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Analyse des Genozids in Guatemala und der US-amerikanischen Beteiligung
Genozid 1960–1996

Zusammenfassung

Dieses Briefing-Dokument fasst die zentralen Erkenntnisse über den systematischen Genozid an der indigenen Maya-Bevölkerung in Guatemala zusammen, der insbesondere in den frühen 1980er Jahren seinen Höhepunkt erreichte. Die Gräueltaten, die von der guatemaltekischen Armee im Auftrag einer wohlhabenden Oligarchie verübt wurden, umfassten über 400 separate Massaker mit schätzungsweise 100.000 Todesopfern. Laut der guatemaltekischen Wahrheitskommission sind 95 % dieser Todesfälle der Armee und den von ihr kontrollierten Bürgerwehren zuzuschreiben.

zur Guatemala-Seite  Foto: Pixabay

The Secret Genocide Funded By The USA
1999 | Journeyman Pictures (16.05.2012)

Eine entscheidende Rolle spielten die Vereinigten Staaten, die als "Schöpfer der Tötungsmaschine" bezeichnet werden. Ab den 1950er Jahren bauten die USA die guatemaltekische Armee und deren Geheimdienste auf, finanzierten sie und bildeten sie in Taktiken der Aufstandsbekämpfung, Überwachung, Vernehmung und Ermordung aus. Während des Kalten Krieges leugnete die Reagan-Reg

ierung die Massaker öffentlich oder schob die Schuld auf linke Guerillas, um ihre antikommunistische Agenda in Mittelamerika zu verfolgen. Deklassifizierte Dokumente belegen jedoch, dass die US-Regierung über das wahre Ausmaß der Gewalt informiert war.

Forensische Anthropologen, angeführt von Experten wie Dr. Clyde Snow und seinem guatemaltekischen Team, spielen eine zentrale Rolle bei der Aufdeckung der Wahrheit. Durch die Exhumierung von Massengräbern sichern sie unwiderlegbare wissenschaftliche Beweise für die Verbrechen und schaffen eine Grundlage, um historischem Revisionismus entgegenzuwirken. Trotz dieser Bemühungen herrscht bis heute weitgehende Straflosigkeit für die Täter. Die Ermordung von Bischof Juan Gerardi, nachdem er die Verantwortlichen benannte, unterstreicht die Gefahren der Wahrheitsfindung. Das Erbe des Konflikts manifestiert sich in der anhaltenden Armut und Vernachlässigung der Maya-Gemeinden.

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1. Der Genozid an der Maya-Bevölkerung

Kontext und Täter

Obwohl Guatemala seit dem Ende eines 36-jährigen Guerilla-Aufstands in Frieden lebt, war das Land in den frühen 1980er Jahren Schauplatz eines der schlimmsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts in der westlichen Hemisphäre. Ab Ende 1981 ging die guatemaltekische Armee, die als die schlagkräftigste der Region galt, mit äußerster Brutalität gegen die indigene Maya-Bevölkerung in der nordwestlichen Hochlandprovinz Kiché vor. Offizielles Ziel war die Zerschlagung der letzten Hochburg einer etwa 3.000 Mann starken Guerillatruppe. Die Operationen eskalierten jedoch zu einem systematischen Feldzug gegen die Zivilbevölkerung.

Die guatemaltekische Wahrheitskommission kam zu dem Schluss, dass die Armee und von ihr bewaffnete Bürgerwehren für 95 % der rund 100.000 Todesopfer verantwortlich sind. Der Vorsitzende der Kommission, ein deutscher Jurist, bezeichnete die Taten unmissverständlich als Genozid.

Ausmaß und Methoden der Gräueltaten

Die Kommission dokumentierte detaillierte Berichte über mehr als 400 separate Massaker im westlichen Hochland. Berichte von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und der Kirche sprachen schon damals von Massakern an Zivilisten, Vergewaltigungen, Folter und dem Niederbrennen ganzer Dörfer.

Ein Augenzeuge beschrieb die Brutalität der Armee mit den Worten: "Die Indianer werden massakriert. Sie werden in Stücke gehackt, als ob die Armee sie als Tiere betrachten würde."

Die forensischen Untersuchungen bestätigen die Zeugenaussagen. Die Opfer wurden gezielt und methodisch getötet, oft durch:

  • Exekutionen: Kopfschüsse aus nächster Nähe.
  • Macheten-Angriffe: Schnittwunden, insbesondere im Halsbereich.

Bei den Opfern handelte es sich überwiegend um unbewaffnete Zivilisten, darunter alte Männer, Frauen und kleine Kinder.

Fallbeispiel: Das Massaker von Xulac (Februar/März 1982)

Am 28. Februar 1982 traf die Armee im Dorf Xulac ein. Überlebende wie Andres, Miguel und Salvador beobachteten aus den umliegenden Hügeln, wie die Soldaten von Haus zu Haus gingen, die Bewohner zusammentrieben – einschließlich Frauen und Kinder – und sie auf einen Pfad in Richtung eines Maisfeldes führten.

