Kosovokrieg (Thema)
Von der Peripherie des Osmanischen Reiches zur Kolonie Serbiens, über die italienische und deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg, die anschließende Autonomie im sozialistischen Jugoslawien zum Protektorat der EU: Die Geschichte des Kosovo hat ihren Abschluss in einem wirklich unabhängigen Staat bislang noch nicht gefunden. Serbien kontrolliert weite Teile im Norden des Landes, die EU überwacht mittels der EULEX-Mission, die Türkei agiert wiederum als "Schutzmacht" der türkischen Minderheit und Saudi-Arabien missioniert.
1999 entschied die NATO, in die Auseinandersetzungen zwischen der paramilitärischen UÇK, die für die Unabhängigkeit des Kosovo kämpfte, und der serbisch-jugoslawischen Armee einzugreifen. Damit wollte sie die Regierung Slobodan Milosevics zum Rückzug der Armee aus dem Kosovo zwingen. An den Luftschlägen der NATO gegen Serbien beteiligte sich auch Deutschland, dessen rot-grüne Regierung sich zu dieser militärischen Maßnahme mit dem Verweis auf serbische Menschenrechtsverletzungen durchrang.
Der Übergang vom UN-Protektorat zur EU-Kolonie passiert schleichend. Eine "Koalition der Willigen" abseits der UNO bestimmt über das Schicksal des kleinen, knapp zwei Millionen EinwohnerInnen zählenden Landes. Von der Rechtsprechung über politische Verwaltung bis zur polizeilichen und militärischen Exekutive öffnet sich ein weites Experimentierfeld für hauptsächlich westeuropäische und nordamerikanische Institutionen. Gesellschaftliche Abläufe jenseits bürgerlicher Gewaltenteilung und demokratischer Selbstbestimmung können nach erfolgreichen Probeläufen im Kosovo später anderswo, nötigenfalls auch in Kerneuropa, Platz greifen.
Der Dokumentarfilmer und Autor Frieder Wagner hat in den Kinderkrankenhäusern des Irak Bilder des Schreckens gesehen und aufgenommen. In seinen Filmen "Deadly Dust - Todesstaub" (2007) und "Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra" (2003) berichtet er über die Vertuschungsstrategie der Militärs, der Industrie und von Regierungen, aber auch jener der Medien und der Politik. Seine jahrelange Beschäftigung mit dem Thema führte ihn zu den verseuchten Kriegsschauplätzen, wo er gemeinsam mit dem deutschen Arzt Siegwart-Horst Günther (1925-2015) wichtige Fakten zutage förderte, die nun erstmals in Buchform erscheinen. Darin sind auch Aufzeichnungen über die fatalen Folgen des Auslandseinsatzes von deutschen Bundeswehrsoldaten enthalten.
Der Kosovo-Krieg zwischen 24. März und 10. Juni 1999 war der erste NATO-Angriff ohne Ermächtigung des UN-Sicherheitsrats. Die als "humanitäre Intervention" bezeichnete Operation Allied Force wurde als Einmischung gerechtfertigt, die "weitere schwere und systematische Verletzungen der Menschenrechte unterbinden und eine humanitäre Katastrophe im Kosovo verhindern" sollte (Bundeskanzler Gerhard Schröder am 24. März in seiner Fernsehansprache). Und Außenminister Joschka Fischer unterstrich seine Zustimmung zum ersten deutschen Krieg seit 1945 mit der Begründung, er habe nicht nur "Nie wieder Krieg", sondern auch "Nie wieder Auschwitz" gelernt. Kurt Gritsch bietet eine umfassende Darstellung des Kosovo-Konflikts und beleuchtet dabei sowohl die Vorgeschichte als auch die Folgen.
"Wir, die Völker der Vereinten Nationen - fest entschlossen, künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat -, haben beschlossen: Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt." Charta der Vereinten Nationen, beschlossen in San Francisco am 26. Juni 1945.
Die Rolle von Grünen, Linken und Medien im Kosovo-Krieg. Als im Spätherbst 1989 die Mauer fiel, erschien dies vielen als Morgenrot eines neuen Friedenszeitalters. Und Deutschland, das seit 1945 außenpolitischer Aggression nolens volens eine Absage erteilt hatte, sollte wiedervereint als europäische Friedensmacht das leuchtende Beispiel für die Überwindung des Krieges sein. Es kam ganz anders.
Dokumentation eines NATO-Kriegsverbrechens und seiner Folgen. Im Krieg der NATO gegen Jugoslawien waren »Kollateralschäden« stets auch einkalkuliert. Die Bombardierung der Brücke von Varvarin am 30. Mai 1999 geschah an einem Pfingstsonntag mit Markt und kirchlichem Umzug.
Seit dem Bürgerkrieg des Jahres 2011 werden weite Teile Libyens von Stammesmilizen und islamistischen Gruppen kontrolliert. Im Saharastaat Mali konnte eine Abspaltung des Nordens vom dominierenden Süden des Landes nur durch eine westliche Militärintervention verhindert werden.
ISBN 978-3-89502-380-4
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