Glenn Diesen Deutsch (Medienpräsenz)

59:16

Eli Clifton ist Mitbegründer und leitender Berater am Quincy Institute, und Ian Lustick hat den Bess W. Heyman Chair im Fachbereich Politikwissenschaft der University of Pennsylvania inne.

1:07:44

David N. Gibbs ist Professor für Geschichte an der University of Arizona. Debatte über die CIA und die akademische Welt: David Gibbs und Robert Jervis

Überblick

Einführung und die Verflechtungen zwischen CIA und Wissenschaft (00:00) Glenn Diesen begrüßt den Historiker David Gibbs, Professor an der University of Arizona. Gibbs promovierte 1989 in Politikwissenschaft am MIT, wo die Fakultät eng mit dem "Zentrum für internationale Studien" verknüpft war. Diese Einrichtung war von der CIA ins Leben gerufen worden, um die akademische Forschung mit dem Geheimdienst zu verbinden. Solche engen Verbindungen wirkten zutiefst fragwürdig, da der Westen im Kalten Krieg der Sowjetunion stets vorwarf, staatliche Propaganda anstelle einer unabhängigen Wissenschaft zu betreiben.

Verdeckte CIA-Finanzierung und das Church-Committee (06:02) In den 1950er und 1960er Jahren gehörten das Militär und die CIA zu den wichtigsten Finanziers der US-amerikanischen Auslandsforschung in den Sozialwissenschaften. Das "Church Committee" des US-Senats untersuchte 1975 unter anderem, wie angesehene Professoren der renommiertesten Universitäten im Geheimen Berichte für die CIA verfassten. Um diese Forschungen dennoch wissenschaftlich publizieren zu können, einigten sich die Beteiligten auf einen Kompromiss: Die CIA bearbeitete und bereinigte die Berichte vor der Veröffentlichung. Das Komitee stellte fest, dass so mindestens 1.000 Bücher mit verdeckter CIA-Unterstützung und Zensur erschienen, was die Öffentlichkeit systematisch über die Voreingenommenheit der Autoren täuschte.

Geheimhaltung und das Aussparen sensibler Themen (09:14) Während medizinische Journale eine vollständige Offenlegung von Sponsorengeldern vorschreiben, existiert in den Politik- und Sozialwissenschaften keine solche Pflicht. Eine Untersuchung von Gibbs zu fünf führenden Fachzeitschriften zwischen 1990 und 2000 zeigte, dass kein einziger veröffentlichter Artikel verdeckte CIA-Operationen thematisierte. Die verdeckte staatliche Finanzierung sorgte somit erfolgreich dafür, dass potenziell unangenehme Themen aus der akademischen Debatte verbannt wurden.

Der Mythos der regierungsfeindlichen Wissenschaft (12:55) Das Bild einer rebellischen, radikalen Wissenschaft, die im Zuge heutiger Kulturkämpfe die Macht herausfordert, ist ein Zerrbild. Tatsächlich ist die akademische Welt eng mit staatlichen Geheimdiensten, dem Militär und dem Privatsektor verflochten. Gibbs erinnert an die prägende Rede des Historikers Conyers Read von 1949, der ganz offen eine "intellektuelle und soziale Kontrolle" forderte und argumentierte, dass Historiker im Kalten Krieg ebenso wie Physiker im Dienste der offiziellen Regierungspolitik marschieren müssen.

Die Unterwanderung des Journalismus (15:31) Der Journalismus weist ähnliche Verhaltensmuster auf. Carl Bernsteins berühmte Untersuchung im Rolling Stone (1977) enthüllte, dass Hunderte amerikanische Journalisten im Geheimen für die CIA arbeiteten, darunter über 200 mit festen Arbeitsverträgen und Geheimhaltungsverpflichtungen. Insbesondere die New York Times kooperierte eng, da ihr Herausgeber Sulzberger ein persönlicher Freund von CIA-Direktor Allen Dulles war und auf dessen Bitte sensible Geschichten deckte. Nach einer kurzen Phase des Zweifels während des Vietnamkriegs kehrten Medien und Wissenschaft rasch zu ihrer unterwürfigen Haltung zurück und präsentieren heute pensionierte Geheimdienstler, die professionell im Lügen ausgebildet sind, unkritisch als Experten.

Russia-Gate als geheimdienstliche Erfindung (23:08) Nach den Schocks des Brexit und der Wahl von Donald Trump im Jahr 2016 schufen die Geheimdienste das Narrativ einer russischen Verschwörung, um eine einfache Erklärung für den Vertrauensverlust der Bevölkerung zu liefern. Obwohl drei unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen (u.a. in Nature) nachwiesen, dass die russischen Social-Media-Kampagnen "nicht nachweisbar" waren und somit null Einfluss auf das Wahlergebnis hatten, hielten Politik und Medien die Hysterie jahrelang aufrecht, was zur Vergiftung der Geopolitik beitrug und den Boden für einen Krieg mit Russland bereitete.

Einschüchterung und Schweigen im Ukraine-Konflikt (30:00) Auch im Ukraine-Krieg plappern Wissenschaft und Medien kritiklos staatliche Sprachregelungen wie die Behauptung eines völlig "unprovozierten" Angriffs nach. Warnungen von Experten wie dem heutigen CIA-Direktor William Burns vor der NATO-Erweiterung als "röteste aller roten Linien" werden ebenso totgeschwiegen wie die Friedensverhandlungen ab Tag eins oder die westliche Sabotage der Gespräche in Istanbul. Wer diese Fakten anspricht, zahlt einen extremen beruflichen und sozialen Preis und wird rasch als "Putin-Marionette" verleumdet.

Die Orwell'sche Sprache und "humanitäre" Kriege (40:06) Akademiker übernehmen kritiklos die manipulative Sprache des Staates. Weigert sich der Westen, Kompromisse einzugehen, gilt er als "prinzipientreu", während Gegner "Kompromisse verweigern". Um aggressive imperiale Machtpolitik zu rechtfertigen, wird sie systematisch als "humanitäre Intervention" bemäntelt und beispielsweise mit Hollywood-Stars wie Angelina Jolie im Einsatz für "Frauenrechte" emotional aufgeladen, um die Öffentlichkeit abzulenken und die Bevölkerung auf Linie zu bringen.

