Über den Kolonialismus. Von Aimé Césaire

Aimé Césaire, 1913 auf der Karibikinsel Martinique geboren und dort im April 2008 verstorben, gilt als einer der bedeutendsten schwarzen Dichter des 20. Jahrhunderts. 1934 gründete er in Paris die Zeitschrift LEtudiant noir, womit die von ihm sowie von Léopold Sédar Senghor und Léon-Gontran Damas initiierte Négritude-Bewegung begann. Unter Négritude ist die Gemeinschaft aller Schwarzen, ihre lange Geschichte unsäglichen Leidens unter Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus sowie die Wiederentdeckung ihrer kulturellen Leistungen in Afrika zu verstehen. Ziel der Bewegung war es, den schwarzen Menschen in aller Welt das Bewusstsein zu vermitteln, dass ihre in Afrika wurzelnden kulturellen Traditionen der Kultur der sie als primitiv diffamierenden und zu Arbeitstieren degradierenden Weißen nicht unterlegen seien.

ISBN 978-3-89581-453-2     12,90 €  Portofrei     Bestellen

Césaire appellierte an alle Schwarzen, ihr Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den Weißen abzulegen, sich von deren totaler Dominanz zu befreien und durch eine Rückkehr zu ihren afrikanischen Ursprüngen zu einer eigenen Identität zu finden. Mit diesen Ideen bereitete die Négritude-Bewegung geistig den Entkolonialisierungsprozess vor, der nach dem 2. Weltkrieg in vielen bis dahin kolonisierten afrikanischen Ländern in Gang kam.

Als Lyriker trat Césaire erstmals 1939 mit seinem berühmten Gedichtband Cahier dun retour au pays natal hervor, der sich wie ein einziger langer Schrei des Zorns und der Empörung über das den Schwarzen angetane Leid liest und von dem André Breton, ein Freund Césaires, sagte, er sei nicht mehr und nicht weniger als das größte lyrische Monument unserer Zeit. Später veröffentlichte Césaire weitere Gedichtbände wie Les Armes miraculeuses (1946), Soleil cou coupé (1947) und Ferrements (1960) sowie mehrere Theaterstücke, die in den 60er und 70er Jahren weltweit gespielt wurden. Während des 2. Weltkriegs gab der Dichter auf Martinique die Zeitschrift Tropiques heraus, die die Ziele der Négritude vertrat und trotz Zensur mutig gegen Faschismus und Unterdrückung opponierte. Unser Auswahlband enthält einige Texte Césaires aus dieser Zeitschrift. Spätestens seit 1945 betätigte sich der große Lyriker auch konkret politisch: Er war 56 Jahre lang (!) Bürgermeister der martinikanischen Hauptstadt Fort-de-France und saß von 1945 bis 1993 in der französischen Nationalversammlung. Das spektakulärste Zeugnis seines Kampfes um die politische und kulturelle Emanzipation der Schwarzen ist seine erstmals 1950 erschienene Rede über den Kolonialismus, in der Césaire mit flammenden Worten die Verbrechen und Gräuel anprangert, die jahrhundertelang von Weißen an Schwarzen verübt wurden.

Die Kolonialgesellschaft seiner Zeit, schreibt der Dichter in diesem berühmten Text, der in den späten 60er Jahren zu den Klassikern der Studentenbewegung gehörte, sei das ekligste Stück verdorbenen Fleisches, das je in der Sonne verfault ist, und er betont, dass Europa vor der menschlichen Gemeinschaft Rechenschaft abzulegen hat für den höchsten Leichenberg der Geschichte.
Aus dem Inhalt: Vorwort Texte aus der Zeitschrift Tropiques (1941-45): Einführung in die amerikanische Negerdichtung Einführung in die martinikanische Folklore Kreolische Märchen Anstelle eines literarischen Manifests Ausblick Offener Brief an seine Eminenz Varin de la Brunelière, Bischof von Sain-Pierre und Fort-de-France Hommage an Victor Schlcher Rede über den Kolonialismus (1950) Rede über die Négritude (1987)

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Anklagend und radikal gegen die Enthumanisierung Susanne Stemmler im Gespräch mit Andrea Gerk Aimé Césaire wurde in den 50ern vor allem mit seiner "Rede über den Kolonialismus" bekannt. Doch auch abseits seiner Publizistik hat Césaire immer wieder die kolonialen Machtverhältnisse in Frage gestellt, wie die Publizistin Susanne Stemmler erklärt. → Deutschlandfunk Kultur 18.04.2018

Neuausgabe von Aimé Césaires "Über den Kolonialismus"Fanfare der Unabhängigkeitskämpfe Von Katharina Döbler Aimé Césaire aus Martinique kämpfte als Schriftsteller und Politiker gegen koloniale Machtverhältnisse. Seine "Rede über den Kolonialismus" von 1950 wurde zur zentralen Kampfschrift. Die kommentierte Neuausgabe hat auch Bezüge zur Gegenwart - so thematisiert der Text auch die Folgen des Kolonialismus. → Deutschlandfunk Kultur 09.12.2017

 

 

Erstellt: 10.12.2017 - 16:56  |  Geändert: 29.01.2020 - 01:57

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