Revolution. Von Die Grenzgänger

Die vielfach preisgekrönte Bremer Formation "Die Grenzgänger" um den Liedermacher, Musiker und Autor Michael Zachcial erinnert auf ihrem zehnten Album an die deutsche Revolution (9. November 1918), die vor 100 Jahren das Massensterben des Ersten Weltkriegs beendete und deren Errungenschaften wie Frauenwahlrecht, Pressefreiheit und Gewerkschaften die deutsche Gesellschaft bis heute prägen. Zum hundertsten Jahrestag der Novemberrevolution nimmt das um Claudius Toelke (Bass) und Friedemann Bartels (Schlagzeug) erweiterte Quartett dabei nichts weniger als eine Neujustierung des politischen Liedes vor.

EAN 4250137277240     15,99 €  Portofrei     Per E-Mail bestellen

Über Anklänge an Springsteens Seeger-Sessions, Reggae und Ska machen die Grenzgänger auch vor Hardrock-Klängen und kammermusikalischen Sequenzen nicht Halt. Die Texte stammen dabei von Erich Mühsam, Ernst Toller, Ferdinand Freiligrath, Emil Sonnemann, Bertolt Brecht, Chaim Aleksandrov sowie weiteren (eher unbekannten) Autoren. Vom Kinderlied über Songs der ersten Kabarettbühnen und anarchistischen Fundstücken, vom jiddischen Lied bis zum Klassiker der Arbeiterbewegung reicht dabei die stilistische Bandbreite. Dabei kommt alles mit großer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit daher und wirkt wie aus einem Guss. Ein unmissverständliches künstlerisches Statement zur gegenwärtigen politischen Situation in den westlichen Gesellschaften.

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Eine CD mit 17 Liedern als großartige Volksbildungsarbeit, künstlerisch hochwertig aufbereitet, musikalisch wie vom Artwork her – die Bremer Liedermachergruppe Die Grenzgänger präsentiert im November 2018 passend, anspruchsvoll und gleichzeitig einfach suggestiv gut zum Durchhören wie Lied für Lied das Album „Revolution“. Rezension von Alexander Kinsky → Hinter den Schlagzeilen 10.11.2019

Trackliste:

01 Die Revolution
02 Brot Kartoffeln Kohle her
03 In der Heimat ist es schön
04 Max Hölz ist wieder da
05 Wir sind jung die Welt ist offen
06 Vom Baume der Großstadt ein welkendes Blatt
07 Auf junger Tambour schlag ein
08 Im Januar um Mitternacht (Büxensteinlied)
09 Vögel der Freiheit
10 In Erwägung
11 Wem ham se de Krone jeklaut
12 Barkenhofflied
13 Jiddisches Sozialistenlied
14 Arbeiter-Hymne
15 Die Schmiede im Walde
16 Es lebt noch eine Flamme
17 Gesang der Völker

 die Grenzgänger  | Revolution → Text: Ferdinand Freiligrath (1851)

Die Revolution von Ferdinand Freiligrath (1851)

Und ob ihr sie, ein edel Wild, mit euren Henkersknechten fingt;
Und ob ihr unterm Festungswall standrechten die Gefangne gingt;
Und ob sie längst der Hügel deckt, auf dessen Grün ums Morgenrot
Die junge Bäurin Kränze legt – doch sag ich euch: Sie ist nicht tot!

Und ob ihr von der hohen Stirn das wehnde Lockenhaar ihr schort;
Und ob ihr zu Genossen ihr den Mörder und den Dieb erkort;
Und ob sie Zuchthauskleider trägt, im Schoß den Napf voll Erbsenbrei;
Und ob sie Werg und Wolle spinnt – doch sag ich kühn euch: Sie ist frei!

Und ob ihr ins Exil sie jagt, von Lande sie zu Lande hetzt;
Und ob sie fremde Herde sucht, und stumm sich in die Asche setzt;
Und ob sie wunde Sohlen taucht in ferner Wasserströme Lauf –
Doch ihre Harfe nimmermehr an Babels Weiden hängt sie auf!

O nein – sie stellt sie vor sich hin; sie schlägt sie trotzig, euch zum Trotz!
Sie spottet lachend des Exils, wie sie gespottet des Schafotts!
Sie singt ein Lied, daß ihr entsetzt von euren Sesseln euch erhebt;
Daß euch das Herz – das feige Herz, das falsche Herz! – im Leibe bebt!

Kein Klagelied! kein Tränenlied! kein Lied um jeden, der schon fiel;
Noch minder gar ein Lied des Hohns auf das verworfne Zwischenspiel,
Die Bettleroper, die zur Zeit ihr plump noch zu agieren wißt,
Wie mottig euer Hermelin, wie faul auch euer Purpur ist!

O nein, was sie den Wassern singt, ist nicht der Schmerz und nicht die Schmach –
Ist Siegeslied, Triumpheslied, Lied von der Zukunft großem Tag!
Der Zukunft, die nicht fern mehr ist! Sie spricht mit dreistem Prophezein,
So gut wie weiland euer Gott: Ich war, ich bin – ich werde sein!

Ich werde sein, und wiederum voraus den Völkern werd ich gehn!
Auf eurem Nacken, eurem Haupt, auf euren Kronen werd ich stehn!
Befreierin und Rächerin und Richterin, das Schwert entblößt,
Ausrecken den gewalt'gen Arm werd ich, daß er die Welt erlöst!

Ihr seht mich in den Kerkern bloß, ihr seht mich in der Grube nur,
Ihr seht mich nur als Irrende auf des Exiles dorn'ger Flur –
Ihr Blöden, wohn ich denn nicht auch, wo eure Macht ein Ende hat:
Bleibt mir nicht hinter jeder Stirn, in jedem Herzen eine Statt?

In jedem Haupt, das trotzig denkt? das hoch und ungebeugt sich trägt?
Ist mein Asyl nicht jede Brust, die menschlich fühlt und menschlich schlägt?
Nicht jede Werkstatt, drin es pocht? nicht jede Hütte, drin es ächzt –
Bin ich der Menschheit Odem nicht, die rastlos nach Befreiung lechzt?

Drum werd ich sein, und wiederum voraus den Völkern werd ich gehn!
Auf eurem Nacken, eurem Haupt, auf euren Kronen wer ich stehn!
's ist der Geschichte eh'rnes Muß! Es ist kein Rühmen, ist kein Drohn –
Der Tag wird heiß – wie wehst du kühl, o Weidenlaub von Babylon!

 

Erstellt: 26.12.2018 - 11:17  |  Geändert: 04.02.2019 - 04:47