Der Kollaps der Propaganda: Das "Vietnam-Moment" (49:25) Gibbs argumentiert, dass das falsche Siegesnarrativ der Ukraine irgendwann unter dem realen russischen Druck in sich zusammenbrechen wird. Er vergleicht dies mit dem Vietnamkrieg, in dem die manipulierten Opferberichte 1968 mit der "Glaubwürdigkeitslücke" kollabierten. Ein solches "Vietnam-Moment" in der Ukraine könnte die Glaubwürdigkeit der westlichen Regierungen zerstören, die öffentliche Unterstützung beenden und uns somit paradoxerweise vor einem realen Atomkrieg bewahren, den die europäische Führung leichtsinnig riskiert.

Verschleierung in Afghanistan und der Weg in die Zukunft (58:52) Das katastrophale Scheitern nach 20 Jahren Krieg in Afghanistan wurde 2022 durch den Kriegsausbruch in der Ukraine und die Dämonisierung des "russischen Bären" geschickt überdeckt, um eine Abrechnung zu verhindern. Dennoch sieht Gibbs einen optimistischen Trend: Im Gegensatz zu früheren Kriegen war die amerikanische Öffentlichkeit von Anfang an mehrheitlich gegen Trumps Krieg im Iran. Das gleichzeitige Scheitern am Persischen Golf, in der Ukraine und die sich auftürmenden wirtschaftlichen Probleme könnten das imperiale Projekt des Westens seit 1991 endgültig beenden.

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51:20

Ray McGovern war 27 Jahre lang CIA-Offizier, leitete die National Intelligence Estimates und erstellte die Presidential Daily Briefs der CIA.

Überblick

Einführung und der Besuch der südlichen Kurilen (00:00) Glenn Diesen begrüßt den ehemaligen CIA-Analysten Ray McGovern, der kürzlich mit dem renommierten James Joyce Preis ausgezeichnet wurde. Das Gespräch beginnt mit Wladimir Putins historischem Besuch auf den umstrittenen südlichen Kurilen-Inseln (für Japan die „nördlichen Territorien“), die seit dem Zweiten Weltkrieg unter russischer Verwaltung stehen. Da Japan sich den antirussischen Sanktionen angeschlossen hat, zeigt Russland mit diesem Besuch demonstrativ Stärke. Unter dem ehemaligen japanischen Premierminister Abe war eine gemeinsame Verwaltung noch in Reichweite, doch die neue Führung in Tokio hat eine feindselige Haltung eingenommen, worauf Putin nun reagiert.

Die schwindende Glaubwürdigkeit der US-Sicherheitsgarantien (04:05) McGovern erklärt, dass Putin die Inseln auch deshalb besucht, weil die USA ihre Japan schützenden Raketen abgezogen und zur Unterstützung der Ukraine oder in die Region des Irans verlegt haben. Dies lässt Verbündete wie Japan, Südkorea und Saudi-Arabien an der Zuverlässigkeit der US-Sicherheitsgarantien zweifeln. Zudem wird Japan durch das unauflösliche Bündnis zwischen Russland und China geopolitisch eingehegt. Putin agiert zwar selbstbewusst, sorgt sich jedoch stark über Donald Trumps instabilen psychischen und physischen Zustand und dessen Zugriff auf die Atomcodes.

Putins Telefonate mit Trump und der Hebel über Kiew (06:27) Laut McGovern ruft Putin Trump nur an, wenn er konkrete Maßnahmen fordert. So verhinderte ein anderthalbstündiges Telefonat im Oktober 2025 die geplante Lieferung von Tomahawk-Raketen an Selenskyj. Vor den Militärparaden am 9. Mai drohte Selenskyj zudem mit Drohnenangriffen auf den Kreml, woraufhin Putin erneut Trump anrief. Trump übte daraufhin Druck auf Selenskyj aus, was zu einem viertägigen Waffenstillstand führte. Trotz dieses punktuellen Einflusses fürchten die Russen Trumps Unberechenbarkeit, während US-Geheimdienste Kiew weiterhin für Angriffe tief in Russland unterstützen. Dennoch bleibt das russische Militär geduldig, da die Ukraine wirtschaftlich am Ende und vom Meer abgeschnitten ist.

Historischer Rückblick: Die US-Blockade im russisch-japanischen Konflikt (11:33) Bereits 1956 verhandelten Japan und die Sowjetunion über einen Friedensvertrag. Moskau bot damals an, die Inseln Habomai und Shikotan zurückzugeben, während Kunashir und Etorofu bei der Sowjetunion verbleiben sollten. Die USA blockierten dieses Abkommen jedoch mit der Drohung, in diesem Fall Okinawa zu behalten. Die USA wollten keinen regionalen Frieden, da ein friedliches Umfeld ihre Bestrebungen zur Einhegung von Gegnern und zur Unterwerfung ihrer Bündnispartner behindert hätte. Dies führte dazu, dass der potenzielle ökonomische Brückenschlag zwischen Russland und Japan schließlich durch den Ukraine-Krieg und Japans Sanktionen endgültig abbrannte.

Der Einfluss der Geschichte und die Bedrohung durch den Militarismus (17:46) McGovern betont Putins persönliche historische Prägung: Sein älterer Bruder Vitia starb während der Leningrader Blockade durch Nazis und Finnen. Das historische Trauma von 27 Millionen sowjetischen Kriegstoten prägt das russische Sicherheitsdenken tief. Aus russischer Sicht zeigen sich heute in der Ukraine und in Japan erneut nazi-ähnliche Aktivitäten und Militarismus. Um eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern, zeigt Putin an Orten wie den Kurilen Stärke, ignoriert japanische Proteste und lässt notfalls Oreshnik-Raketen abfeuern.

