Lea Dittrich: Die Dinge, über die wir schweigen. Rezension von Maura

Rezension
Lea Dittrich: Die Dinge, über die wir schweigen     Südpol-Verlag     978-3943086560     14,90€


"Deine Mutter ist bei deiner Geburt gestorben." Das ist das Einzige, was Mimi als Antwort von ihrem Vater erhält, wenn sie ihn nach der Mutter fragt. Ein Vater, der sich so gut er kann um sie kümmert und sie abgöttisch liebt. Aber wie kommt, dass sie Erinnerungen an die Mutter hat, von ihr träumt, kleine Erinnungsfetzen aus den Augen eines Kleinkinds? Und wieso existieren keine Bilder von Mimis Mutter, keine Erinnungsstücke und kein Grab, das sie besuchen könnte?
Mimi begibt sich auf die Suche, stellt jeder Frau nach, die auch nur ansatzweise aussieht wie ihre Mutter aussehen könnte. Sie klaut, verfolgt die möglichen Mütter quer durch die Stadt, schießt Fotos, stiehlt Pässe. Zuhause besitzt sie eine ganze Sammlung.
Eines Tages kommt eine Postkarte ihres Onkels, dem Bruder ihrer Mutter. Er ist der einzige Verwandte, den Mimi kennt. Allerdings hatten sie über 10 Jahren keinen Kontakt, aber Mimi denkt, dass er der einzige ist, von dem sie etwas über ihre Mutter erfahren kann, bzw. dass der Onkel vielleicht endlich das Schweigen ihres Vaters aufzudecken vermag. Sie beschließt (ohne es ihrem Vater zu sagen) allein nach Berlin aufzubrechen. Niemand weiß Bescheid außer Finn, der Junge aus der Parallelklasse mit dem es irgendwie kompliziert ist, der Mimis Herz ganz schön verwirrt.

Zu Beginn war ich fassungslos, dass ein Mädchen so verzweifelt sein kann, Frauen nachzustellen und sie zu beklauen. Aber gerade dadurch wird das Bedürfnis nach Wahrheit deutlich. Mimi will die Wahrheit um jeden Preis und dafür belügt sie auch ihren Vater, der alles für sie geben würde. Die beiden lieben sich und sind für sich eigentlich die perfekte Familie.
Diese Beziehung wie auch alles nicht Anfassbare, das Chaos in Mimi, das unerträgliche Schweigen, das Verlangen nach Wahrheit, Enttäuschung, schafft die Autorin mithilfe von Sprache an den Leser zu transportieren. Es ist eine Sprache, die relativ einfach ist, die aber Emotionen umso besser transportiert. Man versetzt sich ungewollt in Mimis Rolle und fiebert dem Ausgang des abenteuerlichen Beschlusses nach Berlin zu reisen entgegen. Zusätzlich schafft es Lea Dittrich noch ein Thema anzuschneiden, für die Handlung eigentlich irrelevant ist, dem Buch aber einen Extracharme gibt: Mimis Onkel hat das Tourette-Syndrom. Er wird so authentisch und gar nicht übertrieben charakterisiert, ganz nebenbei, so als ob das gar nicht relevant sei. Insgesamt strahlen alle Figuren eine starke Persönlichkeit aus. Das Buch ist meiner Meinung nach schon für Mädchen ab 12 geeignet, aber genauso für ältere.

Die Dinge, über die wir schweigen. Roman von Lea Dittrich

 

 

 

Erstellt: 14.11.2018 - 17:04  |  Geändert: 14.11.2018 - 17:04

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