Zwei Tage später fanden die Überlebenden die Leichen ihrer Familien. Andres begrub seine Frau, seine beiden Kinder im Alter von vier und fünf Jahren sowie seinen Schwiegervater. Jahre später helfen Männer wie Baltazar den forensischen Teams, die Gräber wiederzufinden, in denen sie ihre Angehörigen bestattet haben.

2. Forensische Beweissicherung und Aufarbeitung

Die Arbeit forensischer Anthropologen ist entscheidend, um die Verbrechen wissenschaftlich zu belegen und den Opfern ihre Identität zurückzugeben.

Die Rolle von Dr. Clyde Snow und der Stiftung für Forensische Anthropologie

Dr. Clyde Snow, ein amerikanischer forensischer Anthropologe, begann vor über einem Jahrzehnt, ein Team junger guatemaltekischer Studenten auszubilden. Dieses Team, das heute die Stiftung für Forensische Anthropologie unter der Leitung von Freddy Peccerelli bildet, gehört mittlerweile zu den weltweit führenden Experten für die Exhumierung von Massengräbern. Dr. Snow beschreibt das Ziel seiner Arbeit so: "Ich möchte, dass die Teams ein Gefühl der Unabhängigkeit und das Selbstvertrauen entwickeln, das sie brauchen, um auf eigenen Beinen zu stehen."

Die Exhumierung von Massengräbern

Die Arbeit vor Ort ist mühsam und grausam. In einem Maisfeld bei Xulac legte das Team mehrere Gräber frei, in denen Dutzende Skelette gefunden wurden. Der Prozess umfasst:

  1. Sorgfältige Freilegung: Die reiche Vulkanerde wird vorsichtig von den Knochen entfernt.
  2. Dokumentation: Jede Leiche wird in situ fotografiert.
  3. Sicherung: Jeder Knochen wird akribisch in Tüten verpackt, beschriftet und zur weiteren Analyse in ein Labor in Guatemala-Stadt gebracht.

Die Funde liefern konkrete Beweise. So konnten bei den Exhumierungen Kugeln von israelischen Sturmgewehren sichergestellt werden, die ausschließlich von der guatemaltekischen Armee verwendet wurden.

Bedeutung der forensischen Arbeit

Die forensische Arbeit hat einen doppelten Zweck:

  • Wissenschaftliche Beweisführung: Sie schafft eine unangreifbare Beweislage. Wie Dr. Snow es ausdrückt: "Wir nehmen die Beweise für diese Massaker in die wissenschaftlichen Akten auf. Und das sind gute, harte, solide forensische Beweise. Das macht es für die Revisionisten schwierig, in 20 oder 30 Jahren zu kommen und zu sagen: 'Oh, das ist nicht passiert.' Es ist schwer, gegen einen Schädel mit einem Einschussloch im Hinterkopf zu argumentieren."
  • Menschliche Dimension: Sie hilft den Überlebenden, die "wahre Geschichte Guatemalas" zu erzählen und ihre Angehörigen zu identifizieren. Freddy Peccerelli erklärt: "Was mich persönlich antreibt, ist [...] die Möglichkeit, einer Person nach der anderen zu helfen, vielleicht ihre Kinder, ihre Mutter zu identifizieren."

3. Die Rolle der Vereinigten Staaten

Die USA waren tief in den guatemaltekischen Konflikt verwickelt, sowohl durch direkte Unterstützung des Militärs als auch durch politische Vertuschung.

Öffentliche Leugnung und politische Motive der Reagan-Regierung

In den 1980er Jahren spielte die Reagan-Regierung die Berichte über Massaker konsequent herunter oder wies sie als Übertreibungen zurück. Elliot Abrams, damals als Assistant Secretary of State for Human Rights zuständig, verteidigte diese Haltung. Die offizielle Position der US-Regierung war, dass nicht festgestellt werden könne, ob die Armee oder die Guerillas verantwortlich seien, und dass in den meisten Fällen wahrscheinlich die Aufständischen die Täter waren.

Das primäre Motiv war der Kalte Krieg. Die USA waren besessen davon, die sandinistische Regierung in Nicaragua zu stürzen und die Ausbreitung des Kommunismus in Mittelamerika zu verhindern. Elliot Abrams erklärte: "Es schien uns klar, dass, wenn man ein Nicaragua in Guatemala hat, man ein Nicaragua hat, das heißt, eine Regierung nach sowjetischem Vorbild, bewaffnet von der Sowjetunion [...] an der Grenze zu Mexiko." Obwohl ein Waffenembargo aus der Carter-Ära bestand, fanden die USA Wege, die guatemaltekische Armee, insbesondere mit Hubschraubern, zu versorgen.

