21.07.2023

Kognitive Kriegsführung & Manipulationstechniken - im Gespräch mit Dr. Jonas Tögel

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Am 10. Juli 2023 ist beim Westend Verlag ein Buch erschienen, welches sich den “neuesten Manipulationstechniken als Waffengattung der NATO” widmet. Dr. Jonas Tögel, Propagandaforscher und Amerikanist an der Universität Regensburg, arbeitet sich in diesem Buch durch die Geschichte und Entwicklung von Propaganda. Anhand historischer Beispiele zeigt er auf, wie lange die systematische Beeinflussung der Bevölkerung bereits militärisch und geopolitisch genutzt wird und wie erfolgreich und größtenteils unbekannt diese Manipulationstechniken sind.

Doch wie der Titel andeutet, geht es um viel mehr als Propaganda. Laut Tögel kann “jeder Mensch praktisch zu jeder Zeit und mit allen verfügbaren und zukünftigen Soft-Power-Waffen ins Visier geraten. Die Absicht ist die möglichst totale Manipulation seiner Gedanken, seiner Gefühle, seines Wissens, Verhaltens und seiner Weltsicht. Ein mögliches, erklärtes Ziel ist dabei nicht nur die Manipulation, sondern auch die Schädigung oder gar Zerstörung von Menschen.”

Was übertrieben alarmistisch klingt und den Eindruck erwecken könnte, selber eine angsterzeugende Propaganda zu sein, entpuppt sich als, aus offiziellen Quellen belegbare, Strategie der NATO, die zukünftig ausgeweitet und verfeinert werden soll. Tögel behandelt in seinem spannend und sachlich geschrieben Buch folgende Bereiche des sogenannten “cognitive warfare”: Kriegspropaganda, digitale Manipulation, kulturelle Manipulation und Zukunftstechnologien.

Das Wissen um diese Techniken kann helfen, Propaganda zu neutralisieren, so Tögel. Hoffnungsvoll und inspirierend klingt die Botschaft im Nachwort des Buches, in welchem der Autor sich Gedanken über den Umgang mit dieser “Kriegssituation” macht.

“Wir brauchen in Zukunft nicht noch mehr Manipulationswaffen oder Soft Power und nicht noch mehr Gewalt. Was wir brauchen, ist vielmehr ein ehrlicher, respektvoller Umgang miteinander, eine gewissenhafte Aufarbeitung von Kriegslügen, Aufklärung über Soft-Power-Techniken, sowie eine zwischenmenschliche Kommunikation auf Augenhöhe, ohne Gewalt und Manipulation. Ich hoffe, dass mein Buch dazu einen Beitrag leisten kann.”

Sprache (Ton)
Deutsch
Laufzeit
54min 12s

Erstellt: 16.08.2023 - 08:17  |  Geändert: 16.08.2025 - 07:34

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"Der Begriff Informationskrieg, kurz Infokrieg (englisch infowar oder information warfare) beschreibt moderne Konflikte, bei denen Informationen als primäres Mittel zur Erreichung strategischer Ziele eingesetzt werden. Im Kontext aktueller geopolitischer Spannungen hat sich der Informationskrieg als ein zentrales Element entwickelt, das weit über traditionelle militärische Auseinandersetzungen hinausgeht." (Wikipedia)

Mit der Entwicklung von agentenbasierten KI-Systemen und Large Language Models (LLMs) hat sich eine neue Form des Informationskrieges entwickelt: sogenannte böswillige KI-Schwärme.[13] Diese bestehen aus autonomen KI-Agenten, die sich ohne zentrale Steuerung koordinieren und menschliche Sozialdynamiken imitieren.

Im Kontext des Informationskrieges zeichnen sie sich durch folgende Merkmale aus:

  • Kognitive Kriegsführung: KI-Schwärme nutzen ihre „unermüdliche operative Ausdauer“, um sich langfristig in digitale Gemeinschaften einzubetten und dort subtil Sprache, Symbole und Identitäten zu verändern.
  • Synthetischer Konsens: Durch das zeitgleiche Agieren in verschiedenen Nischen-Communities erzeugen sie eine „Mirage“ von breitem, parteiübergreifendem Konsens (Astroturfing), um die öffentliche Meinung über wahrgenommene soziale Normen zu steuern.
  • LLM-Grooming (Datenvergiftung): Durch das massenhafte Fluten des Internets mit fabrizierten Inhalten manipulieren Schwärme gezielt die Trainingsdaten zukünftiger KI-Modelle, um bösartige Narrative fest in deren Modellgewichten zu verankern.
  • Echtzeit-Anpassung: Die Agenten reagieren autonom auf Reaktionen der Nutzer und Plattform-Algorithmen, was sie schwerer detektierbar macht als klassische, skriptbasierte Botnetze.

"Die Kognitive Kriegsführung könnte das fehlende Element sein, das den Übergang vom militärischen Sieg auf dem Schlachtfeld zum dauerhaften politischen Erfolg ermöglicht." Seit dem Jahr 2020 treibt die NATO eine neue Form der psychologischen Kriegsführung voran: die sogenannte "Kognitive Kriegsführung" ("Cognitive Warfare"), die als die "fortschrittlichste Form der Manipulation" bezeichnet wird. Diese nimmt die Psyche jedes Menschen direkt ins Visier, mit einem ganz bestimmten Ziel: unseren Verstand wie einen Computer zu "hacken".