»Linker Antisemitismus« lässt sich als Diagnose sowohl in Zeitungen und Zeitschriften der Linken selbst finden, aber auch in politik- wie geschichtswissenschaftlichen Schriften und Verfassungsschutzorganen. Er ist als Phänomen so wenig zu leugnen wie als begriffliches Konstrukt unbefriedigend. Bedroht vom Verdikt des »linken Antisemitismus« ist jeder, der den Kapitalismus »personalisiert«, ihn einer verkürzten Kritik aussetze und zu Verschwörungsdenken neige. Nicht zuletzt wird ein »linker Antisemitismus« in der Boykottkampagne gegen Israel (Boycott, Divestment and Sanctions - BDS) ausgemacht. Demnach würde diese Israelkritik eine versteckte Form des Hasses auf Jüdinnen und Juden darstellen.
"Linker Antisemitismus" zur Kritik eines Kampfbegriffs - Buchbesprechung mit Gerhard Hanloser (264)
auf YouTube (30.03.2026) 1:37:35
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1. Der Begriff als „Kampfbegriff“
Hanloser argumentiert, dass der Begriff „linker Antisemitismus“ heute oft nicht mehr analytisch, sondern als politisches Instrument verwendet wird.
- Moralische Diskreditierung: Er sieht darin ein Mittel, um linke, antikoloniale oder menschenrechtliche Kritik an der israelischen Regierungspolitik (z. B. im Gazastreifen) pauschal als antisemitisch zu markieren [13:16].
- Verschiebung der Debatte: Statt sich inhaltlich mit Kritik an Besatzung oder Menschenrechtsverletzungen auseinanderzusetzen, wird die Person des Kritikers moralisch ins Abseits gestellt [15:42].
2. Historische Einordnung
Das Buch unterscheidet zwischen realen historischen Phänomenen und der aktuellen Instrumentalisierung:
- Früher Sozialismus: Hanloser räumt ein, dass es bei historischen Figuren wie Proudhon oder Bakunin tatsächlich antisemitische Elemente gab, oft verknüpft mit einer verkürzten Kapitalismuskritik [07:26].
- Universalismus der Linken: Er betont jedoch, dass das linke Projekt im Kern universalistisch ist und soziale Gleichheit anstrebt, was dem Antisemitismus eigentlich widerspricht [10:13].
3. Autoritärer Anti-Antisemitismus
Ein zentraler Punkt der Diskussion ist das Konzept des „autoritären Anti-Antisemitismus“ (nach Peter Ullrich):
- Repressive staatliche Maßnahmen: Hanloser kritisiert die Kriminalisierung von Parolen, das Verbot von Demonstrationen und die Ausladung kritischer jüdischer oder internationaler Stimmen (z. B. Francesca Albanese oder jüdische Künstler) [01:03:00].
- Denunziationskultur: Er warnt vor Meldeportalen und einer Atmosphäre des Verdachts, die besonders an Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten die freie Debatte erstickt [01:08:59].
4. Deutsche Staatsräson und Postkolonialismus
- Staatsräson: Die Definition der Sicherheit Israels als deutsche Staatsräson wird dahingehend kritisiert, dass sie oft zur bedingungslosen Unterstützung einer spezifischen (auch rechtsreligiösen) Regierung führt, statt jüdisches Leben allgemein zu schützen [53:34].
- Erinnerungshierarchien: Hanloser spricht sich gegen einen „Wettbewerb der Opfer“ aus. Er befürwortet eine „multidirektionale Erinnerung“, die den Holocaust in seiner Singularität anerkennt, aber gleichzeitig offen für die Aufarbeitung kolonialer Verbrechen ist [01:30:50].
5. Fazit des Autors
Hanloser plädiert für eine Rückkehr zu wissenschaftlichen Standards und Differenzierung. Er warnt davor, dass durch eine inflationäre und dogmatische Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfs der Blick auf reale antisemitische Gefahren (z. B. von rechts) verstellt wird und der diskursive Raum für legitime Kritik an staatlichem Handeln verloren geht [18:40].