Der Tiefe Staat und die Grenzen von Trumps Macht (22:35) Russland registriert eine zunehmende Verhärtung der Rhetorik bei Vertretern wie Medwedew, Lawrow und Rjabkow, die das gescheiterte Anchorage-Abkommen als bewusste Täuschung des Westens analog zu Minsk werten. McGovern verweist darauf, dass Trump den „tiefen Staat“ (Deep State) in den USA nicht unter Kontrolle hat. Autonome Kräfte im Geheimdienstapparat, wie Geheimdienstchefin Avril Haines, steuern Vertuschungen und ermöglichen es der Ukraine, mit Drohnen tief im russischen Territorium zivile Infrastruktur anzugreifen. Ein Beispiel war der Drohnenangriff auf Putins Residenz in Waldi Ende Dezember, bei dem die Russen eine Steuereinheit sicherstellten, die direkt auf das Wohnhaus des Präsidenten programmiert war – ein mutmaßlicher Mordversuch durch autonome Akteure im Deep State.

Militärische Eskalationsdynamik und der Einsatz der Oreshnik (31:14) Russische Militärs fordern zunehmend Angriffe auf Drohnen-Produktionsstätten in Westeuropa (wie Ramstein in Deutschland). Putin lehnt dies jedoch ab, da das Risiko, dass Trump daraufhin Artikel 5 des NATO-Vertrags aktiviert, bei mindestens 10 % liegt – ein zu hohes Risiko angesichts der Tatsache, dass Russland den Krieg in der Ukraine ohnehin gewinnt. Stattdessen besteht eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass Putin eine Oreshnik-Mittelstreckenrakete auf ein Entscheidungszentrum in Kiew abfeuern lässt, um der NATO ohne direkten Bündniskonflikt eine unmissverständliche Lektion zu erteilen.

Die Unberechenbarkeit am Rande des Atomkriegs (36:20) Ein verhandelter Frieden ist in weiter Ferne, da die Vorschläge des Westens für einen Waffenstillstand von Lawrow als unnachgiebige Forderungen nach einer russischen Kapitulation abgelehnt werden. Die jüngsten experimentellen Abschüsse der Oreshnik-Rakete dienten dazu, die Zerstörungskraft im Granitboden präzise zu vermessen, um sie künftig operativ in Massenproduktion einzusetzen. Das größte Risiko liegt in der Unvorhersehbarkeit von Akteuren wie Trump oder Netanjahu. Putin rät daher auch dem Iran zur äußersten Vorsicht: Iran soll keine US-Flugzeugträger versenken, um die USA und Israel nicht in eine Situation zu drängen, in der sie aus Demütigung zu Atomwaffen greifen müssen. Die Gefahr eines Atomkriegs ist heute so hoch wie seit 1945 nicht mehr.

Europäische Ohnmacht und die Unterwürfigkeit Deutschlands (44:55) McGovern und Diesen kritisieren das Verhalten der europäischen Eliten, die nukleare Abschreckung fälschlicherweise als „Erpressung“ abtun und irrational agieren. Politiker wie Macron, Starmer und Scholz stehen vor dem politischen Aus, während die russlandfreundliche AfD an Zulauf gewinnt. Besonders drastisch zeigt sich die deutsche Unterwürfigkeit gegenüber den USA darin, dass die Regierung lieber die eigene Industrie deindustrialisiert, anstatt das russische Angebot anzunehmen, die verbliebene und betriebsbereite Röhre von Nord Stream zu öffnen. Putin setzt daher auf den Faktor Zeit. Sollte er ermordet oder durch unvorsichtigere Hardliner (wie Medwedew) ersetzt werden, würde der Westen Putin schnell vermissen

41:00

Einführung und das Scheitern des Anchorage-Abkommens (00:00) Glenn Diesen begrüßt Fjodor Lukjanow an einem Tag kurz vor dem Jahrestag des Anchorage-Treffens (Alaska-Gipfel am 15. August 2025) zwischen Wladimir Putin und Donald Trump. Lukjanow zieht die Bilanz, dass dieser Versuch einer diplomatischen Lösung ein Jahr später völlig gescheitert ist. Anstatt den Konflikt einzufrieren, hat die Hoffnung auf Kompromisse bei der Ukraine und den Europäern zu einer Gegenreaktion geführt: Sie wollten Trump beweisen, dass die Ukraine siegen kann. Dies führte zu einer stetigen Eskalation, insbesondere durch weitreichende ukrainische Angriffe tief im russischen Territorium und russische Vergeltungsschläge auf die kritische Infrastruktur der Ukraine.

Die Logik der Eskalation und der europäische Faktor (02:45) Lukjanow zieht eine Parallele zum Vietnamkrieg, bei dem die Verhandlungen nach dem grundsätzlichen Entschluss zur Beendigung ebenfalls noch Jahre dauerten. Das Verhalten der europäischen Eliten bewertet er als irrational, da sie die dauerhafte Konfrontation mit Russland und den ukrainischen Kampf zum Kern der Idee der Europäischen Union gemacht haben. Weder Kiew noch Brüssel hätten derzeit ein Interesse an Verhandlungen, es sei denn, es ginge um eine russische Kapitulation. Als Trump versuchte, die Diplomatie aufzunehmen, brach in Europa Panik aus, und man drängte ihn, den Kurs der Biden-Regierung fortzusetzen.

Europas Suche nach einer Rolle im globalen Niedergang (05:15) Lukjanow sieht zwei Gründe für den harten europäischen Kurs. Zum einen versuchen die Eliten, das Modell des Kalten Krieges wiederzubeleben, da die sowjetische Bedrohung damals der stärkste Motor für die europäische Integration war. Zum anderen schwindet Europas geopolitische und wirtschaftliche Bedeutung im 21. Jahrhundert objektiv. Die Konfrontation mit Russland ist das einzige Feld, auf dem Europa noch internationale Relevanz vortäuschen kann. Auf globaler Bühne – insbesondere im Globalen Süden – werde dieser Konflikt jedoch lediglich als lokaler Streit zwischen ehemaligen Kolonialmächten wahrgenommen und weitgehend ignoriert.

