Zeitschrift Marxistische Erneuerung Z. Nr. 145 (März 2026)
BRICS+
Editorial:
Die »regelbasierte Weltordnung« ist am Ende. Das ist nicht neu, seit dem Weltwirtschaftsforum von Davos 2026 aber offiziell. Ursache ist nicht die erpresserische Taktik der Trump-USA: Die ehemalige Supermacht hat schon immer ihre Interessen rücksichtslos durchgesetzt. Trump mag dies auf eine aggressivere Art tun als frühere US-Präsidenten, mehr aber auch nicht. Verändert hat sich die Interessenslage. Der ›Westen‹ musste realisieren, dass die Weltordnung der liberalen Märkte den Aufstieg neuer Konkurrenten aus dem Globalen Süden nicht verhindert hat. Die »ehemaligen Hinterländer des Kapitals« (Luxemburg) erkennen die Oberhoheit des Westens nicht mehr an, gehen ihre eigenen (kapitalistischen) Wege. Das wollen die ›Vorderländer‹ des Kapitals nicht akzeptieren und instrumentalisieren die Außenwirtschaftsbeziehungen zu machtpolitischen
Zwecken – dem können auch ›Freunde‹ zum Opfer fallen. Ausdruck veränderter internationaler Kräfteverhältnisse ist der politisch-ökonomische Machtzuwachs der BRICS-Gruppe, ...
... die mit der Aufnahme neuer Mitglieds- und Partnerländer als BRICS+ zur Stimme des Globalen Südens geworden ist. Schon vor zwanzig Jahren prognostizierte Stefan Schmalz in Z 67: »Durch den Aufstieg und die Kooperation der BRIC-Staaten werden bestehende Strukturen in der globalen politischen Ökonomie umgewälzt.«
Die Einschätzung von BRICS ist in der marxistischen Linken umstritten. Jule Kettelhoit und Jörg Goldberg kommen zu dem Ergebnis, dass BRICS+ weder ein »Gegenpol« zum Westen noch ein »subimperialistisches« Gebilde ist, das die bestehende Weltordnung akzeptiert. Die Attraktivität von BRICS beruhe wesentlich auf seiner Rolle als Kooperationsplattform, die es bislang marginalisierten Ländern erlaubt, ihre entwicklungspolitischen Spielräume zu erweitern und Erfahrungen auszutauschen. BRICS vergrößert die Autonomie der Länder des Globalen Südens, was impliziert, dass die Staatengruppe keine hegemoniale Struktur sein kann. [Auszug aus dem Editorial]
Kommentare:
Vincent Cziesla zur Finanlage der Kommunen - Klaus Dräger zu BRICS, Israel und dem Gaza-Krieg - Frank Deppe zum "Realismus" von Herfried Münkler
BRICS+
Jörg Goldberg Jule Kettelhoit
BRICS+ im kapitalistischen Weltsystem
Spätestens mit der Erweiterung der BRICS-Gruppe, ursprünglich eine Gruppe von Schwellenländern1, um sechs weitere Staaten zu BRICS+ hat sich das Staatenbündnis als Stimme des Globalen Südens etabliert. »Die Bildung von BRICS ist einer der Hauptzüge der Globalisierung im 21. Jahrhundert«, schreibt Ana Garcia (2025) ...
Joachim Becker
Von der Dollar-Hegemonie zum fragmentierten internationalen Finanzsystem: Die Rolle der BRICS-Gruppe
Der US-Dollar erfülle nicht mehr die Bedingungen für eine hegemoniale Währung – so lautet die These von Michel Aglietta, Guo Bai und Camille Macaire (2022: 68). Eine hegemoniale Währung müsse als sicheres Aktivum anerkannt werden und Finanzströme flüssig halten. Angesichts der geopolitischen Sanktionspolitik der USA würden beide Bedingungen nicht mehr gelten ...
