Canto Genereal - Kerninhalt und Struktur
Neruda unternimmt darin den Versuch, die gesamte Geschichte und Natur Amerikas (mit Fokus auf Lateinamerika) aus einer dezidiert marxistischen und antikolonialen Perspektive zu erzählen.
- Die Natur: Er beschreibt die Entstehung der Landschaften, die Flora und Fauna des Kontinents.
- Die Geschichte: Er spannt den Bogen von der präkolumbianischen Zeit über die blutige spanische Eroberung (Conquista) und die Befreiungskämpfe bis hin zur zeitgenössischen Unterdrückung durch Diktatoren und US-Konzerne.
- Bekanntester Teil: Der zweite Abschnitt, "Alturas de Macchu Picchu" (Die Höhen von Macchu Picchu), gilt als literarischer Höhepunkt. Neruda reflektiert darin über die Leistungen der Inka-Zivilisation und das Leid der namenlosen Arbeiter, die sie erbauten.
Politische Einordnung
Das Werk entstand in einer Zeit, in der Neruda aufgrund seines Engagements für die Kommunistische Partei Chiles politisch verfolgt wurde. Es ist daher nicht nur Lyrik, sondern auch ein politisches Manifest, das zur Solidarität der Arbeiter und zur Befreiung vom Imperialismus aufruft.
Kulturelle Bedeutung (Vertonung)
Besonders bekannt im deutschsprachigen Raum ist die Vertonung durch den griechischen Komponisten Mikis Theodorakis (1970er Jahre). Das Oratorium für zwei Solostimmen, Chor und Orchester wurde zu einer Hymne des Widerstands gegen die Militärdiktaturen in Chile und Griechenland.
XII. Gesang aus "Alturas de Macchu Picchu" (Die Höhen von Macchu Picchu)
„Steig herauf, mit mir geboren, Bruder.
Reich mir die Hand aus der tiefen Zone
deines im Schmerz weitverstreuten Blutes.
Nicht kehren zurück aus der Tiefe der Felsen.
Nicht kehren zurück aus der Zeit der Erde.
Nicht kehren zurück deine steinerne Stimme.
Nicht kehren zurück deine durchbohrten Augen.
Schau mich an aus der Tiefe der Erde,
Bauer, Weber, schweigsamer Hirte:
Zähmer der heiligen Guanakos:
Maurer des schwindelnden Baugerüsts:
Träger des andinen Wassers:
Ackermann mit den zerriebenen Fingern:
Sämann, im Samen zitternd:
Töpfer, in deinen Ton vergossen:
bringt zum Becher dieses neuen Lebens
eure alten begrabenen Leiden.
Zeigt mir euer Blut und eure Furche,
sagt mir: hier wurde ich gestraft,
weil das Juwel nicht glänzte oder die Erde
das Getreide oder den Stein nicht zur rechten Zeit hergab:
bezeichnet mir den Stein, auf den ihr fielet,
und den Pfahl, an den man euch kreuzigte,
entzündet mir die alten Splitter,
die Peitschen, die an euch hängen blieben
durch die Jahrhunderte hindurch, und leuchtet
an die Wunden, die glühen wie Krebse.
Ich komme zu sprechen für euren toten Mund.
Überall auf der Erde vereint alle
die schweigenden verstreuten Lippen
und sprecht zu mir aus der Tiefe, diese ganze Nacht,
als wäre ich mit euch verankert,
erzählt mir alles, Kette um Kette,
Glied um Glied und Schritt um Schritt,
schärft die Messer, die ihr aufbewahrt habt,
legt sie in meine Brust und in meine Hand,
wie ein Fluss aus begrabenen Strahlen,
wie ein Fluss aus aufrührerischen Tigern,
und lasst mich weinen, Stunden, Tage, Jahre,
blinde Zeitalter, stellvertretende Epochen.
Gebt mir das Schweigen, das Wasser, die Hoffnung.
Gebt mir den Kampf, das Eisen, die Vulkane.
Hängt euch an meinen Leib wie Magnete.
Eilt in meine Adern und in meinen Mund.
Sprecht durch meine Worte und mein Blut.“