Zeit Zu Reden (Medienpräsenz)

2:32:25

Eine kritische Diskussion über doppelte Standards, historische Verantwortung und autoritäre Tendenzen.
Es diskutieren Kai Ambos, Sami Khatib, Daniel Marwecki und Silvia Steininger.
Moderation: Kristin Helberg

2:38:44

Das Video dokumentiert eine etwa 2,5-stündige Podiumsdiskussion der Initiative "Zeit zu reden" auf Kampnagel in Hamburg. Das zentrale Thema ist die zunehmende Verengung des Debattenraums im deutschen Kulturbetrieb, insbesondere im Kontext des Gaza-Konflikts und der deutschen Staatsräson.

Zeitmarken und Zusammenfassung der Kerninhalte:

  • Narrative und Wahrheit: Michael Barenboim und andere diskutieren, wie israelische Militärberichte (z. B. über Krankenhäuser) in deutschen Medien oft ungefiltert als Fakten übernommen werden, während Berichte internationaler Organisationen oder palästinensische Stimmen als „unseriös“ markiert werden.
  • Präventiver Gehorsam: Institutionen handeln nicht erst auf Befehl, sondern aus Angst vor dem Verlust von Fördergeldern oder öffentlicher Diffamierung. Dies führt zu einer „Risikoabwägung“, die künstlerische Freiheit im Keim erstickt.
  • Epistemizid: Es wird der Begriff des „Epistemizids“ (die Vernichtung von Wissen und Kultur) im Gazastreifen diskutiert – die gezielte Zerstörung von Archiven, Universitäten und Bibliotheken und das Schweigen deutscher Bildungsinstitutionen dazu.

1. Einleitung und Zielsetzung der Initiative

Die Initiative wurde im Sommer 2024 gegründet, um "schwer besprechbare Themen" (Israel/Palästina, Staatsräson, Völkerrecht) sachlich und öffentlich zu diskutieren [01:25]. Ziel ist es, "Blasen" aufzubrechen und Allianzen für eine liberale Demokratie und den Rechtsstaat zu bilden [02:24].

2. Die Situation im Kulturbetrieb: "Generalverdacht und Druck"

Die Diskussion thematisiert einen massiven Druck auf Kulturschaffende [04:05]:

  • Beobachtung und Rechtfertigungszwang: Intendanten, Leiter von Kunstakademien und Regisseure fühlen sich unter Generalverdacht und müssen ständig Stellung beziehen [04:15].
  • Symbolpolitik: Konflikte entzünden sich oft an Symbolen wie Flaggen oder sogar Melonen-Emojis [04:23].
  • Cancel Culture: Es werden Beispiele für abgesagte Lesungen (z.B. von Autoren aus Gaza) und zensierte Kunstwerke genannt [03:51].

3. Trennung von Kunst und Politik

Ein zentraler Streitpunkt ist die versuchte Trennung von Kunst und Politik, wie sie etwa bei der Berlinale postuliert wurde [19:18].

  • Kritik an der Berlinale: Die panelists kritisieren die abwehrende Haltung der Festivalleitung auf politische Fragen (z.B. von Tilo Jung) [19:00].
  • Unvermeidbarkeit: Es wird argumentiert, dass Film und Kunst spätestens seit den 60er Jahren untrennbar mit politischen Diskursen verbunden sind und sich immer dazu verhalten – auch durch Schweigen [19:34].

4. Internationale vs. nationale Perspektive

Michael Barenboim und andere Diskutanten weisen auf die Diskrepanz zwischen Deutschland und dem Ausland hin [20:43]:

  • Internationale Solidarität: Im europäischen Ausland und international seien Künstler viel aktiver in der Positionierung zum Gaza-Konflikt.
  • Deutsche Risikoabwägung: In Deutschland führen Institutionen eine "Risikoabwägung" durch, aus Angst vor Repressionen oder dem Vorwurf des Antisemitismus, was zu einer Lähmung des Diskurses führt [22:56].

5. Mediale Darstellung und Informationsfluss

Kritisiert wird die unhinterfragte Übernahme von Narrativen, etwa durch die israelische Armee (Stichwort: Kommandozentralen) [22:45]. Dies führe dazu, dass die Zerstörung von zivilen Einrichtungen wie Schulen, Bibliotheken und Archiven ("Epistemizid") medial oft als gerechtfertigt dargestellt werde [23:06].

