20.04.2024

Sumaya Farhat-Nasr : Palästinensische Friedensaktivistin

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Gibt es auch für die Palästinenserin ein vor und ein nach dem 7. Oktober 2023, Tag des Massakers von Hamas-Leuten an israelischen Bürgern?

Die palästinensiche Friedensaktivistin und Schriftstellerin Sumaya Farhat Nasr blickt auf die leidvolle Geschichte ihres Volkes, analysiert, setzt die Ereignisse in ihre Zusammenhänge, entwirft Perspektiven und bleibt hoffnungsvoll – trotz allem.

Das Gespräch wurde am 20.April 2024 anlässlich eines Vortrages von Sumaya Farhat Nasr in Bern aufgzeichnet. Interview Martin Heule. Länge 34 Minuten.

Überblick

0:00 Einführung und historischer Hintergrund des Konflikts Sumaya Farhat-Nasser ordnet den 7. Oktober 2023 in die Geschichte seit 1948 (Nakba) ein. Sie betont, dass der Konflikt nicht erst jetzt begann, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Vertreibung und der hoffnungslosen Lage in den besetzten Gebieten unter der rechtsradikalen Regierung Netanjahu ist.

3:03 Das Scheitern des Friedensprozesses und der Siedlungsbau Die ursprüngliche Idee "Land für Frieden" wurde durch massiven Siedlungsbau untergraben, wodurch bereits 68 % der Westbank faktisch einverleibt wurden. Bewaffnete Siedlergruppen verüben systematisch Gewalt gegen palästinensische Dörfer, oft unter dem Schutz des israelischen Militärs.

4:37 Lähmung der palästinensischen Autonomiebehörde Die palästinensische Regierung ist durch ihre Unfähigkeit, die Bürger zu schützen, und die finanzielle Erpressung durch Israel (Einbehaltung von Steuergeldern) diskreditiert. Dies führt dazu, dass Gehälter für Lehrer und medizinisches Personal seit Monaten nicht gezahlt werden können.

6:23 Der Aufstieg der Hamas als politische Folge Aufgrund der Verzweiflung der Bevölkerung gewann die Hamas an Unterstützung. Farhat-Nasser weist darauf hin, dass Netanjahu die Hamas jahrelang stärkte, um eine politische Spaltung zur PLO zu provozieren und so einen echten Friedensvertrag zu verhindern.

7:33 Die Grenzen einer militärischen Lösung in Gaza Das komplexe Tunnelsystem in Gaza macht einen schnellen militärischen Sieg Israels unwahrscheinlich. Zudem sei die Hamas eine religiös-ideologische Bewegung, die sich nicht einfach vernichten lasse, sondern im Falle einer Zerschlagung unter anderem Namen wiederkehren würde.

10:41 Humanitäre Katastrophe und fehlende Demokratie Trotz zehntausender Opfer in Gaza steht die Bevölkerung hinter dem Widerstand. Farhat-Nasser kritisiert, dass der Westen eine neue Regierung diktiert, statt nach 18 Jahren endlich demokratische Wahlen zu ermöglichen, damit die Menschen selbst über ihre Zukunft bestimmen können.

13:05 Wirtschaftliche Interessen und Hunger als Waffe Hinter der Rückeroberung Gazas vermutet sie auch Interessen an neu entdeckten Gas- und Erdölvorkommen. Sie verurteilt die Blockade von Landwegen und bezeichnet Luftabwürfe von Hilfsgütern als unwürdigen Hohn gegenüber der hungernden Bevölkerung.

16:57 Religiöser Trost und die Kraft des Durchhaltens Die tiefgläubige Bevölkerung findet Trost in der Akzeptanz des Schicksals und des göttlichen Willens. Diese spirituelle Überzeugung wird als eine Kraft beschrieben, die oft stärker ist als moderne Militärtechnologie und den Menschen hilft, die Trauer zu bewältigen.

19:15 Visionen für ein friedliches Zusammenleben Frieden ist nur möglich, wenn beiden Seiten gleiche Rechte zugestanden werden. Farhat-Nasser schlägt einen binationalen Staat oder eine Konföderation nach Schweizer Vorbild vor, in der Ressourcen wie Wasser und Infrastruktur gemeinsam verwaltet werden.

25:38 Kritik an der internationalen Haltung und Alltag unter Besatzung Sie kritisiert die bedingungslose Unterstützung Israels durch Europa und die USA trotz offensichtlicher Gräueltaten. Am Beispiel ihres Sohnes, eines Arztes, schildert sie die lebensgefährlichen Angriffe durch Siedler und die massiven Einschränkungen der Bewegungsfreiheit durch Checkpoints.

33:54 Appell an die gemeinsame Menschlichkeit Abschließend betont sie die Notwendigkeit, sich gegenseitig wieder als Menschen wahrzunehmen. Ein Austausch von Gefangenen und Geiseln sowie eine Abkehr von giftiger Sprache seien essenziell, um die Basis für einen künftigen Weg zueinander zu schaffen

Sprache (Ton)
Deutsch
Laufzeit
36min 3s
Ereignisdatum
20.04.2024
Ereignisort
Bern (Schweiz)

Erstellt: 25.08.2026 - 19:31  |  Geändert: 25.08.2026 - 19:43

verwendet von

Als Botschafterin der palästinensischen Sache ist sie zu einem Begriff geworden: Sumaya Farhat-Naser. Sie kommentiert im Radio politische Entwicklungen, im Fernsehen und an Veranstaltungen tritt sie als unpolemische Zeugin und engagierte Frauenvertreterin auf. Für ihre überzeugende Arbeit wurde sie mit zahlreichen Preisen geehrt, u.a. mit dem Bruno-Kreisky-Preis für Verdienste um die Menschenrechte, dem Mount Zion Award und dem Augsburger Friedenspreis

In "Thymian und Steine" erzählt die charismatische Palästinenserin ihre Lebensgeschichte, die 1948, im Jahr der israelischen Staatsgründung, beginnt.