Frédéric Boccara
BRICS: Ein Kampf, der geführt werden muss
Die Globalisierung von heute bringt den Völkern Leiden und beschädigt den Planeten, befördert Ungleichheit und gesellschaftliche Polarisierung, erzeugt Monopole, wirtschaftliche und militärische Konflikte. Brasilien, Indien, Russland, China und Südafrika haben die BRICS-Gruppe im Kontext des aktuellen Globalisierungsprozesses gegründet ...
Meenakshi Sundriyal
Auf dem Weg zu einer Ästhetik der BRICS
Auf den ersten Blick mag der Vergleich gewagt erscheinen, doch im Nachdenken über die BRICS-Gruppe drängt sich der Verweis auf jene »chinesische Enzyklopädie« auf, die der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges in seinem Essay »Analytical Language of John Wilkins» (1952) als fiktiven Intertext einführt (Borges 1952) ...
Wolfgang Müller
China und die BRICS als informeller Zusammenschluss
2026 wird sich die Entwicklung zu einer multipolaren Welt fortsetzen. In dieser Welt werden die USA und China sowie Russland und Indien die wichtigsten Akteure sein. Jede dieser großen Mächte wird sich dabei in erster Linie auf die eigene Entwicklung, auf die eigenen Interessen konzentrieren. Gleichzeitig sind die USA und Russland dabei, ihr geografisches Umfeld mit militärischen Mitteln nach ihren Interessen zu gestalten ...
Radhika Desai
Modis Indien – noch ein BRICS-Land?
In den letzten Jahren wurde Indien vor allem in den alternativen Medien als eines der wichtigsten, wenn nicht sogar als das wichtigste BRICS-Land betrachtet, und zwar aus zwei Gründen. Erstens machen die Wachstumsraten Schlagzeilen. Indien sei die »am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft« der Welt, vor China ...
Felix Jaitner
Ein Fenster nach Osten? - Die BRICS im Spiegel der russischen Außenpolitik
Sind die BRICS das Bündnis der aufstrebenden Staaten in einer künftigen multipolaren Welt oder bloß ein zahnloser Papiertiger? Über diese Frage stritt das politische Moskau im Sommer 2025. Auslöser der Kontroverse waren die Angriffe Israels und der USA auf den Iran im Juni desselben Jahres. Wenn das ...
Luiz Augusto E. Faria
Brasilien und die BRICS: eine neue Welt im Aufbau?
2009 versammelten sich Brasilien, China, Indien und das gastgebende Russland in Jektarinenburg zum ersten Mal. Sie suchten eine Verbindung zu entwickeln, die fähig wäre, einen Wandel der internationalen Wirtschaftsordnung, auf die sie damals wenig Einflussmöglichkeiten hatten, zu bewirken. Letztlich befanden sich alle in einer peripheren und untergeordneten Rolle im Weltsystem, das auf die USA und deren westliche Verbündete zentriert war ...
Reichtum und Armut
Christoph Butterwegge
Kritisches zur Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung
Bis zur Jahrtausendwende weigerte sich die Bundesregierung strikt, Armut in Deutschland als gesellschaftliche Realität anzuerkennen. Deshalb suchten Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften und Kirchen, dieses Phänomen damals – so gut es ging – selbst zu dokumentieren. Im Februar 1994 erschien der erste Armutsbericht des DGB, der Hans-Böcklertiftung und des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, im November 2000 der mit über 600 Seiten noch umfangreichere zweite ...
Jürgen Reusch
Klassenkampf ums Rentenkonzept
Spätestens seit 1990 befinden sich die Renten im Verhältnis zu den Arbeitslöhnen in einem permanenten Sinkflug – von 55% des Nettoeinkommens 1990 bis zu mageren 48% heute. Die politischen Signale weisen auf weitere Kürzungen hin. Auf welche Weise genau, darüber berät die im Dezember von der Bundesregierung berufene Rentenkommission ...
