Oliver Scherz und Peter Schössow: Keiner hält Don Carlo auf. Buchempfehlung von Britta Kiersch

Keiner hält Don Carlo auf. Von Oliver Scherz und Peter SchössowRezension
Oliver Scherz und Peter Schössow: Keiner hält Don Carlo auf      Thienemann      978-3-522-18395-6      9,99 €

„Wie komm ich von hier nach Palermo?“ frag ich. Hinterm Schalter im Bahnhof sitzt eine Frau. Die tippt was in ihren Computer. Ich knibbel aufgeregt an meiner Geldrolle rum. „Die nächste Möglichkeit wäre um 14 Uhr 49 nach München, Gleis drei. Dann umsteigen in den Nachtzug nach Rom. Der ist morgen früh um 9 Uhr 25 da. Eine Stunde später Abfahrt nach Palermo. Ankunft in Palermo Sonntagnacht um 23 Uhr“, sagt die Schalterfrau. Erst Sonntagnacht in Palermo? Wieso dauert das so lange? Da bin ich ja nie am Montag zum Frühstück wieder hier!

„Hier“ ist Bochum, wo der 11-jährige Carlo mit seiner Mutter lebt. In Palermo will Carlo seinen italienischen Vater besuchen. Er will ihn davon überzeugen, dass er auf jeden Fall wieder mit zurück nach Bochum kommt, um sich mit Carlos Mutter zu vertragen. Seit fünf Monaten, zwei Wochen und sechs Tagen schon vermisst Carlo seinen Vater und kann es einfach nicht länger aushalten. Deshalb hat er diesen wagemutigen und nicht ganz ausgereiften Plan allein nach Palermo zu reisen. Eigentlich ist ihm das alles total unheimlich und immer wieder verlässt ihn fast der Mut. Zumal er auch in sehr schwierige und beängstigende Situationen gerät.

Es geht schon am Schalter damit los, dass sein Geld gar nicht reicht und er ohne Fahrkarte in den Zug steigt, ein glücklicher Zufall und ein freundlicher Hund retten ihn, als der Schaffner Carlos Fahrkarte kontrollieren will. Im Nachtzug ist es eine nette alte Dame, die ihn in ihrem Abteil versteckt und ihm mit einem raffinierten Trick hilft, seinen konfiszierten Koffer zurück zu bekommen. Und so geht Carlos Reise weiter: Hilfsbereite Menschen gleichen die Bosheit anderer aus, das Schicksal ist dem Jungen gnädig und er kann seine Reise fortsetzen.

Über den Ausgang hülle ich mich in Schweigen, nur über die Qualitäten dieses Buches möchte ich mich noch äußern. Die Illustrationen von Peter Schössow (seine Mitarbeit ist Grund genug, das Buch genauer zu studieren) sind atmosphärisch bestens auf den Text zugeschnitten. Sie verdeutlichen ganz genau Carlos Ängste, das Gefühl auf sich allein gestellt zu sein, die Ungewissheit über den Verlauf und den Ausgang seines Abenteuers. Die eingestreuten Miniaturen von Carlo geben immer einen Hinweis darauf, wie die Geschichte weitergeht und wie Carlo sich dabei fühlt oder was er denkt.

Der Text von Oliver Scherz steckt voller Elan, er erzählt Carlos Abenteuer in flottem Tempo ohne Atempause. Das ist stimmig, teilweise sehr lustig und macht einfach riesigen Spaß, weil auch seine unverhofften Wendungen sehr überzeugend konstruiert sind. Besonders gut gefällt mir, dass der Autor kein schnulziges Happy End erdacht sondern eine Lösung ans Ende gestellt hat, die plausibel einen Weg aus der unglücklichen Situation des Jungen aufzeigt. Eines Jungen, der den Mut aufbringt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Diese Buch ist d e r Tipp schlechthin für (natürlich nicht nur) all die Buben, die noch nicht so gern und vor allem keine dicken Bücher lesen.

Von Britta Kiersch

Oliver Scherz und Peter Schössow: Keiner hält Don Carlo auf

 

Erstellt: 07.09.2015 - 09:48  |  Geändert: 07.09.2015 - 09:48

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