Gardasee Natur- und kulturhistorische Ausflüge. Von Lothar Mayer

Gardasee Natur- und kulturhistorische Ausflüge. Von Lothar Mayer TitelbildDer Gardasee gehört seit Goethes Zeiten zu unseren beliebtesten Urlaubszielen. Umso verwunderlicher ist es, dass keiner der derzeit verfügbaren Reiseführer eine Zusammenschau natur- und kulturhistorischer Exkursionen am See bietet. Dieses reich bebilderte Buch, in dem der Autor 30 Jahre Gardasee-Erfahrungen verarbeitet hat, schließt diese Lücke. Es regt zu eigenen Wanderungen an, indem es Touren rund um den See beschreibt, die aufgrund von botanischen, entomologischen, geologischen und kulturhistorischen Besonderheiten von Interesse sind.

ISBN 978-3-7319-0191-4     27,95 €  Portofrei     Bestellen

Die zum größten Teil sportlich nicht anspruchsvollen Wanderungen sind mit Hilfe von detaillierten Karten für jeden Naturfreund gut nachzuvollziehen. Den Kunstobjekten, die rund um den See zu bewundern sind, ist ein weiteres Kapitel gewidmet. Und sogar über die Literaten und Dichter, die über die Jahrhunderte hinweg den Lacus Benacus aufgesucht haben, wird ausführlich berichtet. Historische Besonderheiten und vor allem die Bezüge zu unserer eigenen mitteleuropäischen Geschichte werden in diesem Gardasee-Lesebuch mit Sorgfalt und Sachkenntnis vorgestellt. Darüber hinaus taucht der Leser in die Weinbauregionen rund um den Gardasee ein und weiß nach der Lektüre, wo der beste Lugana und der qualitätsvollste Bardolino gekeltert werden.

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Inhalt

 

Rezension des Buches: Gardasee – Natur- und kulturhistorische Ausflüge von Lothar Mayer,
Rezensent  Dr. Thomas Fritsch (Sommerhausen am Main)  Rezension als PDF

Der Autor versteht es, in seinem Buch den Geist einzufangen, der über dem Wasser des Gardasees schwebt.
Es sind vor allem drei Aspekte des Gardasee-Erlebnisses, die der Autor dem Leser nahebringen will:

  1. Die Natur des Gardasees und seiner Umgebung in vielen ihrer Facetten
  2. Die Kultur am Gardasee in ihrem Werden und heutigen Sein
  3. Kunst & Ästhetik als Therapie für die Seele

Das Buch ist eine einmalige Mischung aus detaillierten Beschreibungen der oben aufgeführten Aspekte, die sich um ästhetisch sehr anmutende Fotografien des Autors ranken, die dieser in den vergangenen Jahrzehnten „geschossen“ hat, durchweg mit hochwertiger Qualität auf der jeweiligen Höhe der Zeit. Das Buch lädt den Leser ein, sich sein eigenes Gardasee-Erlebnis zu „erwandern“ und schlägt Wander-Routen unterschiedlichen Schwierigkeitsgrads vor, die ein tieferes Verständnis der obigen drei Aspekte im historischen Kontext erlauben.

Ein besonderes Anliegen des Buches (und seines Autors, eines passionierten Naturfreundes und Hobby-Entomologen) ist es, den Leser mit der besonderen Pflanzen- und Insekten-Welt des Gardasees und seiner Umgebung vertraut zu machen und sich hierbei vor allem auf Schmetterlinge zu fokussieren. Diese stehen für Transformationen, für Metamorphosen, denen die Landschaft ebenso wie die zugehörigen kleinen Insekten unterliegt. Man könnte den Gardasee als „therapeutische Landschaft“ ansehen, nach Thomas Kistemann, Prof. für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Bonn, der Medizin und Geografie studiert hat und einen „räumlichen Blick auf Fragen menschlicher Identität und Gesundheit wirft“ (ZEIT-Magazin 20/2017). Dieser konstatiert, dass sich die Hirnareale, die zuständig für Konzentration sind, während eines Spaziergangs (und seien es nur ein paar Meter!) hierdurch regenerieren können. Das Buch von Lothar Mayer könnte hierfür geradezu ein Wegweiser im wahrsten Sinne des Wortes sein, denn alleine schon die Lektüre und die Fotografien sorgen für ein wohliges Gefühl der Entspannung und Regeneration.

