30.03.2026

"Linker Antisemitismus" zur Kritik eines Kampfbegriffs - Buchbesprechung mit Gerhard Hanloser (264)

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auf YouTube (30.03.2026) 1:37:35

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1. Der Begriff als „Kampfbegriff“

Hanloser argumentiert, dass der Begriff „linker Antisemitismus“ heute oft nicht mehr analytisch, sondern als politisches Instrument verwendet wird.

  • Moralische Diskreditierung: Er sieht darin ein Mittel, um linke, antikoloniale oder menschenrechtliche Kritik an der israelischen Regierungspolitik (z. B. im Gazastreifen) pauschal als antisemitisch zu markieren [13:16].
  • Verschiebung der Debatte: Statt sich inhaltlich mit Kritik an Besatzung oder Menschenrechtsverletzungen auseinanderzusetzen, wird die Person des Kritikers moralisch ins Abseits gestellt [15:42].

2. Historische Einordnung

Das Buch unterscheidet zwischen realen historischen Phänomenen und der aktuellen Instrumentalisierung:

  • Früher Sozialismus: Hanloser räumt ein, dass es bei historischen Figuren wie Proudhon oder Bakunin tatsächlich antisemitische Elemente gab, oft verknüpft mit einer verkürzten Kapitalismuskritik [07:26].
  • Universalismus der Linken: Er betont jedoch, dass das linke Projekt im Kern universalistisch ist und soziale Gleichheit anstrebt, was dem Antisemitismus eigentlich widerspricht [10:13].

3. Autoritärer Anti-Antisemitismus

Ein zentraler Punkt der Diskussion ist das Konzept des „autoritären Anti-Antisemitismus“ (nach Peter Ullrich):

  • Repressive staatliche Maßnahmen: Hanloser kritisiert die Kriminalisierung von Parolen, das Verbot von Demonstrationen und die Ausladung kritischer jüdischer oder internationaler Stimmen (z. B. Francesca Albanese oder jüdische Künstler) [01:03:00].
  • Denunziationskultur: Er warnt vor Meldeportalen und einer Atmosphäre des Verdachts, die besonders an Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten die freie Debatte erstickt [01:08:59].

4. Deutsche Staatsräson und Postkolonialismus

  • Staatsräson: Die Definition der Sicherheit Israels als deutsche Staatsräson wird dahingehend kritisiert, dass sie oft zur bedingungslosen Unterstützung einer spezifischen (auch rechtsreligiösen) Regierung führt, statt jüdisches Leben allgemein zu schützen [53:34].
  • Erinnerungshierarchien: Hanloser spricht sich gegen einen „Wettbewerb der Opfer“ aus. Er befürwortet eine „multidirektionale Erinnerung“, die den Holocaust in seiner Singularität anerkennt, aber gleichzeitig offen für die Aufarbeitung kolonialer Verbrechen ist [01:30:50].

5. Fazit des Autors

Hanloser plädiert für eine Rückkehr zu wissenschaftlichen Standards und Differenzierung. Er warnt davor, dass durch eine inflationäre und dogmatische Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfs der Blick auf reale antisemitische Gefahren (z. B. von rechts) verstellt wird und der diskursive Raum für legitime Kritik an staatlichem Handeln verloren geht [18:40].

Sprache (Ton)
Deutsch
Laufzeit
1h 37min 35s

Erstellt: 25.04.2026 - 08:53  |  Geändert: 25.04.2026 - 08:53

verwendet von

Die bereits lange vorher aufgestellte Behauptung, die Linke sei in ihrer Israelkritik antisemitisch, erfuhr seit dem 7. Oktober eine drastische Verschärfung. Was bislang noch ein Diskurs war, der mit Unterstellungen und Lügen operierte, wurde verpolizeilicht. Über den Antisemitismusvorwurf gegen antiimperialistische, antikolonial oder menschenrechtlich eingestellte Linke, sollten mittels moralischer Verdammung die Meinungsfreiheit eingeschränkt und Stimmen gegen Krieg und Genozid zum Schweigen gebracht werden.