6. Psychologische und gesellschaftliche Hintergründe

Die Panelisten analysieren die Ursachen für das Verstummen [02:34:47]:

  • Umgang mit Schuld: Historische Schuldgefühle und eine unfähige Erinnerungskultur werden als Gründe für die Unfähigkeit genannt, Empathie für palästinensische Leidtragende zu zeigen [18:19].
  • Angst vor Ausgrenzung: Die Spaltung politischer Allianzen durch die Ausgrenzung muslimisch gelesener Menschen wird als „Irrweg“ des deutschen Diskurses bezeichnet [02:35:41].
  • Der Partisan als Vorbild: Es wird die Idee diskutiert, von der palästinensischen Widerstandskraft zu lernen – das Beharren auf der eigenen Existenz und Geschichte gegen eine übermächtige Identitätsauslöschung [02:36:35].

Fazit und Ausblick

Die Veranstaltung endet mit einem Appell zur Aufklärung, Solidarität und dem Beibehalten kritischer Distanz [02:34:47]. Es werden weitere Veranstaltungen angekündigt, unter anderem zur Leipziger Buchmesse, um über die "tiefen Gräben im Literaturbetrieb" zu sprechen [02:37:57].

Das Video bietet einen tiefen Einblick in die aktuelle Identitätskrise der deutschen Kulturlandschaft und die Schwierigkeit, abweichende Meinungen zur offiziellen Regierungslinie in einem geschützten Raum zu artikulieren.

2:26:38

Eine Diskussion über mediale Angriffe, drohende Kürzungen und politische Einflussnahme.

Mit Christina Deckwirth, Riad Othman, Richard David Precht und Louna Sbou.
Moderation: Kristin Helberg

Während die Mitgliederzahlen von Parteien sinken, engagieren sich immer mehr Menschen in zivilgesellschaftlichen Initiativen, Vereinen und Nicht-Regierungs-Organisationen. Diese müssen sich in ihrer gemeinnützigen Arbeit zwar an die eigenen Satzungsziele halten, aber das schließt den Einsatz für Demokratie, Menschenrechte und andere im Grundgesetz verankerte Werte nicht aus.

Autoritären Kräften ist dies ein Dorn im Auge – sie versuchen, mit Desinformation und Diffamierung das Narrativ einer übermächtigen und parteipolitisch agierenden Zivilgesellschaft zu zeichnen. Fördergelder und Stellen werden gestrichen, Beteiligungs- und Klagerechte infrage gestellt, demokratische Handlungs- und Diskussionsräume eingeschränkt – vor allem im Zusammenhang mit Palästina und Israel. Im Dezember 2025 stufte der CIVICUS Monitor den zivilgesellschaftlichen Handlungsraum in Deutschland deshalb auf „beschränkt” herab.

Besonders betroffen sind lokale und migrantisch gelesene Initiativen, aber auch in der Mehrheitsgesellschaft verwurzelte große NGOs werden angefeindet. In ihrer kleinen Anfrage vom Februar 2025 forderte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, staatlich geförderte Vereine auf ihre politische Neutralität hin zu prüfen – von Umweltverbänden wie Greenpeace und BUND über gesellschaftspolitische Initiativen wie Campact und Omas gegen rechts bis zu kritischen Medienformaten wie CORRECTIV und Netzwerk Recherche.

Aber wie neutral sollte zivilgesellschaftliches Engagement angesichts des Aufstiegs verfassungsfeindlicher Parteien sein? Wie unpolitisch können Vereine in Zeiten von steigender und politisch propagierter Menschenfeindlichkeit sein? Muss ein Tierschutzverein schweigen, wenn demonstrierende oder Schutz suchende Menschen angegriffen werden? Sollen kritische Journalisten nicht die Politiker nennen, die Medien- und Meinungsfreiheit einschränken wollen? Und warum dürfen palästinasolidarische Jüdinnen nicht an einer Veranstaltung zu rechtsextremen Strukturen teilnehmen?