„Wer das Gedicht für unnahbar hält, kommt ihm wirklich nicht nahe. In der Anwendung von Kriterien liegt ein Hauptteil des Genusses. Zerpflücke die Rose und jedes Blatt ist schön“ (Bertolt Brecht).

Kann es also „schönste Stellen“ des Gardasees geben? Sind diese Stellen statisch schön oder muss man sich dem Gardasee-Erlebnis „dynamisch“ nähern?

Dazu dient das Einfangen des ästhetischen Moments - sehr gelungen - an verschiedenen Stationen des Sees in unterschiedlichem Kontext, die Reihenfolge der Stationen etwas "zufallsmäßig ausgewählt", dennoch erfüllend und irgendwie "vollständig" in dem Sinne, wie es Brecht schon andeutete.
Die „schönsten Orte“ sind überall. Sie befinden sich, wie der Autor zeigt, an versteckten und unbekannten, unscheinbaren, ebenso wie auch an wohl-bekannten Stellen. Sie manifestieren sich in einer Vielfalt des Genusses, so auch im Wein, dem der ebenfalls passionierte Winzer ein eigenes großes Kapitel des Buches widmet.

Gardasee Natur- und kulturhistorische Ausflüge.Rezension2 Von Lothar MayerZum Verständnis dieser Rezension ist wichtig, dass ich mir vorgenommen habe, vor der endgültigen Niederschrift keine andere Rezension anzuschauen oder nur davon hören zu wollen. Dies würde unzulässige Interferenzen hervorrufen – im Sinne der Beobachtersituation in der Quantenphysik wie auch nach Heinz von Förster, einem der Väter der Kybernetik mit seiner Beobachtung 2. Ordnung, bei der der Beobachter sich selbst dabei beobachtet, WIE er selbst beobachtet und damit die Qualität dieser eigenen Beobachtung verändert.

Im Kapitel „Seensucht“ des Buches geht der Autor sehr profund auf die Funktion der Bilder ein, die wir uns im Erleben von Landschaft konstruieren. Der Autor beschreibt die Konstruktion des Erlebens von Landschaft durchaus im Sinne der von ihm zitierten (radikalen) Konstruktivisten Ernst von Glasersfeld, Heinz v. Foerster, Humberto Maturana und Francisco Varela, deren Werk er kennt und wahrlich konstruktiv hier einbindet:

„Das „neue Auge“ ist nach stundenlanger Anfahrt endlich bereit für die entscheidende Konstruktion. Denn die „schöne Landschaft“ ist nicht etwa eine Erscheinungsform eines Gebietes, sie existiert nicht per se, sie ist vielmehr eine Verknüpfungsleistung unseres Gehirns. Als Spielmaterial für die Konstruktion dient uns alles, was wir je erlebt haben und was uns als schön und erstrebenswert gilt. Das heißt: Wir schauen uns eine Landschaft „schön“, indem wir bestimmte Aspekte unterdrücken und andere überbewerten. Die „schöne Landschaft“ ist somit ein schöpferischer Akt unseres Gehirns – eine Konstruktion. Und das Gehirn tut sich in diesem Falle umso leichter, je weiter wir dem Alltäglichen enthoben sind.“

Das wirkt unmittelbar regenerierend für den stressgeplagten Menschen von heute. Und weil diese Landschaft selbstähnlich bzw. selbstaffin ist, kann das Gardasee-Erlebnis an jeder Stelle dieses herausragenden Fleckchens Erde stattfinden!!

Der Autor geht ebenfalls intensiv auf die politische Geschichte am Gardasee ein, speziell im Kapitel über den „Monte Brione, der Berg auf dem nicht nur Blumen blühen“. Der Autor führt den Leser sehr mitfühlsam in die Grauen des Krieges, vor allem des ersten Weltkriegs ein und spart nicht an Kritik an „Geistesgrößen“ wie Thomas Mann oder auch den italienischen Futuristen, die dem Krieg eine „reinigende Wirkung“ zuschrieben und sich so zu intellektuellen Protagonisten des Mordens aus „patriotischer Gesinnung“ machten. Es ist dem Autor unumwunden beizupflichten, wenn er seine Grundhaltung wie folgt beschreibt:

„Ich betrachte aus diesem Grunde die Entdeckung des „Wiener Nachtpfauenauges“ an der Zistrose und die – hoffentlich angemessene – Beschreibung der Umstände ihres Auffindens als friedensfördernder als alle Kriegs- und Antikriegsbücher, weil es uns einen Ausschnitt des Schönen in der Welt – vielleicht zum x-ten Mal – vorführt. Eine Kultur des Friedens kann nach meiner Auffassung nur eine ästhetisch-erotische Kultur sein.“

Bleibt anzumerken, dass dies natürlich dann auch eine Konstruktion ist, die eine Resonanz auf das vorgefundene „Schöne“ sein muss, zu dem Krieg in allen seine Facetten in diametralem Gegensatz steht. Daher sind meiner Meinung nach Antikriegsbücher durchaus kein Gegensatz zur Auffassung des Autors.

