18.07.2025

Erich Fried-Lesung Wuppertal 5.5.1985

Remote Video URL

auf YouTube (18.07.2025) 1:00:16

"„Vorhin habe ich den unseligen Joachim von Ribbentop erwähnt, den Spitzendiplomaten des Dritten Reiches, der Nürnberg zum Tod durch den Strang verurteilt und hingerichtet wurde. Das Delikt, für das er verurteilt wurde, lautet Verbrechen gegen den Frieden, Vorbereitung eines Angriffskrieges, Kriegsverbrechen gegen die Menschlichkeit. 

Ich hielt das für schlechte Justiz, nicht nur, weil ich gegen Todesstrafe bin, sondern weil mein Gesetze nicht rückwärterlassen darf, wenn die Straftat längst begangen ist. Seither aber durch dieses Urteil weiß alle Welt, dass solche Taten mit dem Tod bestraft werden können. 

Das betrifft natürlich alle führenden Staatsmänner, Stabsoffiziere und der Untergebenen, die sich heute in allen unseren Kulturstaaten mit der Vorbereitung atomarer Erstschläge und anderer Angriffsstrategien befassen oder diese finanzieren oder gesetzgeberisch decken helfen.

 Nun Todesstrafe ist und bleibt natürlich Mord. Ebenso wie etwa unser berühmter polizeilicher finaler Rettungsschuss, eine Sprachprägung unserer Behörden, bei der jeder Schriftsteller aufhorchen müsste, auch lebenslängliches Gefängnis selbst unter humansten Bedingungen für all diese Staatsmänner und der Helfershelfer wäre Barberei.

Als Bürger dieser Erde, aber als Eltern von Kindern oder gar als Schriftstelle, müssen wir uns doch darum kümmern, wie man diese Herren oder auch eine Frau Thatcher unschädlich macht, ob und wie man sie festnehmen kann und so weiter. Auch darum kümmern, ob gute Beziehungen unserer Staatsmänner zu ausgesprochenen Mörderregierungen wie in der Türkei, Südafrika, Saire, Chile, die Liste ließe sich mit großen und kleinen Staaten nach mehreren Himmelsrichtungen und von mehreren Ländern aus fortsetzen, nicht den Verdacht, solcher Vorbereitung eines Angriffskrieges und von Verbrechen gegen die Menschlichkeit nahelegen. Ich weiß, keine Patentlösung.“ Erich Fried

Erich Fried (* 6. Mai 1921 in Wien; † 22. November 1988 in Baden-Baden) zählt zu den produktivsten und umstrittensten Lyrikern der deutschen Gegenwartsliteratur. 1987 bekam er den Büchner-Preis. Fried mischte sich ein, wo Unrecht geschah. Er war ein unorthodoxer Linker, der nicht nur mit „Zorn- und Angstgedichten“, sondern auch mit seinen „Liebesgedichten“ ein großes Publikum erreicht hat. 1921 in Wien geboren, musste er als Jude 1938 vor den Nazis fliehen und beschloss, „Schriftsteller zu werden, der gegen Faschismus, Rassismus, Unterdrückung und Austreibung unschuldiger Menschen schreibt.“ Fried lebte seitdem im Londoner Exil, war aber seit den 60er Jahren häufiger in Deutschland und Österreich präsent – er trug aus seinen Werken vor, griff in literarische und politische Debatten ein und demonstrierte mit den rebellierenden Studenten von 1968 und der Friedensbewegung. 

Die Aufzeichnung der Lesung Fried im Wuppertaler Schauspielhaus am 5. Mai 1985 ist ein besonders eindrückliches Beispiel für den „Wanderrabbi“ Fried und seine engagierten kritischen Gedichte und Erzählungen. Eine Stunde lang (in der Aufzeichnung kurz unterbrochen durch Cassettenwechsel) trägt Fried aus seinen Werken vor, die auch heute noch aktuell sind, und reichert sie durch Kommentare zu ihrer Entstehung und politisch-gesellschaftlichen Hintergründen an. 

Folgende Gedichte / Texte, die Fried an- und abmoderiert und die in den Gesammelten Werken in der Ausgabe des Wagenbach-Verlags Berlin 1993 nachgelesen werden können, sind in der Wuppertaler Lesung unter Angabe der Videolaufzeit zu erleben: 

1984 (B. Elmshäuser)- 02:55 
Im Auge die Asche (B. Elmshäuser) - 03:29 
Ich bin der Sieg (GW 1/S. 564- 05:49 
Gespräch mit einem Überlebenden (GW 3/S. 39f.) - 08:09 
Status quo zur Zeit des Wettrüstens (GW 2/S. 523) - 09:42 
Wir müssen alle einmal sterben (C. Hahm) - 10:42 
Gedanken zum 8. Mai 1985 (unveröffentlicht) - 24:47 
Meine Puppe in Auschwitz (GW, Prosa, S. 418ff) - 27:13 
Die Türe (GW 3/S. 196) - 42:11 
Den Toten von Südafrika (GW 3/S. 218) - 44:09 
Glaube, Liebe und Hoffnung (GW 3/S. 226) - 44:45 
Caspar Weinbergers Zunge (GW 3/S. 437) - 45:43 
Die Verhütungsfrage (unveröffentlicht) - 46:46 
Vierzigjahrfeier (unveröffentlicht) - 47:46 
Entwöhnung (GW 2/S. 540) - 48:11 
Im Verteidigungsfall (GW 3/S. 128) - 49:25 
Zur Zeit der Nachgeborenen (GW 2 /S. 635) - 55:23

Sprache (Ton)
Deutsch
Laufzeit
1h 16s
Ereignisdatum
05.05.1985
Thematisierte Personen
Videoautoren

Erstellt: 07.07.2026 - 08:22  |  Geändert: 07.07.2026 - 08:45

verwendet von

Der unversöhnliche Philanthrop. Er war ein unbequemer Schriftsteller zwischen allen Stühlen. Dennoch ist lohnenswert, das Werk von Erich Fried zum 100. Geburtstag neu zu entdecken. → taz 06.05.2021

Politik und Liebe. Seine Gedichte wurden ästhetisch selten ernst genommen, ihre politischen Provokationen umso mehr. Zum 100. Geburtstag von Erich Fried. Von Helmut Böttiger Jüdische Allgemeine 02.05.2021

Erich Fried auf Wikipedia