"Dann gibt es nur eins. Sag nein."
Eine zeitgenössische Adaption von Wolfgang Borcherts Manifest
"Dann gibt es nur eins!" (1947) — verbunden mit Christian
Morgensterns "Stell dich mitten in den Regen".
Zwischen Wachheit und Vertrauen, zwischen Widerstand und Hingabe.
Text:
Morgen. Morgen befehlen sie.
Dann gibt es nur eins.
Du Mann an der Maschine, du Frau im Büro —
wenn sie dir morgen befehlen,
du sollst Drohnen bauen statt Wasserrohre,
Zielsoftware schreiben statt Briefe —
dann gibt es nur eins.
Sag nein.
Du Programmierer, du Beamter am Schalter,
du Journalist mit dem scharfen Stift —
wenn sie dir morgen befehlen,
du sollst den Feind erfinden,
Code gegen Menschen, Paragraph gegen Flüchtling,
Schlagzeile gegen Wahrheit —
dann gibt es nur eins.
Sag nein.
Du Richter im Talar, du Arzt in Weiß,
du Lehrerin vor Kindern, Pfarrer am Altar —
wenn sie dir morgen befehlen,
du sollst Urteile sprechen für den Krieg,
Wunden flicken fürs nächste Gefecht,
Gehorsam predigen statt Gewissen —
dann gibt es nur eins.
Sag nein.
Du Mutter in Bochum, du Mutter in Kiew,
du Mutter in Moskau, du Mutter in Gaza —
wenn sie euch morgen befehlen,
ihr sollt Söhne gebären für Schützengräben,
Töchter für Lazarette,
Kinder für Uniformen —
dann gibt es nur eins.
Sagt nein.
Denn wenn ihr nicht nein sagt —
wenn ihr alle nicht nein sagt,
dann kommt der Tag,
an dem die letzte Stadt kein Licht mehr kennt,
an dem das letzte Wort in einem Bunker verhallt,
an dem der Mensch sein eigenes Werk
nicht mehr unterscheiden kann vom Ende.
Und dann gibt es nur eins.
Sag nein.
Sag nein.
Stell dich mitten in den Regen.
Stell dich mitten in den Wind.
Glaub an seinen Tropfen Segen.
Glaub an ihn und sei ein Kind.
Lass dich nur vom warmen Schauer
in das Herz der Welten ein.
Geh hinaus.
Sag nein.
Versuche gut zu sein.
Sag nein.
Versuche gut zu sein.
—
Nach Wolfgang Borchert (1921–1947) und Christian Morgenstern (1871–1914).