SRF Kultur Sternstunden (Medienpräsenz)

59:14

Die künstliche Intelligenz formuliert die Texte, das Navigationsgerät weist den Weg, der Thermomix kocht, und der Video-Schiedsrichterassistent (VAR) entscheidet, ob ein Fussballtor zählt. Immer mehr Systeme versprechen Entlastung, Präzision und Sicherheit. Der Soziologe Hartmut Rosa sieht darin aber auch einen Verlust: Aus Menschen, die Situationen mit Erfahrung und Urteilskraft gestalten, werden Vollziehende, die vorgegebene Abläufe nur noch abarbeiten und keine Selbstwirksamkeit mehr erleben. Das Gefühl der Ohnmacht wächst. 

Zeitmarken

00:00 Wann fühlte sich Hartmut Rosa das letzte Mal ohnmächtig und ohne Handlungsspielraum? 
13:55 Was meint «Weitwinkel-Aufmerksamkeit» ? 
17:59 Wie sind wir als Gesellschaft in diesem «Konstellationismus» gelandet? 
23:21 In welcher Form macht der «Konstellationismus» nicht mal mehr vor dem Kinderzimmer Halt? 
50:27 Trump, Musk sind Prototypen des Handelns und der Regelbrüche: Warum sind sie trotzdem die falsche Antwort auf die reale Ohnmacht? 
51:29 Wie kann angemessene Urteilskraft – statt Ohnmacht – in einer Gesellschaft hergestellt werden? 

In diesem Ohnmachtsgefühl könnte auch ein Grund für den Erfolg von Figuren wie Donald Trump oder Elon Musk liegen: Sie versprechen, Regeln, Verfahren und Rücksichten beiseite zu wischen, um endlich wieder Kontrolle zu übernehmen. 

Doch Regeln sind nicht nur lästig, sie schützen auch: Sie begrenzen Willkür, schaffen Fairness und machen Macht kontrollierbar.

Im Gespräch mit Olivia Röllin diskutiert Hartmut Rosa, wo Regeln notwendig sind – und wo sie Urteilskraft, Verantwortung und Lebensfreude ersticken..

57:54

Mit ihren Romanen trifft die Norwegerin Maja Lunde den Nerv der Zeit. Im Gespräch erklärt die Autorin des Weltbestsellers «Die Geschichte der Bienen», wie Literatur die Welt verbessern kann und weshalb der Mensch nur ein Glied in der grossen Kette der Wesen ist. 

59:40

Europa und die Schweiz rüsten auf. Doch es fehlen Soldaten. Wer geht kämpfen, wenn es hart auf hart kommt? Braucht es wieder eine Wehrplicht? Eine Gewissensprüfung? Und darf der Staat überhaupt zum Töten zwingen? Ein Streitgespräch über Sicherheit, Krieg und Frieden. Themen in dieser Folge:

0:00 Für das eigene Land in den Krieg ziehen? 
13:36 Würden Sie lieber unter Besatzung leben, als frei zu sein? 
19:36 Ist die Schweiz in der Lage, sich selbst zu verteidigen? 
28:38 Was genau verteidigen wir eigentlich? 
35:34 Welchen Stellenwert haben Cyberangriffe? 
44:07 Warum sind die Alten für die Wehrpflicht und die Jungen dagegen? 
50:48 Stichwort Gewissensprüfung. Wie wird das geprüft? 

Aufrüstung kostet nicht nur. Jemand muss all die Waffen auch bedienen können. Wer stellt sich also an die Grenze, wenn Russland angreift? «Ich sicher nicht», sagt Ole Nymoen. Sein Buch «Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Gegen die Kriegstüchtigkeit» sorgte unlängst für rote Köpfe und hitzige Debatten. So wie er argumentieren viele junge Menschen. Auch in der Schweiz ist die Bereitschaft, Wehrdienst zu leisten, gesunken. Ausgerechnet jetzt, da auf dem europäischen Kontinent seit fast vier Jahren Krieg geführt wird. Deshalb soll der Zivildienst nun unattraktiver und eventuell die Gewissensprüfung wieder eingeführt werden.  

