BiennaleChannel (Medienpräsenz)

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In diesem Video diskutiert Alexander Kluge mit Gästen über Sergej Eisensteins ambitioniertes Vorhaben, Karl Marx’ Das Kapital zu verfilmen, sowie über die Verbindung zwischen Filmtheorie, Literatur (James Joyce) und Ökonomie.

Zeitmarken

Eisensteins Projekt: „Das Kapital“ als Film

  • Der Ursprung: Am 12. Oktober 1927, unmittelbar nach Abschluss der Dreharbeiten zu Oktober, fasste Eisenstein den Entschluss, Das Kapital nach dem Szenarium von Marx zu verfilmen [00:00].
  • Der Zustand der Erschöpfung: Während er Oktober schnitt – unter Zeitdruck und medikamentöser Aufputschung – erblindete Eisenstein zeitweise vor Erschöpfung. In diesem Zustand der totalen Verausgabung entwickelte er die Vision für einen Film, den es so noch nicht gab [02:12], [03:36].
  • Die Methode: Eisenstein wollte nicht die Handlung des Buches abfilmen, sondern die Abstraktion und die „Logik des Kapitals“ in Bilder übersetzen. Er wollte einen Tag im Leben eines Menschen nehmen und darin die gesamte Menschheitsgeschichte und ökonomische Theorie „hineinpressen“ [08:48].

Die Verbindung zu James Joyce

  • Begegnung in Paris: 1929 traf Eisenstein in Paris auf den fast blinden James Joyce [05:44].
  • Ulysses als Vorbild: Eisenstein war fasziniert von Joyce’ Roman Ulysses. Er sah darin die einzige literarische Entsprechung zu seinen filmischen Plänen. Joyce wiederum war der Meinung, dass nur Eisenstein oder Walter Ruttmann fähig wären, Ulysses zu verfilmen [04:27], [08:23].
  • Sprachgewalt: Eisenstein führte seine Tagebücher oft in einem Mix aus Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch, je nachdem, welches Wort am besten passte [05:08].

Ökonomie und Darstellungsprobleme

  • Abstraktionsstufen des Geldes: Im Gespräch wird die Schwierigkeit erörtert, moderne Ökonomie darzustellen – vom Hartgeld über Papiergeld bis hin zum elektronischen Geld, das nur noch ein elektrischer Impuls ist [18:20].
  • Die Perspektive des Kapitals: Das Buch Das Kapital wird so interpretiert, dass es die Welt aus der Sicht des Geldes erklärt: „Wenn das Geld denken könnte, wie würde es sich erklären?“ [03:01:19].
  • Fehlende Perspektive: Es wird angemerkt, dass bei Marx oft die Perspektive der „lebendigen Arbeit“ und der Produktivkräfte zu kurz kommt, da er primär die Logik des Kapitals analysiert [03:00:04], [03:01:41].

Das „Zweite Buch“ (Metapher der Mormonen)

  • Ein interessanter Exkurs vergleicht die Marx-Exegese mit dem Glauben der Mormonen: Wie ein zweiter Nagel ein Brett festmacht, diente der Marxismus-Leninismus lange als „zweiter Nagel“ für Marx’ Originalschriften. Nachdem dieser Nagel entfernt wurde, beginnt sich das Verständnis von Marx wieder frei in alle Richtungen zu drehen [02:59:09].