Perfect Storm. Von Dirk Reinhardt. Rezension von Maura

REZENSION 
Perfect Storm. Von Dirk Reinhardt   Gerstenberg Verlag   ISBN 978-3-8369-6099-1

Ein perfekter Sturm, „was soll das sein?“, habe ich mich gefragt. Wie soll ein Sturm so kontrolliert sein, dass er perfekt ist und vor allem: Was an einem Sturm kann bitte schön perfekt sein, denn meistens bedeutet der doch Unheil? Die Antwort lasse ich als Cliffhanger an dieser Stelle aus, denn diese erwartet uns beim Lesen von Dirk Reinhardts neuen Jugendbuch. Er behandelt eine Thematik, die mir völlig neu war. Sechs Jugendliche lernen sich im Rahmen eines Onlinespieles kennen, schließen sich zu einer Gilde zusammen und fangen an, über einen Chat in Kontakt zu treten.

Jede*r mit seiner / ihrer eigenen Geschichte, wie zum Beispiel Matthew aus Australien, dem eigentlich eine Karriere als Profisurfer bevorstand, der aber seit einem tragischen Unfall im Rollstuhl sitzt und deshalb die Flucht ins Internet gesucht hat. Oder Boubacar aus dem Kongo, aufgewachsen in den Minen zum Coltan-Abbau unter der gewaltsamen Herrschaft der dort regierenden Rebellen. Er ist es auch, der den Funken für den Perfect Storm zündet, als er den anderen von den Menschenrechtsverletzungen in seiner Heimat erzählt.

Gemeinsam beginnen sie zu recherchieren und tauchen immer tiefer in die Materie ein. Ihr Ziel ist es, belastendes Material zu veröffentlichen. Was für eine Brisanz und Tragweite ihre Entdeckungen haben, können die Teenager nur erahnen. Es verschlägt sie bis in die USA, wo zwei Konzerne sitzen, die in das Unrecht verwickelt zu sein scheinen und in deren Netzwerke sich die sechs hacken. Ihnen auf der Spur ist ein junger NSA Agent, Jacob.

Was den Thriller so besonders macht, sind die unglaublich guten und tiefgehenden Charakteristika der Jugendlichen. Diese gehen über „normale“ Persönlichkeiten hinaus: Kulturelle und gesellschaftliche Hintergründe spielen eine Rolle und ermöglichen den Lesenden, sich in die Charaktere hineinzuversetzen. Äußerst sensibel wird Felix charakterisiert, der unter Autismus leidet. Dabei wird den gesellschaftlichen Klischees die Stirn geboten sowie sich gegen Stigmata und Klassendenken ausgesprochen.

Des Weiteren fällt der Aufbau des Thrillers ins Auge. Chatprotokolle der Jugendlichen wechseln sich ab mit Investigationsprotokollen des NSA-Agenten, dessen eigenen Erzählstränge und denen der Jugendlichen sowie Meldungen. Nicht einmal chronologisch geordnet sind die verschiedenen Erzählstränge, aber gerade deswegen ermöglichen sie eine runde Geschichte. Als Lesende*r hat man das Gefühl, den Personen im Wissen voraus zu sein, aber ist man das tatsächlich? Persönlich finde ich das Thema äußerst gut aufbereitet, das Buch hat mich angeregt, mich selbst weiter zu informieren, was ich jedem empfehlen kann. Denn aktuelle Brisanz hat das Thema!

Das Buch zeichnet sich durch viel mehr als seine Geschichte aus; es klärt auf, stellt bloß und lässt einen selbst Zustände hinterfragen. Das Ganze geschieht aber nicht auf eine anprangernde und offensichtliche Weise, sondern eher unterschwellig, sodass die Thematik nachhaltig im Kopf bleibt. Geeignet halte ich „Perfect Storm“ für Jugendliche ab 14 Jahren. Den Roman in ein Genre einzuordnen fällt mir schwer, da es so vielschichtig ist. Vielleicht um ein paar Stichworte zu geben: Wer sich für eine kritische Weltsicht, Politik, aber auch Ethik, Moral und Freundschaft interessiert, der wird etwas in der Geschichte finden. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass jede*r einen anderen Aspekt findet, der ihn / sie fasziniert. Das Buch ist definitiv mehr als eine reine Hacker-Geschichte.

Maura, 20

Perfect Storm. Von Dirk Reinhardt

Interview mit Dirk Reinhardt (Podcast) → Deutschlandfunk Kultur ohne Datum

Buchtrailer: Dirk Reinhardt - Perfect Storm
Gerstenberg Verlag Youtube 04.01.2021

 

Erstellt: 20.02.2021 - 11:24  |  Geändert: 23.02.2021 - 16:39