Verhärtung der russischen Position und globale Neuordnung (07:45) Die strategische Lage hat sich für Russland seit 2021 durch die NATO-Erweiterung und die faktische Integration der Ukraine in das Bündnis verschlechtert. Lukjanow beschreibt die aktuellen globalen Konflikte (Ukraine, Iran, potenziell Taiwan) als Teile eines neuen „Weltkriegs“, der jedoch dezentral und ohne feste Spielregeln geführt wird. Russland sieht den Konflikt inzwischen als Teil dieser globalen Neuordnung mit gewaltsamen Mitteln, in der es seine eigene Widerstandsfähigkeit und Stärke demonstrieren muss, um seine künftige Position auf der Weltbühne zu sichern.

Der Krieg im Iran und die asymmetrische Kriegsführung (10:30) Der Krieg im Iran hat erhebliche militärische Ressourcen der USA gebunden und abgezogen. Für Russland ist dies kurzfristig ein Vorteil, auch wenn der US-Rüstungssektor versuchen wird, die Bestände wieder aufzufüllen. Als wichtigste Lehre aus dem Iran-Konflikt nennt Lukjanow, dass ein militärisch unterlegenes Land einem weit stärkeren Aggressor wirksam Widerstand leisten und empfindlichen Schaden zufügen kann, wenn es entschlossen ist. Dies widerlegt die Annahme, Großmächte könnten heute noch leichte Siege erringen, und ermutigt andere Staaten weltweit, sich gegen US-Druck zu wappnen.

Der Verfall des Völkerrechts und das Sterben der UNO (13:15) Sämtliche Regeln und Institutionen, die die alte Ordnung stabilisierten – das Völkerrecht, die freie Schifffahrt, der Schutz staatlicher Vermögenswerte und die Diplomatie – werden derzeit zerstört. Lukjanow verweist auf ein Interview des IAEO-Chefs Rafael Grossi in der Financial Times, wonach die Vereinten Nationen langsam sterben. Es gehe nicht mehr um verfahrenstechnische Reformen der UNO; vielmehr sei die Idee der UN-Charta selbst in der heutigen Zeit überholt, was den Übergang in eine Phase der Anarchie beschleunige.

Ausblick: Eine beispiellose, multipolare Ordnung (15:30) Diesen und Lukjanow stellen fest, dass neue internationale Ordnungen historisch fast immer erst nach verheerenden Großkonflikten entstanden sind. Der Aufbau einer globalen, multipolaren Ordnung, in der mit China eine nicht-westliche Macht eine führende Rolle einnehmen wird, ist historisch ohne Präzedenzfall. Da die westlichen Politiker derzeit nicht einmal mehr bereit sind, das Telefon in die Hand zu nehmen und miteinander zu sprechen, blicken beide Experten äußerst besorgt und düster in die unmittelbare Zukunft.

58:59

Überblick

Einleitung: Die Verweigerung der Lehren aus Niederlagen

0:03 – 1:10

Gastgeber Glenn Diesen und Daniel Davis eröffnen das Gespräch mit der Feststellung, dass die USA im Iran und im Krieg gegen Russland vor einer "doppelten Niederlage" stünden. Davis betont, dass militärische Niederlagen zwar wertvolle Erkenntnisse liefern könnten, dies aber eine ehrliche Bewertung voraussetze – die derzeit jedoch ausbleibe.


📉 Lehren aus Vietnam vs. heutige Realität

1:10 – 3:50
Davis beschreibt, wie die US-Armee nach der Vietnam-Niederlage eine tiefgreifende und ernüchternde Neubewertung durchlief. Es entstand eine Kultur der Integrität, harten Arbeit und Verantwortungsübernahme, die zu einem echten Militär führte. Diese Bereitschaft zur Selbstkritik sei heute jedoch völlig verschwunden. Man weigere sich, eigene Fehler einzugestehen.


🇮🇶 Irak und Afghanistan: Ein Muster der Selbsttäuschung

4:00 – 6:48
Davis analysiert die katastrophalen Kriege im Irak und in Afghanistan. Der "Erfolg" im Irak sei nicht David Peträus' brillanter Strategie zu verdanken, sondern der Entscheidung sunnitischer Iraker, sich gegen Al-Qaida zu wenden. Man habe sich dafür auf die Schulter geklopft, aber die eigenen Fehler nicht eingestanden. In Afghanistan weigere man sich bis heute, das Scheitern anzuerkennen, und suche stattdessen Ausreden – bei Politikern, nicht beim Militär.


🇮🇷 Der Iran-Krieg: Scheitern trotz öffentlicher Siegesrhetorik

6:48 – 9:25
Davis kritisiert die Diskrepanz zwischen der offiziellen Rhetorik (Trump: "Der Krieg läuft wunderbar", Pentagon: "Wir haben die Eskalationsdominanz") und der Realität vor Ort. Der Flugzeugträger George Bush sei beschädigt, die Truppen erschöpft, die Moral am Boden. Direkte Mitteilungen von der Front seien noch schlimmer als das, was öffentlich eingeräumt werde. Man weigere sich, Verantwortung zu übernehmen, und nenne kritische Berichte "Fake News".


⚠️ Vom politischen zum militärischen Scheitern

9:25 – 11:50
Davis zieht Parallelen zu Afghanistan 2011/12, wo er selbst sah, wie die offiziellen Erfolgsmeldungen (die Taliban hätten "den Schwung verloren") der Realität widersprachen. Damals konnte die Taliban aber noch in keinem direkten Gefecht gewinnen – heute sei das anders. Im Iran habe man die Luftherrschaft nicht wirklich, die Verluste (über 40 beschädigte oder zerstörte Flugzeuge) würden verschwiegen. Man habe offensive Aktionen faktisch eingestellt.


🔥 Der Preis der Realitätsverweigerung

11:50 – 15:58
Anders als in Vietnam, wo es eine politische, aber keine militärische Niederlage gab, könne es im Iran und in der Ukraine zu einer physischen militärischen Niederlage kommen. Davis befürchtet, dass erst eine solche Katastrophe ein massives Erwachen und einen personellen Neuanfang in den obersten Rängen erzwingen könnte. Es gebe weiterhin großartige Offiziere und Mannschaftsdienstgrade, aber sie müssten nach oben gebracht werden. Das Ansehen der USA in der Welt werde jedoch nachhaltig beschädigt bleiben.


