitkräfte weiterhin den eigentlichen Landkrieg. Die ukrainische Armee könne ihre Lage vor allem durch den massiven Einsatz von Drohnen stabilisieren, während der Westen hoffe, durch Langstreckendrohnen und neue Sanktionen die russische Wirtschaft entscheidend zu treffen.

27:47 – Europas Drohnenstrategie

Anschließend wird die wachsende europäische Unterstützung beim Aufbau einer ukrainischen Drohnenindustrie thematisiert. Glenn Diesen verweist auf entsprechende Vereinbarungen zwischen der EU und der Ukraine und stellt die Frage, in welchem Umfang NATO-Staaten tatsächlich an Angriffen tief im russischen Hinterland beteiligt seien.

Mearsheimer verlagert die Diskussion auf einen grundsätzlicheren Punkt. Aus seiner Sicht sei Russland bereits 2022 davon ausgegangen, dass die Ukraine faktisch Teil der NATO geworden sei. Heute verstärke sich diese Entwicklung weiter: Die Ukraine werde militärisch, wirtschaftlich und technologisch immer enger in westliche Strukturen integriert. Dadurch entstehe aus russischer Sicht der Eindruck, nicht gegen die Ukraine allein, sondern gegen den gesamten Westen zu kämpfen.

32:30 – Welche Folgen hat die engere Westbindung?

Vor diesem Hintergrund diskutieren beide Gesprächspartner, welche Konsequenzen diese Entwicklung für die russischen Kriegsziele haben könnte. Glenn Diesen verweist darauf, dass eine ukrainische Neutralität unter diesen Umständen für Moskau kaum noch glaubwürdig erscheine. Zudem stellt er die Frage, ob Russland deshalb künftig größere territoriale Ziele verfolgen werde als ursprünglich.

Mearsheimer bestätigt, dass sich aus russischer Sicht die sicherheitspolitische Lage grundlegend verändert habe. Je enger Ukraine, NATO und Europäische Union zusammenrückten, desto stärker wachse der Anreiz, die militärischen Möglichkeiten des ukrainischen Staates dauerhaft zu begrenzen.

34:58 – Mögliche russische Kriegsziele

Mearsheimer erläutert anschließend seine Einschätzung der russischen Strategie. Er erwartet, dass Russland langfristig deutlich mehr Territorium sichern wolle als die bereits annektierten vier Oblaste. Insbesondere Odessa bezeichnet er als strategisch bedeutsam, weil Russland der Ukraine nach Möglichkeit den Zugang zum Schwarzen Meer nehmen wolle. Gleichzeitig räumt er ein, dass unklar bleibe, ob die russischen Streitkräfte tatsächlich über die militärischen Fähigkeiten verfügten, diese weitreichenden Ziele auch zu erreichen. Dennoch sieht er starke politische Anreize für Moskau, möglichst viel Gebiet dauerhaft unter Kontrolle zu bringen und den ukrainischen Staat langfristig zu schwächen.

38:49 – Warum verlief der Irankrieg anders als erwartet?

Zum Ende dieses Abschnitts kehrt das Gespräch zum Krieg gegen den Iran zurück. Glenn Diesen stellt die Frage, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer militärischen Überlegenheit nach seiner Einschätzung keinen entscheidenden Erfolg erzielen konnten.

Mearsheimer erklärt, viele Beobachter hätten zwar mit einer wirksamen iranischen Verteidigung gerechnet, nicht jedoch mit deren tatsächlicher Leistungsfähigkeit. Besonders hebt er zwei Faktoren hervor: Zum einen habe Iran die Kontrolle über die Straße von Hormus behauptet, zum anderen verfüge das Land über ein umfangreiches Arsenal moderner ballistischer Raketen und Drohnen. Diese Kombination habe den militärischen Handlungsspielraum der Vereinigten Staaten wesentlich stärker eingeschränkt als allgemein erwartet worden sei.

57:18 – Europas Interesse an einem langen Krieg

Zu Beginn des dritten Teils diskutieren Glenn Diesen und John Mearsheimer die Motive Europas. Mearsheimer vertritt die Auffassung, dass ein andauernder Krieg aus europäischer Sicht Vorteile haben könne, solange dadurch die Vereinigten Staaten militärisch wieder stärker an Europa gebunden würden und die Ukraine den Hauptteil der Kämpfe übernehme. Gleichzeitig kritisiert er, dass in Europa seiner Ansicht nach kaum noch offen darüber diskutiert werde, wie die militärische Lage tatsächlich aussehe. Wer auf russische Geländegewinne hinweise, werde schnell als „prorussisch“ eingeordnet, wodurch eine sachliche Debatte erschwert werde.