Wer also ist bereit zu kämpfen? Und ist es moralisch vertretbar, Menschen zum Töten zu zwingen? Darüber spricht Yves Bossart mit der Philosophin Katja Gentinetta, dem Militärexperten Georg Häsler und mit dem deutschen Autor und Podcaster Ole Nymoen. 

21:57

«Noch nie gab es innerhalb der kirchlichen Hierarchie eine derart starke Opposition gegen einen amtierenden Papst wie jetzt gegen Franziskus», sagt der Journalist und Vatikan-Insider Marco Politi. Was bedeutet das für den Reformkurs der Kirche? Ein Gespräch.

Er werde schweigen und beten, versprach Papst Benedikt XVI., als er 2013 zurücktrat. Aber Joseph Ratzinger hielt sich nicht daran. Wiederholt meldete er sich zu Wort. Zuletzt verteidigte er im Buch «Aus der Tiefe des Herzens» des Kardinals Robert Sarah den Zölibat.

Nur wenige Wochen bevor sein Nachfolger Papst Franziskus den Forderungskatalog der Amazonas-Synode beantwortete. Einen Bruch mit dem Vorgänger riskierte Franziskus nicht. Auch bei der Frauenthematik wirkt Papst Franziskus zögerlich: Weder die Priesterinnenweihe noch das Amt der Diakoninnen scheinen in Griffnähe. Zu stark der Druck rundherum, sagt Marco Politi.

Warum diese Zurückhaltung des Papstes? Wie gross ist die Macht seiner Gegenspieler wirklich? Und was bleibt von seinem Versprechen einer reformbedürftigen Kirche? Olivia Röllin im Gespräch mit Marco Politi, einem der bekanntesten Vatikanexperten und Autor des Buches «Das Franziskus-Komplott. Der einsame Papst und sein Kampf um die Kirche».

Sternstunde Religion vom 21.6.2020 

58:26

Wie können wir das Klima retten? Auch der US-Autor Jonathan Safran Foer beschäftigt sich in seinem Buch «Wir sind das Klima!» mit der Widersprüchlichkeit unseres Lebensstils und dem Klimawandel. Nun präsentiert der Bestsellerautor seine Lösungen gegen den Klimakrise. Und diese betreffen unter anderem unseren Fleischkonsum. Barbara Bleisch fragt in der Sternstunde Philosophie, ob es statt Diät nicht Politik bräuchte, und wie man es schafft, trotz der Bedrohung die Hoffnung nicht zu verlieren. 

Bereits mit seinem Romandebüt «Alles ist erleuchtet» wurde Jonathan Safran Foer 2002 zum Shootingstar der amerikanischen Literatur, 2009 bewog er mit seinem Sachbuch «Tiere essen» Millionen Leserinnen und Leser dazu, ihren Fleischkonsum von Grund auf zu überdenken. Nun konstatiert er in «Wir sind das Klima!»: Es fehlt die gute Story, die uns dazu bewegt, die abstrakte Gewissheit der Klimaerwärmung in eine Herzenssache zu verwandeln, die uns zum Handeln motiviert. Foers Lösungsansatz lautet: Wir alle können den Planeten retten, wenn wir bis zum Abend vegan leben und tierische Produkte meiden. Doch kann es funktionieren, nur an das Individuum zu appellieren? Bräuchte es nicht auch politische Massnahmen? Und wie liesse sich aus der Klimakrise ein süffiger Stoff zaubern, der unsere Lethargie durchbricht? Barbara Bleisch im Gespräch mit dem Schriftsteller über Hoffnung und Hoffnungslosigkeit in Zeiten der drohenden Klimakatastrophe.

53:35

Es gibt Orte, da fühlt man sich einfach gut: vergisst die Zeit und ist geborgen in der Welt. Für Barbara Bleisch ist das ihre Bibliothek, für Zimmer 42-Gast Harald Welzer seine Kneipe in Berlin. Doch was macht diese Orte aus? Und warum brauchen wir sie gerade heute mehr denn je?