Das über Jahrzehnte gewachsene Selbstverständnis, Zivilgesellschaft, Kirchen und die etablierten Parteien seien über parteiprogrammatische Unterschiede hinweg Verbündete im Kampf gegen autoritäre und extremistische Kräfte, steht in Frage. 80 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes wird der Einsatz für die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung aller Menschen in Deutschland als ein „linkes“ Projekt dargestellt – just in dem Moment, in dem individuelle Freiheit und rechtliche Gleichstellung so selbstverständlich scheinen wie nie zuvor.

Das Panel diskutiert über den Zustand der deutschen (Zivil-)Gesellschaft, den Sinn politischer Kategorien und Strategien gegen autoritäre Tendenzen im Inneren und von außen.

 

2:24:08

Eine kritische Diskussion über Strategien staatlicher Kommunikation.

Mit mit Renate Dillmann, Fabian Goldmann, Gil Shohat, Nadia Zaboura. Moderiert von Kristin Helberg

Staaten kommunizieren. Versuchen sie dabei, mit der strategischen Verbreitung von Informationen die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu manipulieren, spricht die Wissenschaft von Propaganda. Weil der Begriff so negativ besetzt ist, benutzen staatliche Vertreter lieber andere Begriffe – Public Diplomacy, auswärtige Kulturpolitik, strategische Kommunikation oder Öffentlichkeitsarbeit.

Aber wer systematisch Informationen verbreitet, um „das eigene Handeln in ein möglichst gutes Licht zu rücken, es vor Kritik abzuschirmen und öffentliche Unterstützung zu generieren“, betreibt Propaganda, schreibt die Journalistin Pauline Jäckels (Auch Demokraten betreiben Propaganda | Propaganda und Desinformation | bpb.de) . Die eigenen Positionen werden verstärkt, die der anderen werden infrage gestellt oder unterdrückt, delegitimiert oder diffamiert und so zum Schweigen gebracht.

Nicht nur Autokraten betreiben Propaganda, auch demokratisch gewählte Regierungen – letztere ist nur schwerer zu erkennen, da sie meist differenzierter und sachlicher daherkommt. Statt auf offensichtliche Lügen oder direkte Zensur setzen Demokratien auf das gezielte Weglassen von Informationen oder framen von Quellen.

Um die Manipulation staatlicher Kommunikation aufzudecken, braucht es deshalb kritische Medien, die Informationen nicht einfach weiterverbreiten, sondern hinterfragen, überprüfen und ergänzen. Wie gut gelingt das in Deutschland? Und welche Rolle spielen die Medien beim Aufdecken von politischer Einflussnahme durch Dritte? Wann werden übliche Hintergrundgespräche mit Mitgliedern des Bundestags zu systematischer Beeinflussung? Dürfen Abgeordnete sich zu Auslandsreisen einladen lassen und hängt das nur davon ab, wer das Programm gestaltet und bezahlt?

Das Panel diskutiert, wie Medien und Politik hierzulande mit den vielfältigen Formen der strategischen Kommunikation anderer Staaten umgehen, welche Unterschiede es gibt und welche Folgen dies für den öffentlichen Diskurs und die Demokratie in Deutschland hat.

2:32:06

Am 16. Oktober 2025 zum Thema „Zeit zu reden - Missverstanden, diffamiert, kriminalisiert – Palästinasolidarität in Deutschland“ mit Natali Gbele, Qassem Massri, Prof. Sabine Schiffer, Dr. Peter Ullrich, Kristin Helberg.

2:32:12

Das Recht auf Widerstand unter Terrorverdacht.
Eine kritische Diskussion über die Notwendigkeit und Grenzen von Widerstand in Zeiten der Repression.

An dem Panel nehmen teil: Helberg Kristin, Christoph Reuter, Dr. Dieter Reinisch, Prof. Helga Baumgarten und Prof. Christian Marxsen

A critical discussion on Germany's lessons from the Holocaust.

After the Hamas attacks on October 7th, 2023, the German government emerged as one of Israel’s staunchest supporters. It supplied weapons for Israel’s ongoing offensive in Gaza, defended the country against South Africa’s accusation of genocide, and stifled domestic critical debate on Israel and Palestine.

