Der Ego-Tunnel. Von Thomas Metzinger

Der Ego-Tunnel. Von Thomas MetzingerEine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. Unser "Selbst" existiert gar nicht. Dies beweisen, so der Philosoph und Bewusstseinsforscher Thomas Metzinger, die Erkenntnisse der aktuellen Forschung. Aber was bedeutet das für unser Menschenbild?

ISBN 978-3-492-30533-4      10,99 €  Portofrei       Bestellen

Was sind die technologischen und kulturellen Konsequenzen? Brauchen wir neben der Neuroethik auch eine Bewusstseinsethik? Der Ego-Tunnel eröffnet einen ebenso faszinierenden wie fundierten Zugang zur geheimnisvollen Welt des menschlichen Geistes.

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Bauarbeiten am Egotunnel

Die moderne Hirnforschung entzaubert das menschliche Bewusstsein; sie verlangt deshalb nach einer Bewusstseinsethik

Die Kantkrise machte aus dem naseweisen Dozenten Heinrich von Kleist einen zweifelnden Dichter. „Ach“, schreibt er an seine geliebte Wilhelmine, „wenn die Spitze dieses Gedankens Dein Herz nicht trifft, so lächle nicht über einen andern, der sich tief in seinem heiligsten Innern davon verwundet fühlt. Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr.“ Den Kern seines Problems schildert der große Schriftsteller so: „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün ­ und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind ... So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist ...“

Von der Kantkrise zur Sinnkrise

Müssten alle Schüler in der Oberstufe höherer Schulen die Kantkrise durchmachen, es wäre viel gewonnen für die Welt. Die Besserwisserei würde ersetzt durch die wissenschaftliche Grundhaltung, dass eine Erkenntnis nur so lange gilt, bis sie durch eine angemessenere ersetzt ist. Auf Seife auszurutschen müsste kein Seifentrauma erzeugen, sondern vielmehr die Folgerung, keine glitschige Seife mehr auf die Erde zu werfen. Der grundlegende Wahrheitszweifel, der sich in der Kantkrise ausdrückt, gehört seit rund zwei Jahrhunderten zum aufgeklärten Welt- und Menschenbild, ist weltanschauliche Grundlage von Toleranz und Menschenrechten. Die Moderne erweitert die Kantkrise zur Sinnkrise. Thomas Metzinger, Professor für theoretische Philosophie an der Universität Mainz, hat sich die Mühe gemacht, den Kenntnisstand der Bewusstseinsforschung philosophisch aufzuarbeiten und für ein breites Publikum lesbar zu formulieren. Dabei geht es um nichts weniger als den potenziellen Verlust der Menschenwürde. Der drohe, weil ein neues Bild des Menschen am wissenschaftlichen Horizont auftaucht. Dieser Herausforderung könne man sich entweder „mit einem Willen zur Klarheit“ stellen oder „in irgendein metaphysisches Disneyland“ flüchten.

Wahrheit: eine Fiktion?

„Verlust der Menschenwürde“ - ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen? Viel Pathos, um den eigenen Gedanken Gewicht zu verleihen? Doch wie anders könnte man auf Ergebnisse der Hirnforschung reagieren, die neurologische Strukturen aufdeckt, die uns erlauben, ein ganzheitliches Körpergefühl zu entwickeln; uns vom nur reagierenden Tier zum agierenden Subjekt machen; die im Gehirn die Illusion eines Ichs entstehen lassen, das sich in einem illusionären Hier und illusionären Jetzt befindet, das sogar eigene Gedanken wahrnehmen und sich in andere neuronal einfühlen kann und so etwas wie Willensfreiheit empfindet; Strukturen, die uns unbestreitbar glauben machen, wir würden morgens in derselben Welt erwachen, in der wir abends eingeschlafen sind; die in uns einen naiven Realismus erzeugen - nämlich die Vorstellung, die Wirklichkeit in unserem Kopf sei identisch mit der Wirklichkeit außerhalb. All das einschließlich der Fähigkeit, wahr von falsch zu unterscheiden und Erscheinung von Wirklichkeit, wird möglich, weil wir in einem „Egotunnel“ leben, wie Metzinger das formuliert: „Bewusste Erlebnisse sind komplette mentale Modelle in dem repräsentationalen Raum, der sich durch das gigantische neuronale Netzwerk in unseren Köpfen öffnet.“ Die Verbindung zur Außenwelt erfolgt durch Wissen und Handeln, doch Bewusstsein ist „eine ausschließlich innere Angelegenheit“, ist ein phänomenales Selbstmodell, das „uns erlaubt, Teile der Welt in ein inneres Bild von uns selbst als einer Ganzheit einzubinden“.