Geheimes Wissen und deklassifizierte Dokumente

Unter Präsident Clinton freigegebene, ehemals geheime Dokumente beweisen, dass die US-Regierung sehr wohl über die Massaker informiert war. Ein CIA-Bericht aus dem Jahr 1982 beschreibt die Lage im Ixil-Dreieck unmissverständlich:

"Die gut dokumentierte Überzeugung der Armee, dass die gesamte Ixil-Indianer-Bevölkerung pro-guerilla ist, hat eine Situation geschaffen, in der von der Armee erwartet werden kann, dass sie weder Kombattanten noch Nicht-Kombattanten schont."

Kate Doyle vom National Security Archive schlussfolgert daraus, dass die damalige Menschenrechtsberichterstattung der USA "zutiefst politisch motiviert war und dass sie nicht wissen oder berichten wollten, was geschah."

Die Erschaffung der "Tötungsmaschine"

Die US-Beteiligung reicht bis in die 1950er und 1960er Jahre zurück. Die USA haben die guatemaltekische Armee und deren Geheimdienste maßgeblich aufgebaut, bewaffnet und ausgebildet.

  • Training: Die USA schulten das Militär in Aufstandsbekämpfung, Hausdurchsuchungen, Überwachung und Verhörtechniken.
  • Tötungsanleitungen: Ein deklassifiziertes Handbuch aus dem Jahr 1954 mit dem Titel "A Study of Assassination" beschreibt in bürokratischer Kälte, wie man Individuen oder Gruppen ermordet.
  • "Verschwindenlassen": Die Taktik des "unaufgeklärten Verschwindenlassens" wurde von den USA mitentwickelt. Das erste Massenverschwindenlassen in Lateinamerika fand 1966 in Guatemala statt. Insgesamt sind 45.000 Guatemalteken verschwunden.

Präsident Clintons Eingeständnis und dessen Rezeption

Bei einem Besuch in Guatemala im März 1999 räumte Präsident Bill Clinton erstmals öffentlich ein, dass die Unterstützung der USA für repressive Regime in Lateinamerika "falsch" gewesen sei. Für viele Betroffene reicht dieses Eingeständnis jedoch nicht aus. Freddy Peccerelli kommentierte: "Ich glaube nicht, dass man die Verantwortung oder die Beteiligung der US-Regierung mit einer einzigen Rede ändern kann. [...] Wenn die US-Regierung wirklich einen Beitrag leisten will, muss sie das auf direktere Weise tun, mit Projekten, auf andere Art. Reden allein reichen nicht aus."

4. Straflosigkeit und das Fortbestehen der Ungerechtigkeit

Trotz der erdrückenden Beweislast bleiben die Täter des Genozids weitgehend ungestraft.

Justizielle Hürden und die Wahrheitskommission

Die guatemaltekische Regierung stimmte der Einrichtung der Wahrheitskommission nur unter der Bedingung zu, dass diese keine Namen von Tätern nennen würde. Dadurch sind die verantwortlichen Generäle "sicher genug". Freddy Peccerelli schätzt die Chancen einer strafrechtlichen Verfolgung als "gering bis gar nicht" ein, da es für die staatliche Staatsanwaltschaft extrem schwierig wäre, gegen einen anderen Sektor des Staates – das Militär – vorzugehen.

Die Ermordung von Bischof Juan Gerardi

Ein erschreckendes Beispiel für die anhaltende Gefahr ist der Mord an Bischof Juan Gerardi. Im April 1998 veröffentlichte er einen detaillierten Bericht der katholischen Kirche über den Krieg, in dem – anders als im Bericht der Wahrheitskommission – Namen von Generälen, Obersten und Hauptleuten genannt wurden. Drei Tage später wurde der Bischof in seiner Garage mit einem Betonblock erschlagen. Dieser Mord sendete eine klare Botschaft an alle, die Gerechtigkeit für die Opfer fordern.

Das andauernde Erbe

Der Genozid hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Maya-Gemeinden in den Hochlandregionen leben weiterhin in bitterer Armut. Ein Beispiel ist das Dorf Chix, wo Kinder einen reißenden Fluss durchqueren müssen, um zur Schule zu gelangen, weil das Geld für eine Brücke fehlt. Diese Realität steht im scharfen Kontrast zu politischen Entscheidungen in den USA, wo der Kongress eine Steuersenkung in Höhe von 1,5 Billionen US-Dollar beschloss, während gleichzeitig das Budget für Auslandshilfe gekürzt wurde. Die Quelle schließt mit der resignierten Feststellung: "Der Kalte Krieg ist vorbei, und dieses kleine Blechdosen-Land ist wirklich nicht mehr wichtig."

Erstellt: 01.01.2026 - 22:06  |  Geändert: 02.01.2026 - 00:12