Interview Gert Ewen Ungar 1/2. Aus Moskau. Ungeskriptet oder nicht. Journalist oder Depp-Ben Berndt.
auf YouTube (07.07.2026) 29:41
Kindheit, Ausbildung und journalistische Anfänge
Gert Even Ungar stellt sich als unter einem Pseudonym schreibender Journalist vor. Er wurde 1969 geboren und wuchs in Baden-Württemberg auf. Seine Eltern stammten aus der DDR und waren noch vor dem Mauerbau in den Westen übergesiedelt. Nach Schule, Zivildienst sowie einem Studium der Germanistik und Philosophie lebte er zunächst viele Jahre in Frankfurt am Main und später in Berlin. Dort arbeitete er etwa zehn Jahre im Bereich der Sozialpsychiatrie und Suchthilfe. Der Wunsch, Journalist zu werden, habe ihn jedoch schon früh begleitet. Da der klassische Einstieg über ein Volontariat für ihn finanziell kaum möglich gewesen sei, habe er zunächst andere berufliche Wege eingeschlagen, unter anderem als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache.
Die Friedensbewegung als politische Prägung
Sein politisches Interesse sei bereits während der Schulzeit entstanden. Ausschlaggebend seien die Proteste gegen die Stationierung amerikanischer Pershing-II-Raketen im baden-württembergischen Mutlangen gewesen. Die Demonstrationen hätten zahlreiche bekannte Persönlichkeiten der damaligen Friedensbewegung angezogen, darunter Petra Kelly, Gert Bastian und Heinrich Böll.
Die Angst vor einem möglichen Atomkrieg habe seine Jugend nachhaltig geprägt. Der Wunsch nach Frieden sei bis heute der wichtigste politische Antrieb seines Engagements geblieben.
Politische Selbstverortung
Auf die Frage nach seiner politischen Einordnung bezeichnet sich Ungar selbst als Linken. Wirtschaft müsse seiner Auffassung nach dem Menschen dienen und dürfe nicht allein den Kräften des Marktes überlassen werden. Ohne politische Steuerung führten wirtschaftliche Prozesse langfristig zu sozialer Verelendung.
Auch friedenspolitisch sehe er sich in einer linken, internationalistischen Tradition. Gleichzeitig kritisiert er, dass sich die politischen Kategorien in Deutschland zunehmend auflösten. Positionen, die früher als klassisch links gegolten hätten, würden heute häufig als rechts eingeordnet. Als Beispiel nennt er Debatten über Migration und Sozialstaat. Wer auf gesellschaftliche Zusammenhänge oder finanzielle Grenzen hinweise, werde schnell als rechts, verschwörungstheoretisch oder sogar faschistisch etikettiert. Dies sage seiner Ansicht nach mehr über den Zustand der politischen Debatte als über die Betroffenen aus.
Der Weg nach Russland
Sein Interesse an Russland sei zunächst keineswegs von Sympathie geprägt gewesen. Im Jahr 2013 habe er sich sogar an Protesten gegen das damalige russische Gesetz beteiligt, das die Werbung für gleichgeschlechtliche Partnerschaften untersagte und traditionelle Werte besonders hervorhob.
Die damals verbreiteten Berichte über massive Übergriffe auf Homosexuelle hätten ihn jedoch veranlasst, sich selbst ein Bild von der Situation zu machen. Er begann Russisch zu lernen, knüpfte Kontakte nach Russland und reiste erstmals nach Moskau.
Seine Eindrücke hätten sich deutlich von den Darstellungen unterschieden, die er zuvor aus westlichen Medien kannte. Er beschreibt eine lebendige Großstadt und kam zu dem Schluss, dass wesentliche Teile der Berichterstattung seiner Wahrnehmung nach nicht mit seinen eigenen Erfahrungen übereinstimmten.
Eindrücke von der Krim
Seine zweite größere Reise führte ihn auf die Krim. Auch dort habe er überprüfen wollen, ob die Darstellungen über die Lage nach dem Referendum mit seinen eigenen Beobachtungen übereinstimmten.
Er schildert die Krim als ruhiges und touristisch geprägtes Gebiet und berichtet von umfangreichen Investitionen und wirtschaftlichen Entwicklungen während späterer Besuche in den Jahren 2016 und 2018. Aus diesen Eindrücken leitet er seine Einschätzung ab, dass sich die Bevölkerung seiner Ansicht nach auch heute erneut für einen Anschluss an Russland entscheiden würde.
Haltung zur LGBTQ-Bewegung
Ungar spricht anschließend über seine eigene Homosexualität. Er lebt nach eigenen Angaben mit seinem Partner in Moskau. Gleichzeitig grenzt er sich deutlich von der heutigen LGBTQ-Bewegung ab.
Er vertritt die Auffassung, diese Organisationen seien keine demokratisch legitimierten Interessenvertretungen homosexueller Menschen, sondern würden staatlich gefördert und außenpolitisch genutzt, um Einfluss auf andere Länder auszuüben. Deshalb lehne er diese Form der politischen Organisation ausdrücklich ab.
Vor diesem Hintergrund bewertet er auch das Verbot der LGBTQ-Bewegung in Russland positiv. Dabei unterscheidet er ausdrücklich zwischen Homosexualität, die nach seinen Angaben in Russland nicht verboten sei, und der politischen Bewegung, die dort als extremistisch eingestuft wurde.
Kritik an Provokationsaktionen
Ein weiteres Thema des Gesprächs bildet die Aktion der Gruppe Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale. Ungar sieht darin ebenso wie bei anderen provokativen Aktionen kein geeignetes Mittel politischer Auseinandersetzung.
Er argumentiert, dass gezielte Beleidigungen religiöser Überzeugungen lediglich zu einer weiteren Verhärtung gesellschaftlicher Konflikte führten. Als vergleichbare Beispiele nennt er Koranverbrennungen oder andere symbolische Provokationen gegenüber religiösen Gemeinschaften.
Nach seiner Auffassung erzeugten solche Aktionen vor allem Polarisierung und stärkten bestehende Feindbilder, anstatt gesellschaftliche Verständigung zu fördern.
Musik als persönlicher Ausgleich
Zum Abschluss dieses Gesprächsabschnitts wendet sich das Interview einem leichteren Thema zu. Ungar berichtet über seine Vorliebe für elektronische Musik und hebt insbesondere die Bedeutung der Gruppe Kraftwerk hervor.
Er würdigt deren Einfluss auf die Entwicklung elektronischer Musik über mehrere Jahrzehnte hinweg und bezeichnet die Band als stilprägend für zahlreiche spätere Musiker und Musikrichtungen. Anschließend wird der Titel „Die Roboter“ eingespielt.