Auch Meerschweinchen haben ein Bewusstsein

Über 338 Seiten hinweg versucht Thomas Metzinger, uns die Botschaft des „Egotunnels“ behutsam beizubringen und stellt Erklärungsmodelle vor, welchen evolutionären Nutzen Bewusstsein haben könnte. Er erklärt, wie es dazu kommt, dass die Welt in unserem Kopf „erscheint“ und als eine zusammengehörige Welt wahrgenommen wird. Theoretisch könnte ja die gehörte Welt sich aufgrund der unterschiedlichen Sinneskanäle von der gesehenen, geschmeckten oder ertasteten unterscheiden. Tut sie aber nicht. Vielmehr baut der Input unserer Sinneswahrnehmungen die Innenseite des Egotunnels auf und erzeugt so eine glaubwürdige „hochdimensionale, multimodale innere Oberfläche“, eben den „naiven Realismus“, mit dem wir an die Welt glauben, die wir wahrnehmen. Deshalb bezeichnet Metzinger den Egotunnel als „transparent“: Wir erkennen ihn nicht als Tunnel, sondern das menschlich virtuelle Organ „Bewusstsein“ hält ihn für die Welt; verwechselt den hier vorliegenden phänomenalen Artikel „Bauarbeiten am Egotunnel“ mit dem tatsächlich außerhalb vom Leser vorliegenden. Zum Problem der Menschenwürde gehört das Problem der Tierwürde. Zu den Implikationen der Gehirnforschung gehört nämlich die Erkenntnis, dass Bewusstsein nicht plötzlich beim Menschen auftauchte, sondern das Ergebnis einer evolutionären Entwicklung ist, also sich durch die Gattungen bis zum homo sapiens „empor arbeitete“ als „Echtzeit-Weltmodell, das man als eine fortlaufende Online-Simulation sehen kann, die Organismen hilft, auf elegante Weise mit der Welt und miteinander zu interagieren“. Bewusstsein als Schnittstelle, die „einem Organismus erlaubt, auf flexible Weise mit sich selbst in Wechselwirkung zu treten“.

Provokation für Rationalisten und Esoteriker

Das ist nicht nur im höchsten Grade verstörend für rationale Zeitgenossen, die ihr Weltbild mit „Wahrheiten“ festgezurrt und zementiert haben. Es raubt auch religiösen Fundamentalisten die Gewissheit gottgespeister Eingebungen und Esoterikern die letzten Argumente, wenn sie mit gechannelten Botschaften und außerkörperlichen Erfahrungen argumentieren. Derlei Einsichten eröffnen Wissenschaftlern und Medizinern aber auch ganz neuartige Zugänge zu psychiatrischen Phänomenen wie dem, dass es Patienten gibt, die aufhören, von sich in der ersten Person zu sprechen oder sogar fest davon überzeugt sind, nicht zu existieren. All die genannten, wissenschaftlich vermutlich schon bald exakt formulierbaren Einsichten in die Erzeugung von Ich- und Handlungswahrnehmung (Agentivität) sowie Bewusstseinserzeugung generell werden uns rasch an den Punkt der Manipulierbarkeit bringen; das bewusste Selbsterleben ist nichts Absolutes, sondern ist von beeinflussbaren Faktoren abhängig. Schon heute lassen sich im Labor außerkörperliche Wahrnehmungen künstlich erzeugen. Bewusstseinsforschung wird unweigerlich in eine Phänotechnologie münden, die die „Ego-Maschine Mensch“ je nach wirtschaftlicher oder politischer Interessenlage neu ausrichten wird. Ansatzweise wird sie bereits in der Werbung und Pharmakologie (mental enhancement) verwendet. Längst überschwemmen neue neuropharmakologische Bewusstseinsdrogen, schneller als der Gesetzgeber reagieren kann, den Markt.

In Gefahr: 25 Jahrhunderte menschliches Selbstverständnis

All dies erfordert deshalb, aus Metzingers Sicht „dringlich“, eine Bewusstseinsethik, die sich mit der „anthropologischen und normativen Leere“ auseinandersetzt, die sich infolge der vorliegenden Forschungsarbeiten in einem „ethischen Vakuum“ ergeben. Was sich andeutet, ist eine Bewusstseinsrevolution, „die unser Bild von uns selbst dramatischer verändern wird als jede andere naturwissenschaftliche Revolution in der Vergangenheit“. Auf dem Spiel stehe alles, „woran die Menschheit die letzten 25 Jahrhunderte und darüber hinaus geglaubt hat“. Es ist nicht nur die lesbare Formulierung und Kombination schwieriger und komplexer naturwissenschaftlicher und philosophischer Gedankengänge, die Metzingers Buch verdienstvoll macht, sondern vor allem auch die Tatsache, dass es uns angesichts seiner dramatischen Konsequenzen nicht ratlos stehen lässt. In zwei intensiven Kapiteln widmet er sich dem aufdämmernden neuen Bild des Menschen und den sich daraus ergebenden Konsequenzen. Beispielsweise wird folgende Frage zu beantworten sein: „Welche Hirnzustände sollten legal sein?“ Was meinen Sie?

Bobby Langer

Wenn die Nervenzellen tanzen. Der Philosoph Thomas Metzinger erklärt uns aus neurowissenschaftlicher Perspektive das Bewusstsein. Von Hanna Leitgeb → die ZEIT 07.01.2010

"Metzingers Ego-Tunnel ist weder ein Märchenbuch, noch eine Hexenfibel; es ist der gelungene Versuch, neuere neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse und geisteswissenschaftliche Reflexionen zusammen zu bringen, in dem Bewusstsein, dass ein neues Bild vom bewussten menschlichen Geist notwendig ist, um uns selbst zu erkennen!" Rezension vib Jos Schnurer. → socialnet 25.01.2010

 

Erstellt: 22.12.2015 - 21:35  |  Geändert: 17.01.2020 - 06:55

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