Trita Parsi ist Mitbegründer und Executive Vice President des Quincy Institute for Responsible Statecraft.
Inhalt
1. Die neue strategische Bedeutung des Jemen
Parsi hält die jüngsten Geländegewinne von Ansar Allah (Huthi) an der Küste des Roten Meeres und insbesondere in der Nähe der Meerenge Bab al-Mandab für strategisch außerordentlich bedeutsam. Während westliche Medien die teilweise Wiederöffnung der Straße von Hormus als strategischen Erfolg der USA interpretiert hätten, sei dies lediglich ein taktischer Erfolg gewesen. Iran verfüge weiterhin über Möglichkeiten zur Gegeneskalation – und Bab al-Mandab sei nun eine davon.
2. Hormus und Bab al-Mandab: Gefahr für den weltweiten Ölhandel
Durch die Kombination beider Meerengen verändert sich nach Parsis Einschätzung die Lage grundlegend. Vor dem Krieg liefen etwa 21 % des weltweiten Öltransports durch Hormus und weitere rund 12 % durch das Rote Meer. Damit könnte bis zu einem Drittel des globalen Öltransports beeinträchtigt werden. Besonders Saudi-Arabiens Möglichkeit, Hormus durch Pipelines zum Roten Meer zu umgehen, gerät dadurch unter Druck.
Eine Sperrung beider Verkehrswege würde außerdem enorme Umwege erzwingen und die Transportkosten und damit die Ölpreise stark erhöhen. China spielt hierbei eine Schlüsselrolle: Durch das Hoch- oder Herunterfahren seiner Ölkäufe könne es erheblichen Einfluss auf die Weltmarktpreise nehmen.
3. Saudi-Arabien gerät in ein strategisches Dilemma
Saudi-Arabien hatte sich bislang relativ erfolgreich aus dem direkten amerikanisch-iranischen Krieg herausgehalten. Mit dem erneuten Konflikt mit den Huthi ändert sich das. Nach Darstellung im Interview hat Riad die USA um stärkere militärische Unterstützung gebeten; Washington liefert zwar Waffen und Berater, will aber offenbar nicht selbst unmittelbar in den Jemenkrieg eingreifen.
Für Saudi-Arabien entsteht ein kaum lösbares Dilemma: Setzt es den Krieg gegen die Huthi fort, können diese die saudische Energieinfrastruktur massiv angreifen. Schließt Riad dagegen Frieden und hebt die Blockade auf, könnten die Huthi politisch und militärisch erheblich stärker werden.
4. Die Blockade des Jemen als Kernproblem
Aus saudischer Sicht soll die Blockade verhindern, dass die Huthi den gesamten Jemen kontrollieren und zusätzliche iranische Militärtechnologie erhalten. Ansar Allah dürfte nach Parsis Einschätzung bei künftigen Friedensverhandlungen jedoch gerade auf der Aufhebung dieser Blockade bestehen. Damit ähneln sich die Konflikte: Auch Iran werde einer umfassenden Vereinbarung kaum zustimmen, solange die gegen ihn gerichtete Blockade beziehungsweise wirtschaftliche Abschnürung bestehen bleibt.
5. Ohne regionalen Waffenstillstand kein dauerhafter Frieden
Eine der zentralen Thesen Parsis lautet, dass eine isolierte Vereinbarung zwischen Washington und Teheran nicht ausreichen kann. Ein Abkommen müsse die verschiedenen Konfliktherde – Iran, Jemen, Libanon und Israel – in einen regionalen Waffenstillstand einbinden.
Genau dies sei bereits Bestandteil früherer Verhandlungen gewesen. Das Scheitern dieser Bemühungen zeige nun seine Folgen: Die Konflikte greifen ineinander und können sich gegenseitig immer wieder neu entzünden.
6. Iran besitzt nach Parsis Einschätzung die „Eskalationsdominanz“
Parsi widerspricht entschieden der Vorstellung, die USA hätten die strategische Kontrolle über den Krieg gewonnen. Washington habe ursprünglich offenbar mit einem sehr kurzen Krieg und einem raschen Zusammenbruch der iranischen Führung gerechnet. Iran habe jedoch schon früh die geografische Ausweitung und zunehmend auch das Tempo der Eskalation bestimmt.
Daraus entwickelt sich eine neue iranische Strategie: Teheran könnte sich nicht länger darauf beschränken, auf amerikanische oder israelische Angriffe zu reagieren, sondern selbst bestimmen, wann die nächste Eskalationsstufe beginnt.
7. Iran hält militärische Fähigkeiten bewusst zurück
Im Interview wird die Auffassung vertreten, Iran sei inzwischen grundsätzlich in der Lage, amerikanische Kriegsschiffe im Persischen Golf schwer zu treffen oder möglicherweise zu versenken, habe sich aber bislang bewusst dagegen entschieden. Solche Fähigkeiten würden als weitere Stufen auf der „Eskalationsleiter“ zurückgehalten.
Gerade darin sieht Parsi ein Problem amerikanischer Fehleinschätzungen: Dass Iran bestimmte Mittel bislang nicht eingesetzt habe, bedeute nicht notwendigerweise, dass es sie nicht einsetzen könne. Die USA könnten iranische Zurückhaltung mit iranischer Schwäche verwechseln.
