Umwege sind die direktesten Wege zum Zentrum. Das neue Werk von Peter Sloterdijk ist ein Beleg für diese These: Außerhalb der Aktualität angesiedelt, handelt Theopoesie, auf den ersten Blick betrachtet, von den in der Bibliothek der Menschheit gespeicherten Versuchen, Gott oder die Götter zum Sprechen zu bringen: entweder reden sie unmittelbar selbst oder sie werden von den Dichtern mittelbar in ihrem Tun und Denken wiedergegeben. Damit ist für Sloterdijk die Einsicht unausweichlich: Religionen berufen sich in ihren theopoetischen Gründungsdokumenten auf mehr oder weniger elaborierte literarische Verfahren, auch wenn die begleitende Dogmatik dazu dient, diese Tatsache vergessen zu machen. Religionen sind »literarische Produkte, mit deren Hilfe die Autoren um Klienten auf dem engen Markt der Aufmerksamkeit von Gebildeten konkurrieren«.
Religion (Thema)
Ein regennasser, kalter Wintertag - und Feierabend für Frans Laarmans. Er hat die besten Vorsätze und will schnurstracks nach Hause. Da kommen ihm drei afghanische Matrosen in die Quere. Sie halten ihm den Boden einer Zigarettenschachtel unter die Nase, worauf in Krakelschrift der Name "Maria" und eine Adresse stehen. Eine Dame von zweifelhaftem Ruf? Laarmans lässt alle Vorsätze fahren und geht mit den drei Fremdlingen auf die Suche. Als gegen Mitternacht ihre abenteuerlichen Reise durch die Gassen Antwerpens endet, sind sie nicht nur Freunde geworden, sondern haben zu ihrer eigenen Überraschung auch allerlei Glaubensrätsel und Kulturdifferenzen gelöst, für die andere mehr als ein Leben brauchen.
Hans van Ess erzählt, was die Legenden über den Weisen Laozi sagen, erläutert die Lehre des Daodejing und geht den verschiedenen daoistischen Schulen nach. Ihre Wege zur Erlangung von Harmonie und Langlebigkeit reichen von der Alchemie und Magie bis hin zu Techniken der Körper- und Geisteskultivierung wie Atemkontrolle, Taijiquan, Qigong und Kampfkunst, die inzwischen auch im Westen verbreitet sind.
Was hat es mit dem Schenken auf sich? Woher kommt die Verpflichtung, die Gabe - zumindest mit einem Dank - zu erwidern? Woran rührt die Reserve, Geschenke wie bloße Dinge oder Waren zu behandeln? Und warum müssen Gaben überflüssig und unnötig sein? Der Essay über die Gabe von Marcel Mauss gehört zu den prägenden Klassikern der Soziologie und hat einen der wichtigsten Traditionsstränge der französischen Theoriebildung begründet. In dieser Einführung zeigt Iris Därmann, dass Mauss eine Ordinary Culture Theory entwirft, die das Entstehen von Sozialität neu denkt und sich als Alternative zur klassischen politischen Philosophie anbietet.
Die muslimische Migration in Europa und der wachsende Einfluss der "Christlichen Rechten" in den USA stellen parallele Herausforderungen für den säkularen Staat auf beiden Seiten des Nordatlantiks dar, so der Befund des Soziologen Christian Joppke.
Wie kann der Staat sich von Religion freihalten, ohne das Recht auf Religionsfreiheit anzutasten - insbesondere, wenn Religion gegen die Grundsätze des liberalen Staates verstößt, wie etwa gegen Menschenrechte und Gleichbehandlung?
In den letzten Jahrzehnten sind in Europa vermehrt Moschee-Neubauten entstanden. Lucia Stöcklis religionswissenschaftliche Studie geht der Geschichte der Etablierung der Moschee-Neubauten in England und der Schweiz nach und beleuchtet ihre Bedeutung für die Muslime. Anhand bestehender und in Planung befindlicher Bauprojekte arbeitet sie gemeinsame Strukturen sowie nationale Kontexte heraus und untersucht Themen wie die Entwicklung eines multifunktionalen Zentrums, die Rolle der Frau in den Moschee-Neubauten sowie den Stellenwert der Sichtbarkeit dieser Bauten für die Muslime.
Welches religiöse Wissen und welche Praktiken sind in deutschen Moscheen vorzufinden? Wie legitimieren Musliminnen islamisches Wissen als gültig bzw. ungültig und wer autorisiert dieses Wissen? Ayse Almila Akca bietet mit ihrer ethnographischen Studie tiefe Einblicke in das Moscheeleben in Deutschland und gibt spannende Antworten auf diese und weitere Fragen.
Entfaltete sich der Nationalsozialismus trotz oder wegen der christlichen Grundeinstellungen der Mehrheit der Deutschen? Entgegen der herkömmlichen Auffassung, die von einem "Kirchenkampf" zwischen NS-Bewegung und den beiden potenziell widerständigen Kirchen ausgeht, zeigt dieser Band, dass die Beziehungen zwischen Nationalsozialismus und Christentum komplex waren. Religion ist in den 1930er und 1940er Jahren nicht von vornherein nur als Faktor von Tradition, Resilienz und Resistenz, sondern auch als "mitlaufende Gegebenheit", möglicherweise sogar als stabilisierender Teilfaktor des Regimes zu begreifen.
Unsere Alltagswelt gilt heute als zunehmend religiös pluralisiert. Führt aber die Wahrnehmung religiöser Pluralität zu einem "Plausibilitätsverlust" von Religion, wie dies Peter L. Berger konstatierte? Oder führt sie eher in eine Fundamentalisierung der eigenen Religion, wie Markttheorien dies zur Ausbildung von starken Marken nahelegen? Aus biografie- und diskursanalytischer Perspektive ergibt sich ein ganz anderes Bild ...
Die Gesellschaften Europas, in denen wir heute leben, werden zunehmend komplex. Ethnische, religiöse und kulturelle Konflikte durchziehen sie und machen eine Suche nach neuen Entwürfen des Zusammenlebens erforderlich. Will eine Gesellschaft kulturelle Vielfalt und Persönlichkeitsrechte unter einen Hut bringen, das zeigt Cinzia Sciuto in ihrem Buch, muss sie zwischen Staat und Religion unterscheiden. Sie muss laizistisch sein. Laizität ermöglicht den diversen Spielarten von Religionen und Weltsichten erst, in einer pluralistischen Gesellschaft nebeneinander zu existieren. Sie garantiert auf der einen Seite die Religionsfreiheit, gleichzeitig legt sie jedoch Prinzipien fest, von denen nicht abgewichen werden darf, auch nicht im Namen irgendeiner Gottheit. Laizität ist die vorpolitische Voraussetzung für ein ziviles Zusammenleben in einer komplexen Gesellschaft, in dem die Freiheiten und Menschenrechte von allen respektiert werden.