Weitere Beiträge
Jörg Zimmermann
Kaschmir, Indus und die Konkurrenz um das Wasser -Zum Konflikt zwischen dem BRICS-Mitglied Indien und dem BRICS-Aspiranten Pakistan
Ein Attentat in Kaschmir – 5.300 km von hier – im April 2025 mit 26 Toten – vier Tage Raketen-, Luft- und Drohnenangriffe – die Aufkündigung eines langjährigen Staatsvertrags – ein Trommelfeuer rassistischer und/oder militaristischer Internet-(Fake-)News und Messages – und schon ist das politische Verhältnis zwischen Indien und Pakistan auf einem erneuten – feindlich gesinnten – Tiefpunkt ...
Gerhard Weiß
Eine neue antikapitalistische Linke in den USA?
Im Klappentext des hier anzuzeigenden Buches1 wird Lukas Hermsmeier als Autor (geb. 1988) vorgestellt, der u. a. für Zeit Online, die taz, den Tagesspiegel, die New York Times und The Nation schreibt sowie für die Zeitschrift analyse und kritik. Aus der Auswertung von Zeitschriften und neueren Buchveröffentlichungen sowie Erleben und Beobachten von Aktivitäten erstellt er ein Panorama linker Opposition in den USA in den ersten beiden Jahrzehnten des 21 ...
Mario Candeias
90 Jahre Volksfront in Frankreich – Linksverschiebung oder Anpassung an den Liberalismus?
Zunehmende Faschisierung und blockierte Transformation fordern die gesellschaftliche Linke heraus zu Debatten um wichtige strategische Reorientierungen. Ganz grob lassen sich drei Debattenstränge um die richtige Strategie der gesellschaftlichen und parteiförmigen Linken fassen ...
Damian Moosbrugger
Boris Hessen (1893–1936) über die Entstehung der Klassischen Mechanik
(I) Zur Verbindung von Ökonomie, Technologie und Wissenschaft
Eine wachsende Skepsis gegenüber den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen und Technologien tritt heute verstärkt an die mediale Oberfläche. Aktuelle Auslöser mögen z. B. Erfahrungen mit der Corona-Pandemie oder mit Künstlicher Intelligenz sein. Die Bekräftigung des unabhängigen Wahrheitsgehalts oder das Versprechen zukünftigen materiellen Wohlstands und potenziell unbegrenzter Möglichkeiten bilden noch immer das Standardrepertoire für liberale Antworten auf solche Infragestellung ...
Georg Fülberth
Bündnis auf Zeit - Karl Kraus und Wilhelm Liebknecht 1899/1900
Der 125. Todestag Wilhelm Liebknechts am 7. August 2025 und sein 200. Geburtstag am 29. März 2026 mögen Anlass geben zur Erinnerung an ein Bündnis, das er in seinem letzten Lebensjahr mit dem 25-jährigen Herausgeber der »Fackel«, Karl Kraus, schloss. Im Kampf zwischen liberaler Demokratie und autoritärer ...
Diskussion/Kritik/Zuschriften
Joachim Schubert
Ausbildung im Kapitalismus: Zu Sophia Autenrieth/Jonas Schwabedissen, Z 144
Zeitschriftenschau/Aktuelle Debatten
Marcel Kunzmann - Klaus Dräger - Michael Zander - Lena Reichardt - Bafta Sarbo
Zeitschriftenschau/Aktuelle Debatten
Marcel Kunzmann zu „Science & Society“: Kubanische Wirtschaft – jenseits von Plan und Markt?; Klaus Dräger zu „New Left Review“: Das Milei-Phänomen; Michael Zander zu „Tagebuch“: „Letzte Hoffnung China“; Lena Reichardt zu „feministische studien“: Artikulationen von Klasse und Geschlecht; Bafta Sarbo zu „PERIPHERIE“: Rassismus und Kapitalismus
Berichte
Sören Horn
»Eine Sackgasse der sozialen Evolution«
Tagung der Peter Hacks Gesellschaft, 31. Oktober bis 1. November 2025, Berlin
Franziska Hildebrandt
»Widerstand gegen Kriege und Kriegsvorbereitungen – Strategien der Friedensbewegung«
32. Friedensratschlag, 08./09. November 2025, Kassel
Leo Grams
»Ungehorsam jetzt«
Konferenz gegen Krieg, Sozialabbau und Rechtsentwicklung, 6. Dezember 2025, Nürnberg
Erik Ufimzew
Dem Wahnsinn ein Ende setzen! – Aber wie?
31. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz, Berlin, 10. Januar 2026
Lars Schwickerath
»Marxismus in der wissenschaftlichen Lehre: Zwischen Marginalisierung und der Frage des Globalen«
Workshop an der Universität zu Köln, 15./16. Januar 2026
Buchbesprechungen
André Leisewitz
Engels zur Ur- und Frühgeschichte
Martin Kuckenburg: Friedrich Engels‘ ‚Ursprung der Familie‘ – 137 Jahre danach, Books on Demand, Norderstedt 2021, 144 S., 12,99 Euro; ders., Friedrich Engels‘ Frühgeschichte und die moderne Archäologie, Books on Demand, Norderstedt 2022, 208 S., 14,99 Euro (= Studien zu Friedrich Engels‘ Schrift ‚Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats‘ – Teilband 1 und 2).
Konrad Lotter
Technikgeschichte oder Technikphilosophie?
Ronald D. Gerste: Wie Technik Geschichte macht. Von Gutenberg bis zum Smartphone, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2025, 301 S., geb., 24,- Euro.
Ronald Friedmann
Zwei Leben für die Befreiung
Henning Fischer u. a.: Zwei Leben für die Befreiung. Aufbrüche und Niederlagen. Zwischen Revolution und Inferno. Galerie der abseitigen Künste, Hamburg 2025, 1414 S. (2 Bände), 59,00 Euro.
Anke Geißler-Grünberg
Jüdinnen und Juden in der internationalen Linken
Riccardo Altieri, Bernd Hüttner, Florian Weis (Hrsg.): Erinnerungen an eine emanzipatorische Allianz. Jüdinnen und Juden in der internationalen Linken, Bd. 5 (= luxemburg beiträge Nr. 27), Berlin 2025, 160 S.
Ulrich van der Heyden
Neue Sichten, neue Einsichten zur DDR?
Sandra Matthäus (Hrsg.): Der andere Blick auf »den Osten«. Zum Paradigmenwechsel in der Ostdeutschlandforschung, Transcript Verlag, Bielefeld 2025, 282 S., 29,50 Euro.
Viola Schubert-Lehnhardt
Die DDR lässt keine los
Annette Schuhmann: Wir sind anders! Wie die DDR Frauen bis heute prägt. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2025, 363 S., 28,00 Euro.
Jörg Goldberg
Die Transformation des Bodens
Isabel Feichtner: Bodenschätze. Über Verwertung und Vergesellschaftung. Hamburger Edition, Hamburg 2025, 302 S., 15 Euro.
Jürgen Leibiger
Grübeln über das Wesen des Geldes
Klaus Müller: Geldtheorien vom Altertum bis zur Neuzeit. Verlag De Gruyter. Berlin/Boston 2025, 434 S., 109,95 Euro.
Klaus Müller
Abkopplung vom US-Dollar?
Kenneth Rogoff: OUR DOLLAR, YOUR PROBLEM. Aufstieg und Fall des Dollars und was Instabilität für uns und die globalen Finanzmärkte bedeutet. Finanzbuch Verlag München 2025, 384 S., 25,00 Euro.
Joachim Schubert
Sollte in keinem Betriebsratsbüro fehlen
Hans-Jürgen Urban (Hrsg.): Arbeit Klima Transformation, VSA-Verlag, Hamburg 2025, 160 S., 12,00 Euro.
Stefan Bollinger
Faschismus vor den Toren – oder längst daheim?!
Carolin Amlinger/Oliver Nachtwey: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus. Suhrkamp Verlag Berlin 2025, 453 S., 30,00 Euro.