8. Die Gefahr einer unkontrollierbaren Eskalation
Trotz der momentan günstigeren strategischen Lage herrsche auf iranischer Seite keineswegs nur Zuversicht. Parsi berichtet aus seinen Gesprächen mit iranischen Quellen von wachsender Sorge, dass aus einer bislang einigermaßen kontrollierten Eskalation ein unkontrollierbarer regionaler Krieg werden könnte.
Gleichzeitig werde in Teheran weiterhin nach einem diplomatischen Ausweg gesucht. Das Problem sei jedoch das schwindende Vertrauen in Trumps Fähigkeit und Bereitschaft, überhaupt eine Vereinbarung auszuhandeln und anschließend einzuhalten.
9. Eine mögliche „dritte Runde“ des Krieges
Parsi hält eine weitere, wesentlich größere Kriegsrunde für wahrscheinlich. Iran könnte sogar versuchen, deren Zeitpunkt selbst zu bestimmen – etwa indem es vor einem erwarteten amerikanisch-israelischen Angriff zuerst zuschlägt. Dabei gehe es weniger um einen klassischen „Präventivkrieg“ als darum, den USA das bisher beanspruchte Recht zu nehmen, allein über Zeitpunkt und Intensität der Eskalation zu entscheiden.
Besonders gefährlich wäre eine solche dritte Runde, weil dann vermutlich Israel unmittelbar beteiligt wäre und Angriffe auf iranische Energieversorgung, Entsalzungsanlagen und andere kritische Infrastruktur drohten.
10. Die Golfstaaten wollen aus dem Krieg heraus
Mehrere Golfstaaten versuchen nach Darstellung Parsis, ihre Beteiligung zu begrenzen. Saudi-Arabien und Katar hätten sich bereits weitgehend herausgehalten, Oman von Anfang an. Schwieriger sei dies für Bahrain und Kuwait, die viel stärker von den USA abhängig seien.
Gleichzeitig seien gerade die Staaten der Region besonders aktiv bei diplomatischen Vermittlungsversuchen. Ihr Problem: Sie besitzen weder gegenüber Washington noch gegenüber Teheran genügend Einfluss, um eine Vereinbarung erzwingen zu können.
11. China könnte zum entscheidenden Vermittler werden
Hier sieht Parsi China in einer einzigartigen Position. Peking besitzt sowohl gegenüber Iran als auch gegenüber den USA wirtschaftlichen und politischen Einfluss. Zudem hat China ein elementares Interesse daran, eine massive Störung der Energiemärkte zu verhindern.
Als Vorbild nennt Parsi die von China unterstützte iranisch-saudische Annäherung: Chinas Bedeutung für beide Staaten habe dazu beigetragen, dass beide Seiten ein Interesse daran hatten, die Vereinbarung einzuhalten. Eine chinesische Beteiligung könnte daher nicht nur helfen, ein neues Abkommen zustande zu bringen, sondern auch dessen Bestand sichern.
12. Israel und die Logik der „letzten Gelegenheit“
Besonders gefährlich erscheint Parsi die israelische Perspektive. Israel könnte die gegenwärtige Situation als historische Gelegenheit betrachten, Iran mit voller amerikanischer Unterstützung entscheidend zu schwächen. Trump könnte aus israelischer Sicht möglicherweise der letzte amerikanische Präsident sein, der bereit ist, die militärische Macht der USA für ein solches Ziel umfassend einzusetzen.
Parsi verbindet dies mit einem langfristigen Wandel in den USA: Die öffentliche Unterstützung Israels habe stark abgenommen und dieser Wandel beginne sich bereits in der amerikanischen Politik niederzuschlagen. Gerade deshalb könnte in Israel die Haltung entstehen, möglichst viel durchzusetzen, bevor sich die amerikanische Israelpolitik dauerhaft verändert.
13. Eine amerikanische Bodeninvasion im Jemen gilt als unwahrscheinlich
Zum Schluss wird gefragt, ob Washington angesichts der Probleme am Roten Meer Bodentruppen gegen die Huthi einsetzen könnte. Parsi hat dafür keine Hinweise und hält dies für sehr unwahrscheinlich. Frühere amerikanische und saudische Erfahrungen hätten gezeigt, wie schwierig der Jemen militärisch zu kontrollieren sei. Ein Bodenkrieg wäre mit hohen Risiken verbunden, würde aber das amerikanische Hauptproblem – den Konflikt mit Iran – kaum lösen.
Kernthese des gesamten Interviews: Der Krieg entwickelt sich nach Parsis Analyse nicht zugunsten einer Seite zu einem klaren Sieg, sondern von einem begrenzteren amerikanisch-iranischen Konflikt zu einem miteinander verzahnten Regionalkrieg. Die Huthi und Bab al-Mandab, Saudi-Arabien, Israel, die Golfstaaten und die weltweiten Energiemärkte werden zunehmend Teil desselben Konfliktsystems. Je weiter diese Verknüpfung fortschreitet, desto schwieriger wird kontrollierte Eskalation – und desto notwendiger wird nach seiner Auffassung eine umfassende regionale Vereinbarung statt einzelner Waffenstillstände.