Wir tun das Richtige aus den richtigen Gründen, indem wir die Aufklärung zur Tugend machen, gegenüber den Menschen Verantwortung üben und die Spiele des Guten mit ganzem Herzen gestalten. Wie würde Martin Luther unsere Welt mit den Augen Willy Brandts sehen? Was dieser Luther uns als konfuzianisch geschulter Weltbürger wahrscheinlich zu sagen hätte, findet sich in Ole Dörings sprachgewaltigem politisch-philosophischen Essay. Das Buch ist nicht nur eine erschütternde Bestandsaufnahme des Geistes unserer politischen Verfassung; es werden auch Wege aufgezeigt, das Auseinanderfallen unserer Welt als Chance zu begreifen.
Was China uns voraus hat – Ole Döring
auf YouTube (22.02.2026) 1:28:55
Hat China die Aufklärung bewahrt – während Deutschland sie aufgibt?
Professor Ole Döring analysiert den geistigen Zustand Deutschlands im Vergleich zu China und stellt eine entscheidende Frage:
Haben wir verlernt, kritisch zu denken – während China systematisch lernt?
„Wir haben nichts dauerhaft gelernt aus der Aufklärung.“
Wenn kritisches Denken durch Moralismus ersetzt wird, verlieren Gesellschaften ihre Integrität.
Und wenn Wissenschaft politisiert wird, verliert sie ihre Würde.die zentralen Punkte des Gesprächs:
1. Das deutsche Unverständnis gegenüber China
- Mangel an Realitätssinn: Döring kritisiert, dass Deutschland keine echte China-Strategie habe, sondern in Vorurteilen verharre. Man „meine“ nur etwas über China zu wissen, ohne die Wirklichkeit vor Ort – die Döring durch seine Professur in China kennt – objektiv wahrzunehmen [00:00].
- Projektion statt Analyse: Der Westen betrachte China zunehmend als „Systemfeind“, anstatt von dessen Effizienz und langfristiger Planung zu lernen [30:16].
2. Wissenschaftssystem und „Callboy“-Mentalität
- Abhängigkeit von Fördergeldern: Döring beschreibt seine Entscheidung, das deutsche Wissenschaftssystem zu verlassen, da Forscher zu „Callboys“ degradiert würden. Sie müssten sich ständig auf Ausschreibungen („Calls“) bewerben, was die Forschungsfreiheit einschränke und enorme Ressourcen binde [01:02:44].
- Ideologisierung: Er kritisiert eine zunehmende Politisierung und Moralisierung der Wissenschaft in Deutschland, die sachliche Forschung – etwa über China oder während der Corona-Pandemie – erschwere [01:06:50].
3. Was China voraus hat: Meritokratie und Lernen
- Leistungsprinzip: Während in deutschen Parteien oft Mittelmäßigkeit dominiere, beschreibt Döring das chinesische System als meritokratisch. In der Kommunistischen Partei Chinas kämen zunehmend hochkompetente und integre Persönlichkeiten nach oben, die dem „Volkswohl“ verpflichtet seien [47:34].
- Lernendes System: China sei extrem pragmatisch und lerne aus den Fehlern anderer (z. B. dem Zusammenbruch der Sowjetunion). Institutionen seien dort „lernoffen“ gestaltet [41:21].
4. Philosophie als Brücke (Kant und Konfuzius)
- Gemeinsame Werte: Döring sieht starke Parallelen zwischen der konfuzianischen Ethik und der Aufklärung (insbesondere Immanuel Kant). Beide Systeme betonen die Integrität und die Verantwortung des Einzelnen [06:47].
- Arbeit als Lebensinhalt: In China werde Arbeit als Ausdruck von Würde und Leben verstanden, was im Gegensatz zum westlichen Konzept der „Work-Life-Balance“ stehe, das oft auf Entfremdung beruhe [10:34].
5. Kritik an der Corona-Politik und dem „Mob“
- Erosion von Standards: Döring kritisiert scharf den Zusammenbruch ethischer Standards während der Pandemie. Wissenschaftliche Evidenz sei durch politische Einflussnahme ersetzt worden [01:14:16].
- Ochlokratie: Er bezeichnet die aktuelle Situation teilweise als „Pöbelherrschaft“ (Ochlokratie), in der kritische Stimmen durch Medien und Politik drangsaliert wurden [01:16:10].
Fazit und Ausblick
Döring plädiert für eine Emanzipation Deutschlands und eine Rückkehr zum „kritischen Weg“ der Aufklärung. Man müsse den „Quatsch verlernen“, den man sich in den letzten 30 Jahren angeeignet habe, und die eigenen kulturellen Stärken (Gründlichkeit, solide Arbeit, Denkarbeit) wiederbeleben, um China als gleichwertiger Partner begegnen zu können [58:28].