🇷🇺 Russlands Kriegsführung: Abnutzung statt Blitzkrieg

18:47 – 23:00
Davis widerspricht der in Washington verbreiteten Annahme, Russland sei militärisch schwach, weil es nur langsam vorrücke. Russland führe eine anhaltende Offensive auf breiter Front, um der Ukraine Truppenverlegungen unmöglich zu machen. Gleichzeitig nutze es seine massive Überlegenheit bei der Feuerkraft (Gleitbomben, Artillerie, Raketen) aus, um die ukrainische Seite systematisch abzunutzen. Die Behauptung, Russland habe weit höhere Verluste, sei unlogisch und falsch.


🎯 Russlands Strategie: Feuerkraft, Drohnen und Materialüberlegenheit

23:00 – 26:23
Russland setze bewusst keine "Fleischwellen" ein, sondern schone seine eigenen Truppen. Dank der Drohneneffektivität sei die Grauzone größer geworden, große Panzerbewegungen seien unmöglich. Parallel dazu baue Russland seine offensiven und defensiven Fähigkeiten massiv aus (Langstreckenraketen, neue Drohnen, Abfangraketen für S-300/400/500), während die NATO ihre Bestände aufbrauche. Russland bereite sich so auf einen möglichen direkten Konflikt mit der NATO vor.


📉 NATO am Limit: Selenskyjs fatales Eingeständnis

26:23 – 29:08
Davis zitiert Selenskyjs Interview bei CNN, in dem dieser einräumte, dass die Ukraine 2,5-mal weniger Abfangraketen habe als vor einem Jahr, während Russland seine offensiven Fähigkeiten verdoppelt habe. Die NATO habe selbst kaum noch Bestände und könne kaum nachproduzieren – es werde sieben Jahre dauern, um auf ein niedriges Niveau zu kommen. Die Abfangquote gegen russische Raketen liege bei höchstens 10 %, der Großteil der NATO sei faktisch schutzlos.


⚔️ Russland stellt die Weichen für einen möglichen großen Krieg

29:08 – 35:16
Die Geduld in Russland gehe zu Ende. Man habe erkannt, dass der Westen jede Zurückhaltung als Schwäche interpretiere. Russland bereite sich nun offen auf die Möglichkeit eines direkten Krieges mit der NATO vor – mit massiv aufgestockten Raketenbeständen, neuer Drohnentechnik und einer großen Bodenarmee. Davis warnt, dass die NATO auf eine schwere Niederlage zusteuere, weil sie auf einer Fiktion von Erfolg und Stärke operiere.


🧠 Das Problem der politischen Propaganda im eigenen Kopf

35:16 – 36:42
Davis und Diesen analysieren die psychologische Dynamik: Wer eine Behauptung oft genug wiederholt, glaubt irgendwann selbst daran. Die westliche Propaganda von ukrainischen Erfolgen und russischer Schwäche sei so tief verinnerlicht, dass man selbst bei offensichtlichen Rückschlägen (Munitionsmangel, Gebietsverluste) an der Fiktion festhalte – mit fatalen Folgen für die Entscheidungsfindung.


🛡️ Russlands militärische Vorbereitung auf den Ernstfall

36:42 – 41:25
Russland halte bewusst moderne Waffensysteme (Panzer, Raketen, Drohnen) zurück, die nicht an der Front in der Ukraine benötigt würden. Diese seien für den Fall eines direkten Krieges mit der NATO aufgespart worden. Die russische Bevölkerung im wehrfähigen Alter (ca. 30 Millionen) sei der ukrainischen (ca. 4,5 Millionen) weit überlegen. Selbst bei einem 1:1-Austausch wäre die Ukraine demographisch nicht zu halten.


🏰 Die "Festung Donbas" und der fehlende Plan B Russlands

41:25 – 48:24
Davis erklärt, dass die Front um Slowjansk und Kramatorsk ein ausgebauter Festungsgürtel sei, der seit 2014 vorbereitet wurde – daher der langsame Vormarsch. Der russische Vorstoß 2022 sei nie als Eroberungsfeldzug geplant gewesen, sondern als politischer Druck, um Kiew zur Kapitulation zu bewegen. Erst als das Scheitern der Istanbuler Verhandlungen klar war, habe Russland begonnen, seine Armee massiv aufzustocken – was nun zwei Jahre gedauert habe.


⚡ Das Szenario eines russischen Angriffs auf die NATO

48:24 – 53:07
Davis skizziert ein bedrohliches Szenario: Russland verfüge inzwischen über die Mittel (Mannschaften, Panzer, Raketen, Drohnen) für eine großangelegte Bodenoperation. Die NATO habe keine vergleichbaren Verteidigungsanlagen, keine ausreichende Drohnenabwehr und kaum unterirdische geschützte Einrichtungen. Ein russischer Angriff auf das Baltikum oder Polen könnte in wenigen Tagen erfolgreich sein.


🚀 Der "Todesstoß": Raketenangriffe auf die NATO-Infrastruktur

53:07 – 55:51
Das größte Risiko sieht Davis in einem massiven Raketenangriff Russlands auf die oberirdischen militärischen und logistischen Einrichtungen der NATO. Russland habe die Adressen aller Ziele. Mit neuen Waffen wie der Oresnik könnte es die Fähigkeit der NATO, überhaupt zu reagieren, für eine Generation lahmlegen – ähnlich dem deutschen Durchbruch 1940 in Frankreich. Die NATO habe keine vergleichbaren unterirdischen Schutzbauten wie Russland, China oder Nordkorea.


