'Mission', 'Operation', 'Intervention' oder 'Krieg'? 'Freiheitskämpfer' oder 'Terrorist'? 'Regierung' oder 'Regime'? 'Aggression' oder 'Verteidigung'? Hält die Trennung von Information und Meinung, gehandelt als hohe Schule des Journalismus, einer ernsthaften Prüfung stand? Renate Dillmann beleuchtet das Selbstbild deutscher Leitmedien - sachliche Information und Kontrolle der Macht - und ihre tatsächlichen Leistungen als 'Vierte Gewalt'.
Die Rolle der Medien auf dem Weg zur Kriegstüchtigkeit
auf YouTube (24.04.2026) 1:16:16
Bis 2029 soll Deutschland „kriegstüchtig“ werden – so verlangt es der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius. Warum und gegen wen, ist keine Frage: Da ist erstens „Putin“ und zweitens die „Bedrohung China“. Die deutschen Journalisten assistieren bereitwillig – Pressefreiheit hin oder her. Man werde „die Deutschen aus ihrem pazifistischen Wolkenkuckucksheim“ herausholen, kündigte der Chefredakteur der Wochenzeitschrift Spiegel im April 2024 an. Nicht erst seitdem arbeiten die nationalen Leitmedien an der Konstruktion von Feindbildern und stellen Deutschland als „bedrohte Nation“ dar, der es an Wehrbereitschaft fehlt…
Zeitmarken
1. Die Medien als „vierte Gewalt“ im Staatsdienst
- Dillmann argumentiert, dass Leitmedien (von Bild über FAZ bis ÖRR) keinen nennenswerten Widerstand gegen das von Verteidigungsminister Pistorius ausgegebene Ziel der „Kriegstüchtigkeit“ leisten [07:00].
- Anstatt nach diplomatischen Alternativen zu fragen, agieren sie laut Dillmann als „Verdollmetscher“ staatlicher Politik und bereiten die Bevölkerung ideologisch auf Opfer (Aufrüstungskosten, Sozialkürzungen, Wehrpflicht) vor [01:12:01].
2. Mechanismen der Berichterstattung
Die Referentin benennt verschiedene Techniken, mit denen eine tendenziöse Sichtweise erzeugt wird:
- Selektion nach nationalem Interesse: Nachrichten werden danach gefiltert, wie relevant sie für deutsche Interessen sind, nicht nach dem Ausmaß menschlichen Leids (Vergleich Ukraine vs. Jemen/Sudan) [13:01].
- Moralisierende Benennungen: Verwendung von Begriffen wie „Regime“ oder „Machthaber“ für Gegner, während Verbündete als „Regierung“ oder „Präsident“ bezeichnet werden [34:29].
- De-Kontextualisierung: Das Ausblenden von Vorgeschichten (z. B. NATO-Osterweiterung), wodurch politische Handlungen anderer Staaten nur noch als psychopathologisch oder böswillig erklärt werden können [01:04:10].
3. Aufbau von Feindbildern (Beispiele China und Russland)
- China: Wirtschaftlicher Erfolg (z. B. E-Autos) wird nicht als Wettbewerb, sondern als feindseliger Akt („überrollt uns“) dargestellt [22:14].
- Russland: Der Ukraine-Krieg wird laut Dillmann ohne geopolitischen Kontext präsentiert. Kritische Stimmen, die historische Hintergründe oder Sicherheitsinteressen Russlands thematisieren, würden im medialen Diskurs ausgegrenzt oder diffamiert [44:08].
4. Erzeugung von Wehrbereitschaft und „Bedrohungsszenarien“
- Durch die ständige Berichterstattung über „hybride Kriege“, Spionage und Sabotage werde ein permanentes Gefühl der Unsicherheit geschaffen, um Aufrüstung alternativlos erscheinen zu lassen [51:19].
- Soziale Kürzungen werden unter dem Motto „Kanonen statt Butter“ als notwendiges Opfer für die nationale Sicherheit legitimiert [58:06].
5. Das „Nationale Wir“ und der Konsens
- Dillmann kritisiert die Konstruktion eines „nationalen Wir“, das Klassenunterschiede (Arbeitgeber vs. Arbeitnehmer) verwischt und den Bürger dazu bringt, den Erfolg des Staates als seinen eigenen zu begreifen [01:09:28].
- Sie stellt fest, dass dieser Prozess freiwillig und ohne staatliche Zensur abläuft, da Journalisten sich selbst als loyale Staatsbürger verstehen [01:03:16].
Fazit: Der Vortrag warnt davor, dass die aktuelle mediale Berichterstattung eine notwendige Voraussetzung für eine Militarisierung der Gesellschaft ist, indem sie kritisches Denken durch Feindbilder und nationale Identifikation ersetzt [01:15:48].