Gardasee Natur- und kulturhistorische Ausflüge.Rezension1 Von Lothar MayerMeine ersten eigenen bescheidenen Erfahrungen des Gardasee-Erlebnisses liegen nunmehr 36 Jahre zurück, als ich erstmals Bardolino besuchte und das Glück hatte, ein Weinfest am Gardasee mitzuerleben. In der Tat bestehen, wie der Autor in seinem Wein-Kapitel anmerkt, große Ähnlichkeiten zu den Weinfesten in Unterfranken, wo ich lebe.
Vor 6 Jahren und nochmals vor 4 Jahren konnte ich mit einem Freund Malcesine im September zum ciottolando con gusto besuchen und war von der Atmosphäre unmittelbar ergriffen und begeistert. Wir übernachteten 2012 im gegenüber am Westufer des Sees in den Bergen (ab-)gelegenen Tignale, welches zum mittlerweile mehr oder weniger verlassenen „Papiermühlental“ gehört, dem der Autor ein eigenes Kapitel gewidmet hat. Beim zweiten Besuch 2014 in Malcesine zum ciottolando con gusto erlaubten wir uns eine Rundfahrt um den See und einen Besuch in Cassone und Sirmione. Es ist alles genauso, wie es der Autor in den entsprechenden Kapiteln seines Buches beschrieben hat – ein echtes Erlebnis, selbst an nur einem einzigen Tag.
Persönlich ist mir Malcesine nicht ganz so exaltiert erschienen, wie in dem Kapitel "(Ein-) Stimmungsbild" dargestellt. Dies mag vielleicht auch an der eigenen Temperierung des Gemüts liegen.
Dennoch: Auch wir erlebten ähnlich exaltiertes Treiben, wie es der Autor über das Touristenleben von Malcesine beschrieben hat. Es ist schon lustig, wenn noch bis 2 Uhr Wein auf einer Piazza ausgeschenkt wird und man einen „Stenz“ für sich und seine umworbene, nicht unvermögend erscheinende, etwas ältere Dame „due espressos“ bestellen hört und am nächsten Tag dieser in einem der besten Geschäfte von jener neu eingekleidet wird - diese „Stimmung“ passt schon sehr gut zur Anekdote des „Schreis“, die der Autor genüsslich in diesem Einstimmungs-Kapitel erzählt. Die Mehrzahl der Besucher Malcesines sind allerdings wie immer "normale" Touristen, was immer das auch bedeuten mag. Leberkäs aus Südtirol gibt es auch für diese Touristen zu Hauf. Und dieser schmeckt nicht einmal schlecht.

Der griechische Nobelpreisträger für Literatur, Odysseas Elytis, schrieb: “Know that, as in life, there is much that many have looked upon but few have seen because, as my father told me and his father told him, you will come to learn a great deal if you study the insignificant in depth.”

So ist es auch mit dem Gardasee. Das Buch von Lothar Mayer ist ein ausgezeichnetes Werkzeug bzw. Hilfsmittel, um dieses scheinbar "Unbedeutende" in Tiefe kennen zu lernen und zu studieren. Dass man in der Tiefe bei Selbstähnlichem das Ganze erfassen kann, ist gerade der entscheidende Punkt, den Benoit Mandelbrot in seinem Buch "Die fraktale Geometrie der Natur" und auch einer seiner größten Schüler, der Nobelpreisträgers Ilya Prigogine, in seinem Buch "Dialog mit der Natur" herausgearbeitet haben.

Ein Zusatz über Limone, das Limone-Mysterium und eine kleine eigene Geschichte sei mir zum Abschluss dieser Rezension erlaubt:
Es gibt viele Mythen über die Ursprünge der Besiedlung des Gardasees und der jeweiligen Namensgebung. So soll „Gardisana“ im Osten des Sees von Riva bis Peschiera eine Gründung der (ausgewanderten) Trojaner sein? Unwahrscheinlich.