🤔 Abschließende Warnung: Ein Krieg, den niemand will

55:51 – 58:05
Davis hofft, dass Russland bei seiner langsamen, methodischen Strategie in der Ukraine bleibt und es nicht zum großen Krieg kommt. Er warnt jedoch, dass die russischen Falken genau diesen Krieg jetzt führen wollen, solange die NATO noch verwundbar ist. Die größte Gefahr sei, dass nach den ersten Oresnik-Einschlägen jede Eskalationskontrolle verloren gehe. Er appelliert eindringlich, die Risiken ernst zu nehmen – auch wenn es im Westen viele für "absurd" hielten.

1:05:26

Überblick

🎬 Einleitung und Vorstellung des Themas

0:02 – 1:57
Mearsheimer und Gastgeber Glenn Diesen eröffnen das Gespräch. Sie thematisieren die grundlegende Verschiebung der internationalen Machtverteilung vom Westen in den Osten, die in Friedenszeiten stattgefunden hat. Mearsheimer kritisiert, dass der Westen, insbesondere Europa, darauf oft nur reflexhaft reagiere, anstatt strategisch über die eigenen Ziele und Optionen nachzudenken. Es fehle an strategischem Denken – ausgerechnet jetzt, wo es am nötigsten wäre.


🎯 Definition von "Grand Strategy"

2:09 – 9:33
Mearsheimer definiert Grand Strategy als die Kunst, die wichtigsten außenpolitischen Ziele (die vitalen Interessen) mit den verfügbaren militärischen Mitteln in Einklang zu bringen. Er unterscheidet dies klar von der allgemeinen Außenpolitik, die alle Ziele und Instrumente (auch Diplomatie, Sanktionen) umfasst.

Sein Rahmenwerk besteht aus drei Fragen:

  1. Was sind unsere vitalen Interessen? (Für welche Regionen würden wir kämpfen und sterben?)
  2. Welche Bedrohungen gibt es für diese Interessen?
  3. Welche Art von Streitkräften (Land, Luft, See, nuklear vs. konventionell) bauen wir auf, um diese zu schützen?

🌎 Die vier vitalen Weltregionen für die USA

11:08 – 15:54
Mearsheimer identifiziert vier Weltregionen von vitalem Interesse:

  1. Die westliche Hemisphäre – der eigene Hinterhof, in den USA sind sie bereits regionale Hegemonialmacht.
  2. Europa – historisch (bis ca. 2017) die wichtigste Region, weil dort die größten Gegner saßen (Nazi-Deutschland, Sowjetunion).
  3. Ostasien – heute die wichtigste Region, weil China nun ein ebenbürtiger Konkurrent der USA ist.
  4. Der Persische Golf – wegen des Öls für die internationale Wirtschaft.

Andere Regionen wie Afrika oder Südwestasien stuft er als nicht vital ein – der Vietnamkrieg sei ein Paradebeispiel für einen strategisch sinnlosen Einsatz.


⚖️ Die vier großen Strategien der USA

21:40 – 31:15
Mearsheimer stellt vier konkurrierende Grand-Strategien vor:

  1. Isolationismus – keine Region außerhalb der USA ist es wert, dafür zu kämpfen.
  2. Offshore Balancing (seine Präferenz) – eingreifen nur, wenn eine Macht eine Region zu dominieren droht und lokale Kräfte sie nicht eindämmen können.
  3. Selektives Engagement – als Friedensgarant in wichtigen Regionen präsent bleiben (populärste Strategie nach dem Kalten Krieg).
  4. Globale Hegemonie – überall eingreifen, keine Prioritäten setzen (hält er für fundamental fehlerhaft).

🇨🇳 Der Aufstieg Chinas und die Debatte um Eindämmung

24:08 – 25:39
Die isolationistische Sichtweise sieht in einer chinesischen Dominanz in Ostasien keine Bedrohung der vitalen US-Interessen. Mearsheimer selbst gehört zur Gegenposition: Die USA dürften China nicht erlauben, in Ostasien eine regionale Hegemonialmacht zu werden – so wie die USA die westliche Hemisphäre dominieren.


☢️ Die Gefahren der unipolaren Hegemonie

32:26 – 38:04
Mearsheimer zitiert Lord Acton: "Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut." Nach dem Zerfall der Sowjetunion waren die USA die einzige Supermacht ("Godzilla") ohne Konkurrenz. Dies führte zur liberalen Hegemonie: die USA glaubten, überall eingreifen zu müssen – ohne Prioritäten, ohne diplomatische Disziplin. Eine rivalisierende Großmacht wie China oder Russland sei sogar nützlich, um die USA zu zwingen, Prioritäten zu setzen.


🇷🇺 Russlands strategische Perspektive und der Ukraine-Konflikt

38:16 – 47:58
Mearsheimer beschreibt die russische Sicht:

  • Russland wollte eine inklusive europäische Sicherheitsarchitektur (OSZE).
  • Die NATO-Erweiterung in den 90ern war nicht primär anti-russisch, sondern Teil liberaler Hegemonie.
  • Die USA wollten Russland aber nicht in der NATO – es sei zu mächtig und eigenwillig, um sich kommandieren zu lassen.
  • Der Wendepunkt war 2014 (Ukraine-Krise): Für Russland wurde klar, dass der Westen eine neue Trennlinie zieht.
  • Heute will Russland: gute Beziehungen zu China, Iran, Nordkorea; Unruhe in Europa stiften; die Ukraine in einen dysfunktionalen Rumpfstaat verwandeln.

🇪🇺 Europas festgefahrene Position

47:59 – 53:54
Trotz schlechter Lage für die Ukraine und reduziertem US-Engagement sei in Europa keine strategische Neuausrichtung zu erkennen. Man verharre auf der Maxime, dass die Ukraine NATO-Mitglied werden müsse ("Politik der offenen Tür"). Die versunkenen Kosten und die ideologische Bindung an die NATO-Erweiterung seien so groß, dass ein Umdenken praktisch unmöglich scheine. Diese Haltung habe die Russen in die Arme Chinas getrieben.