Themen in dieser Folge:

00:00 Intro 

4:57 Glaubst du nicht mehr an eine enkeltaugliche Zukunft? 

6:37 Was macht Harald Welzers Lieblingskneipe zu einem guten Ort? 

10:09 Die Bedeutung von Smalltalk 16:09 Kann das Internet ein guter Ort sein? 

24:45 Gute Ort als Ausgangspunkt für Veränderung 

27:06 Die Philosophische Postkarte oder: Wie kann ich bei mir zuhause sein? 

30:33 Wir leben in einer Kultur des ‘noch nicht’ 

37:39 Fetisch der Innovation

Harald Welzer ist Sozialpsychologe und interessiert sich für das, was er «Gegenwartsutopien» nennt: kleine Momente im Hier und Jetzt, die uns glücklich machen und aus dem Gefühl lösen, es gehe alles bachab. Gegenwartsutopien findet er im Kaffee, im Tanzkurs oder in seiner Lieblingskneipe in Berlin. Dort entstehe nämlich das, was der Bestsellerautor «anlasslose Vergemeinschaftung» nennt. Wir müssen dort keine gute Falle machen und «performen», sondern sind einfach da mit den Leuten, die man halt trifft. Smalltalk mit Wildfremden verbinde und mache die Welt zu einem guten Ort, der Hass und Hetze aussen vorlasse. Was das mit Gratiskaffee zu tun hat, erzählt der gutgelaunte Gast im Zimmer 42.

57:33

Der indische Schriftsteller Pankaj Mishra zählt zu den grossen Intellektuellen des modernen Asiens. 2014 hat er für sein Buch «Aus den Ruinen des Empires» den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten. Darin kritisiert er den Westen aus asiatischer Sicht. Ein verstörender Blick.

Er ist ein Intellektueller der Gegenwart: global reisend, vernetzt denkend und auf den grossen Bühnen der Welt ebenso zu Hause wie in einem kleinen Dorf im Himalaja. Der indisch-britische Schriftsteller Pankaj Mishra kennt den Westen ebenso wie den Osten. In seinen Büchern und Essays sagt er den Leserinnen und Lesern, was der Osten vom Westen hält. Die Zusammenfassung: nicht besonders viel.

Barbara Bleisch fragt den weltgewandten Intellektuellen, ob es einen neuen Kampf der Kulturen gibt, was man unter Neokolonialismus zu verstehen und welche Lektionen der Westen noch zu lernen habe, wenn er nicht sang- und klanglos untergehen will. Denn eines ist für Pankaj Mishra klar: Der Wiederaufstieg Asiens ist im vollen Gange.

55:47

Für Slavoj Žižek ist alles Ideologie: Ob Kapitalismus oder Toleranz, Islam oder einfach nur der Alltag. Ein Handy kaufen, Kleidung aussuchen, Zahnpasta – alles ist ideologisch geprägt. Deshalb ist für ihn marxistische Gesellschaftskritik keine Sache der Vergangenheit, sondern aktueller denn je.

Früher waren die Menschen von der Religion geblendet, heute sind sie der Technokratie und dem Kapitalismus unterworfen, findet Žižek. Dennoch hält der slowenische Philosoph an der Idee der Wahrheit fest und setzt sich für Menschenrechte und Eurozentrismus ein. Wie das alles zusammenpasst, erklärt er im Gespräch mit Barbara Bleisch.

For Slavoj Žižek everything is ideology: whether capitalism or tolerance, Islam or simply day-to-day life. Buying a mobile, choosing clothes, toothpaste - it is all cloaked in ideological terms. Therefore for him, Marxist social criticism is not a thing of the past, it is more current than ever.

Where before people used to be blinded by religion, today they are subjugated by technocracy and capitalism, Žižek finds. Nevertheless, the Slovenian philosopher holds on to the idea of truth and advocates human rights and Eurocentrism. He explains how all this fits together in his conversation with Barbara Bleisch.