Gardasee Natur- und kulturhistorische Ausflüge.Rezension3 Von Lothar MayerIn der Mythologie gibt es aber schönere Geschichten:
Die Legende über den Gardasee besagt, dass es einst einen Wassergott namens Benacus gab, der die Meere verließ, um das Festland zu erkunden. Bald schon kam er in die Alpen und lernte dort die schöne Engardina kennen. Als er sie in einem kleinen Bergsee auf dem Monte Baldo sah, verliebte er sich sofort. Er bat sie darum, mit ihm zu kommen. Doch Engardina wollte nicht weg von ihrem kleinen See. So versprach Benacus ihr einen viel schöneren und größeren See zu schenken, wenn sie mit ihm kam. Er nahm seinen Dreizack und schlug ihn in den Felsen. Das Wasser kam von den Bergen und füllte einen See, der heute unter dem Namen Gardasee bekannt ist.
Dieser Gott Benacus scheint ein ähnlicher Schwerenöter gewesen zu sein wie Zeus, der auch keine Gelegenheit für ein amouröses Abenteuer mit halb-göttlichem Nachwuchs ausgelassen hat. So heißt es in einer anderen Quelle:
“According to legend, the god Benaco fell in love with the nymph Fillide, who later bore him twin sons Grineo and Limone. The father wanted his first son to become a fisher and the second a farmer. Since adolescence, however, both youths loved to go hunting on Mount Baldo. One day Limone was attacked and killed by a wild boar. Fillide desperately pleaded with her husband to bring her son back to life. Benaco therefore prepared an infusion with mysterious blue flowers and gave it to his son, who miraculously came to life. Promptly obeying his father, Limone went to live on the banks opposite Mount Baldo. He found a lovely inlet sheltered from the winds, and there he made his home and grew lemons, the fruit that was named after him.”

Dass in Limone heute Menschen mit einer Mutation des Apolipoproteins A-1 Milano leben, von dem auch der Autor in „Limes und Limone“ berichtet, liegt vielleicht an der Spätwirkung der „mysterious blue flowers“?! Diese Menschen erfreuen sich auf jeden Fall eines hohen Alters und absolut ablagerungsfreier Arterien, so dass die typischen Alterserscheinungen nicht auftreten und die Glücklichen mit Wein, gutem Essen und Gesang auch ihr hohes Alter genießen können.

Meine eigene Limone-Geschichte:
Als wir 2014 von Sirmione startend wieder nach Malcesine zurück fahren wollten, entschlossen wir uns über das West-Ufer zurück zu fahren und die Fähre von Limone nach Malcesine zu nehmen. Wir fuhren im Südwesten des Gardasees an Desenzano vorbei, welches ein Geheim-Tipp des Autors ist (mit eigenem Kapitel) und landeten mit dem Navigator irgendwo außerhalb bei einem Dorf namens Limone fast bei Brescia, aber nicht am See! Es gibt also zwei Limones. Nun zog sich die Fahrt zum „echten“ Limone noch etwas hin. Wir kamen schlussendlich dort an und ich sah eine Fähre über den See in Richtung Malcesine schippern. Ich fragte den Billet-Verkäufer für die Fähre, wann die nächste fahren würde und er sagte leicht grinsend „In einem halben Jahr. Das war die letzte“.
Dieses Jahr werden wir Ende September wieder zum ciottolando con gusto nach Malcesine fahren. Diesmal werden wir uns auf Navis nicht so sehr verlassen wie im Jahre 2014 und ich werde meinem Freund, der in diesen Tagen dann auch Geburtstag hat, das Buch von Lothar Mayer über den Gardasee zur besseren Orientierung schenken!

Gardasee, das ist nach Lothar Mayer ein Kontinuum, welches sich von der Seele des Betrachters über die Natur und Geschichte bis zur herausgebildeten Kultur erstreckt. Nimmt man es wahr in seiner Selbst-Affinität, kann man es an jedem beliebigen Ort, Zeitpunkt, Menschen und Kulturpunkt erfahren und erleben, über die Wahrnehmung zum Er-leben im wahrsten Sinne des Worte - in meinem (bescheidenen) Italienisch:

Percepire e rivivere in continuazione il miracolo del lago di Garda!

 Gardasee Natur- und kulturhistorische Ausflüge.Rezension4 Von Lothar Mayer

 Erstellt: 26.08.2018 - 15:10  |  Geändert: 04.09.2018 - 17:09

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