🎯 Abschließende Gedanken: Eine gefährliche Welt

56:11 – 1:04:39
Mearsheimer warnt vor den Folgen:

  • Der Konflikt im Persischen Golf hat die US-Machtprojektion geschwächt – besonders in Ostasien, was China nützt.
  • Da die konventionelle Abschreckung beschädigt ist, setzen die USA stärker auf taktische Atomwaffen.
  • Die nukleare Proliferationsgefahr wächst (z.B. Japan könnte durch den US-Rückzug atomar aufrüsten).
  • Fazit: Die Welt lebt in sehr gefährlichen Zeiten. Historisch wurden große Machtverschiebungen meist erst nach einem großen Krieg neu geordnet – für präventive Diplomatie sieht er wenig Hoffnung.

47:59

Alastair Crooke ist ein ehemaliger britischer Diplomat und Gründer des in Beirut ansässigen Conflicts Forum. Zuvor war er Berater für Nahostfragen von Javier Solana, dem außenpolitischen Chef der EU.

Übersicht

Einführung und die Bedeutung inklusiver Diplomatie (00:03) Alister Crook wird als Experte eingeführt, der für seine Hinterkanaldiplomatie bekannt ist. Im Gegensatz zu vielen Kollegen betont er die Notwendigkeit, Gruppen wie Hamas und Hisbollah in Friedensprozesse einzubeziehen, anstatt sie auszuschließen. Das Gespräch widmet sich der Ausweitung des Konflikts im Nahen Osten, die eine komplexe Diplomatie unter Einbeziehung zahlreicher regionaler Akteure erfordere.

Irans Konsolidierung und Abkehr von Verhandlungen (02:24) In Iran findet laut Crook eine gezielte Machtkonsolidierung statt. Durch personelle Wechsel im nationalen Sicherheitsrat (SNC) und im Militär festige sich eine Vision, die keine Verhandlungslösung mit Donald Trump mehr sucht. Teheran stelle sich stattdessen auf einen langen Konflikt bis ins Jahr 2029 ein, wobei die Blockade der Straße von Hormus als Druckmittel diene. Auf Versuche der Marktmanipulation durch die USA reagiere Iran mit demonstrativen Angriffen auf Tanker.

Fehlkalkulationen bei Waffenbeständen und Ölpreisen (05:25) Crook kritisiert zwei fundamentale Fehler der USA: Die mangelnde Prüfung der eigenen Waffenbestände vor Kriegsbeginn und die Unterschätzung der wirtschaftlichen Folgen. Die Strategie der USA, den Ölpreis künstlich niedrig zu halten, täusche niemanden mehr und bereite die Bevölkerung nicht auf die reale Knappheit von Diesel und Kerosin vor. Entscheidend sei die Angebotskurve, die durch physische Ausfälle bereits stark beeinträchtigt ist.

Spannungen im Irak und die Rolle der Hascht al-Schaabi (08:36) Ein weiterer Fehler war der Angriff auf die irakische Hascht-Miliz (PMU) während der religiösen Arbain-Zeit. Crook betont, dass diese Kämpfer keine bloßen iranischen Stellvertreter seien, sondern stolze irakische Nationalisten, die nun auf eigene Faust Rache an Saudi-Arabien geschworen haben. Saudi-Arabien versuche derweil verzweifelt, den Konflikt mit dem Jemen zu ignorieren, obwohl der Krieg bereits auf saudisches Territorium übergreift.

Wirtschaftlicher Niedergang der US-Verbündeten (12:17) In Washington herrsche eine Realitätsverweigerung vor, indem Trump behauptet, Hormus sei offen. Tatsächlich ist der saudische Ölexport um 74 % eingebrochen, da die Pipeline nach Janbu zerstört wurde. Die USA müssten Saudi-Arabien nun finanziell retten, während Iran aufgrund jahrelanger Erfahrung mit Sanktionen weitaus widerstandsfähiger gegen wirtschaftlichen Druck sei als die Golfstaaten.

Israels interne Zerreißprobe und das Westjordanland (16:36) In Israel führt die politische Polarisierung zu einer gefährlichen Eskalation. Rechtsextreme Minister wie Ben-Gvir und Smotrich setzen laut Crook auf eine Provokation im Westjordanland oder am Tempelberg, um durch Chaos die Wahlen zu gewinnen. Währenddessen rüste sich Netanjahu gegen eine mögliche Wahlniederlage, um einer drohenden Haftstrafe zu entgehen.

Regionale Fronten: Jemen, Syrien und irakische Kurden (22:35) Der gesamte Nahe Osten wird zunehmend instabil. Die Hutis vertreiben saudische Truppen im Südjemen, während der Iran im Nordirak gegen kurdische Gruppen vorgeht, um einen geplanten Einmarsch in den Iran zu verhindern. Gleichzeitig drohen die Iraker mit einem Einmarsch in Syrien, falls Syrien gegen die Hisbollah im Libanon vorgeht. Netanjahu dränge die USA zudem zu einer totalen Zerstörung der iranischen Infrastruktur, was Crook als „langsame Atombombe“ bezeichnet.

Die Illusion der Eskalationskontrolle (27:36) Die Hybris der USA bestehe darin zu glauben, sie könnten die Eskalation durch das „Drehen an Knöpfen“ präzise steuern. Crook warnt davor, dass die Kriege in der Ukraine und im Iran miteinander verschmelzen könnten, was für den Westen unkontrollierbar wäre. Er kritisiert, dass Russland und Iran den USA zu lange erlaubt haben, den Takt des Konflikts zu bestimmen.

Der Restaurant-Anschlag in Moskau und Russlands Reaktion (29:22) Ein Bombenanschlag auf zwei Generäle in einem Moskauer Restaurant markiert für Crook einen Wendepunkt. Die Russen werden laut Crook zu dem Schluss kommen, dass westliche Geheimdienste an diesem gezielten Attentat auf eine private Feier beteiligt waren. Anstatt die Bevölkerung gegen Putin aufzubringen, bewirken solche Anschläge in Russland eine tiefe Wut und die Forderung nach einer noch härteren militärischen Reaktion.