59:56 – Gefahr einer unkontrollierten Eskalation

Mearsheimer sieht Europa inzwischen so tief in den Ukrainekrieg eingebunden, dass sich die Frage stelle, wie ein möglicher russischer Vormarsch überhaupt politisch verarbeitet werden könne. Sollte die Ukraine militärisch weiter zurückgedrängt werden, müssten sich die europäischen Regierungen entscheiden, ob sie eine Niederlage akzeptieren oder den Konflikt weiter eskalieren. Gleichzeitig könne auch Russland unter wachsendem Druck zu einer stärkeren Eskalation greifen. Dadurch entstehe aus seiner Sicht eine äußerst gefährliche Dynamik, bei der beide Seiten schrittweise immer weiter in den Konflikt hineingezogen würden.

1:05:00 – Zwei mögliche Niederlagen der USA

Ein weiterer Schwerpunkt ist die strategische Lage der Vereinigten Staaten. Mearsheimer beschreibt ein mögliches Szenario, in dem auf einen aus seiner Sicht unbefriedigenden Ausgang des Iran-Krieges auch noch eine Niederlage der Ukraine folge. Eine solche doppelte Niederlage könne erheblichen politischen Druck auf Washington ausüben. Er betont zwar ausdrücklich, dass dies nur eine mögliche Entwicklung sei, warnt aber davor, dass sämtliche gegenwärtigen Entwicklungen eher auf eine weitere Zuspitzung als auf Entspannung hindeuteten. Angesichts der nuklearen Fähigkeiten Russlands und der USA hält er diese Entwicklung für besonders riskant.

1:05:57 – Russland als existenziell bedrohte Großmacht

Glenn Diesen argumentiert anschließend, Russland könne sich aus seiner Sicht nicht einfach aus dem Krieg zurückziehen, weil Moskau den Konflikt als existenzielle Sicherheitsfrage betrachte. Er verweist auf die Befürchtung, nach einem russischen Rückzug könnten NATO-Strukturen, Langstreckenwaffen und westliche Geheimdiensteinrichtungen dauerhaft bis an die russische Grenze vorrücken. Deshalb hält er die Vorstellung für unrealistisch, Russland werde allein durch höhere Verluste oder stärkeren militärischen Druck nachgeben. Stattdessen warnt er davor, dass ein weiterer Ausbau des Drucks letztlich die Bedeutung nuklearer Abschreckung erhöhe.

1:08:43 – Rückblick auf den Kalten Krieg

Mearsheimer zieht anschließend einen historischen Vergleich zum Kalten Krieg. Damals habe die amerikanische Politik bewusst darauf geachtet, die Sowjetunion trotz aller Gegensätze nicht in eine ausweglose Lage zu bringen. Als Beispiele nennt er den Umgang mit den sowjetischen Interventionen in Ungarn und der Tschechoslowakei sowie die Politik der Regierung George H. W. Bush am Ende des Kalten Krieges, die einen geordneten Übergang ohne Demütigung Moskaus angestrebt habe. Nach seiner Auffassung werde diese Logik heute zunehmend vernachlässigt.

1:12:26 – Druck statt Verhandlungen?

Im letzten Gesprächsabschnitt wenden sich beide erneut der gegenwärtigen westlichen Strategie zu. Sie kritisieren die Annahme, zunehmender militärischer und wirtschaftlicher Druck werde Russland an den Verhandlungstisch zwingen. Nach ihrer Einschätzung könne genau das Gegenteil eintreten und eine weitere Eskalation auslösen. Als Beispiel nennen sie die Diskussion über Waffenstillstände, die ihrer Auffassung nach lediglich Zeit schaffen würden, um die militärische Position der Ukraine und der NATO weiter auszubauen.

1:15:04 – Von der unipolaren zur multipolaren Welt

Zum Abschluss entwickelt Mearsheimer eine grundsätzliche geopolitische Betrachtung. Während der unipolaren Phase nach dem Kalten Krieg hätten sich die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten daran gewöhnt, ohne ernsthafte Gegenmacht handeln zu können. Dadurch seien klassische Prinzipien der Großmachtpolitik und insbesondere die Bedeutung nuklearer Abschreckung zunehmend in den Hintergrund getreten. Heute befinde sich die Welt jedoch wieder in einer multipolaren Ordnung, in der mehrere atomar bewaffnete Großmächte miteinander konkurrierten. Nach seiner Ansicht werde diese veränderte Realität im Westen noch immer vielfach unterschätzt, was das Risiko schwerer Fehlentscheidungen erhöhe. Das Gespräch endet mit der Hoffnung, dass sich dieses strategische Denken rechtzeitig wieder durchsetzt, bevor es zu einer direkten Konfrontation zwischen den Großmächten kommt.

Sprache (Ton)
Deutsch
Laufzeit
1h 18min 44s

Erstellt: 20.07.2026 - 11:16  |  Geändert: 20.07.2026 - 11:42

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