Europas „Bunkermentalität“ und politisches Versagen (35:42) Die europäischen Eliten sitzen laut Crook in einem „Bunker“ der Selbstzufriedenheit und nehmen die Realität außerhalb nicht mehr wahr. Da die Ukraine als letztes Mittel zur Aufrechterhaltung der NATO-Struktur scheitert, regiere Verzweiflung. Berichte über Pläne in Deutschland, Bundesländern Kompetenzen zu entziehen, zeigen das Ausmaß dieser Verzweiflung. Die EU sei als geopolitischer Akteur gescheitert und werde von Mächten wie Russland oder China ignoriert.

Ausblick: Unvorbereitet auf den kommenden Schock (45:59) Zum Abschluss warnt Crook vor der psychologischen Unvorbereitetheit der westlichen Bevölkerung auf den kommenden wirtschaftlichen Schock, etwa durch Dieselrationierungen. Während die Medien das Bild einer heilen Welt vermitteln, steuere die Region auf eine massive Krise zu, da sowohl Russland als auch der Iran erkannt hätten, dass Diplomatie mit dem Westen derzeit zwecklos sei

1:04:15

Stanislav Krapivnik ist ein ehemaliger Offizier der US-Armee aus dem Donbas, der vor 15 Jahren aus den USA nach Russland gezogen ist.

1:28:20

Karen Kwiatkowski ist pensionierte Lieutenant Colonel der U.S. Air Force, arbeitete als Analystin im Pentagon und hatte verschiedene Positionen bei der National Security Agency inne.

Gespräch mit Karen Kwiatkowski, pensionierte Oberstleutnantin der US-Luftwaffe, ehemalige Pentagon-Mitarbeiterin und NSA-Funktionärin. Kwiatkowski schildert aus erster Hand, wie Geheimdienstinformationen im Vorfeld des Irakkriegs 2003 durch das Office of Special Plans manipuliert und selektiv genutzt wurden – und zieht Parallelen zum aktuellen Iran-Krieg. Sie analysiert, warum sämtliche US-Kriegssimulationen gegen Iran seit 35 Jahren gescheitert sind, wie der militärisch-industrielle Komplex die Beschaffungspolitik zum eigenen Profit steuert und warum die offengelegten Schwächen des US-Militärs weitreichende Folgen haben. Weitere Themen: die NATO als Waffenmarkt und ihr Bezug zur Ukraine, der Vergleich zwischen dem heutigen Amerika und der späten Sowjetunion, Amerikas Unvorbereitetheit auf einen wirtschaftlichen Zusammenbruch, die Erosion bürgerlicher Freiheiten und die Frage, ob das US-Imperium noch kontrolliert gelandet werden kann.

Timestamps:
0:02 – Begrüßung & Einführung: Militärische Aufklärung vs. Ideologie in der US-Außenpolitik
1:34 – Irakkrieg 2003: Wie Geheimdienstprodukte manipuliert wurden
4:46 – Krieg als Geschäft: Lobbyismus, AIPAC und gekaufte Politiker
7:26 – Iran-Krieg: Zionistische Lobby, Wesley Clarks Liste und gescheiterte Kriegssimulationen
13:30 – Offengelegte Schwächen: Raketen, Abfangquoten und fehlende Ziele
17:46 – Geheimdienste warnten – Trump und das Militär hörten nicht zu
22:45 – Hegemonie als Fluch: Warum Allmacht zu strategischer Dummheit führt
26:07 – Militärisch-industrieller Komplex: Profit statt Effizienz
30:04 – Douglas McGregor und die ignorierten Reformvorschläge
34:13 – Vietnam-Vergleich: Warum Amerikaner den Krieg nicht spüren
40:39 – 40 Billionen Dollar Schulden und der drohende Staatsbankrott
45:12 – NATO-Erweiterung: Waffenmarkt und Ukraine als Stellvertreter
55:07 – USA wie die Sowjetunion der 1970er? Parallelen zum imperialen Niedergang
1:02:04 – Ukraine: Zerstörung einer Nation und Selenskis Entscheidung
1:14:01 – Amerikas Unvorbereitetheit: Drei Tage ohne Lastwagen

53:37

Gespräch mit Seyed Mohammad Marandi, Professor an der Universität Teheran und ehemaliger Berater des iranischen Atomverhandlungsteams. Marandi analysiert die jüngsten iranischen Angriffe auf Tanker in der Straße von Hormus, die Blockade saudischer Exporte über das Rote Meer durch den Jemen und die wirtschaftlichen Folgen für die Golfstaaten und die USA. Im Zentrum steht Irans Strategie des Abwartens: maximale Ausschöpfung des Memorandum of Understanding, Forderungen nach Reparationen, Aufhebung der Blockade und Lösung der Palästina-Frage.

Timestamps:
0:01 – Begrüßung & Überblick: Angriffe in der Straße von Hormus, Diplomatie, neue Pakte
1:40 – Iranische Tankerangriffe auf VAE-Schiffe und Trumps leere Drohungen
4:35 – Wirtschaftlicher Druck auf Golfstaaten: Ölexporte, Kapitalabfluss, US-Anleihen
6:41 – Irans Strategie des Abwartens und die Bilanz des 40-Tage-Krieges
8:51 – MOU Plus: Irans maximale Ausschöpfung des Memorandum of Understanding
10:21 – Verlust der US-Abschreckung und Erschöpfung der Waffenbestände
12:38 – Verteidigungspakt Türkei–Saudi-Arabien–Pakistan: Gegen Iran oder irrelevant?
15:18 – Irans Rolle beim Widerstand: Afghanistan, Irak, Syrien, Jemen
19:26 – Saudi-Arabiens geschwächte Position und die Jemen-Frage
25:03 – US-Hegemonie im Niedergang: Vom Kuwait-Sieg zur Iran-Niederlage
28:00 – Oman-Iran-Abkommen: Hormus-Gebühren und Verknüpfung mit dem MOU
36:44 – Kriegsszenarien: Wiederaufnahme der Kämpfe oder Verhandlung?
43:26 – Die Schlacht um Hormus als Wendepunkt der Region
46:06 – Moralischer Bankrott des Westens und Zusammenbruch des Machtmythos
49:42 – Atomabkommen, Saudi-Deal und Trumps innenpolitische Zwänge