Germany’s double standards regarding breaches of international law—condemning them when committed by Russia in Ukraine, yet turning a blind eye to Israeli actions—have led to notable exasperation in countries across the Global South.

What emerged after October 7th was, once again, a sharp divide within the global memory landscape. While for many, memories of Western imperialism and colonialism dominate, in the West it is the memory of WWII and the Holocaust that prevails. For Germany in particular, the memory of its own barbarism continues to shape its political morality today. Yet, Germany has faced especially pointed criticism for its stance on Gaza.

But isn't unconditional support for Israel in the face of a what Amnesty International has called a “genocide” itself a betrayal of the lessons of the Holocaust? Especially at a time when a far-right Israeli government is allying itself with radical nationalist parties in Europe?

As the Indian author Pankaj Mishra wrote in the London Review of Books in early 2024: 
“As völkisch-authoritarian racism surges at home, the German authorities risk failing in their responsibility to the rest of the world: never again to become complicit in murderous ethnonationalism.”

In this first “Zeit zu reden Special”, the English edition with prominent voices from abroad, presenter Kristin Helberg discusses the historical and current connection between the German culture of remembrance, a “Staatsräson” that amounts to unrestricted solidarity with Israel and the rise of violent ethno-nationalism.

Our guests are the Indian writer and renowned global intellectual ​​​​​​​Pankaj Mishra (The World After Gaza) and the German academic and author Daniel Marwecki (Germany and Israel: Whitewashing and State Building).
https://www.youtube.com/watch?v=tyUol-l8xao

Eine kritische Diskussion über formelles Gedenken und multiperspektivisches Erkennen
Wie kaum ein anderes Land ist Deutschland von seiner Erinnerungskultur geprägt. Die Lehren aus Nationalsozialismus und Holocaust haben die Entwicklung zu einer liberalen und demokratischen Gesellschaft entscheidend beeinflusst. In den Worten der Historikerin Elke Gryglewski wurde aus dem „Weltmeister im Genozid“ scheinbar ein „Weltmeister des Erinnerns“ – ein Land voller Gedenkstätten, Museen und Mahnmalen, mit Gedenktagen und Gedenkstunden im Bundestag. Und doch wissen die meisten Deutschen wenig über jüdisches Leben. Juden haben Angst, in der Öffentlichkeit Kippa zu tragen. Sinti und Roma werden rassistisch angefeindet. Und Politiker:innen begründen Gesetze oder Maßnahmen mit ausgrenzenden Parolen, die Ressentiments gegen Ausländer:innen, Muslim:innen, Geflüchtete, Palästinenser:innen und andere marginalisierte Gruppen schüren.
Was also läuft falsch am deutschen Erinnern? Was sind die Lehren aus dem Holocaust 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs? Welche Erinnerungskultur braucht Deutschland in Zeiten, in denen rechtsextremes und nationalistisches Denken erstarkt? Und was bedeutet der Satz "Nie wieder ist jetzt"? Uneingeschränkte Solidarität mit jüdischen Individuen, mit dem Staat Israel oder mit allen Menschen, die von Vernichtung bedroht ist – inklusive der Palästinenser:innen in Gaza?
Da die meisten Menschen in Deutschland keine persönliche Erinnerung an den Nationalsozialismus haben, muss aus dem Gedenken ein Lernen werden – nicht staatlich verordnet, sondern selbst erarbeitet. 
Auf dem Panel diskutieren Expert:innen darüber, wie eine pluralistische, zukunftsorientierte Erinnerungskultur aussehen könnte. Sie verfolgen dabei einen multiperspektivischen Ansatz, der den Holocaust nicht nur aus deutscher Sicht und auf der Grundlage deutscher Abstammung betrachtet, sondern auch andere Erfahrungen mit Vertreibung, Verfolgung und Rassismus miteinbezieht, die zum historischen Bewusstsein beitragen können. Statt Syrer, Ukrainer, Vietnamesen, Türken und Palästinenser aufzufordern, dem Staat Israel die Treue zu schwören, hilft dieser Ansatz, sich wieder auf den Holocaust als singuläres Menschheitsverbrechen zu konzentrieren.
Was bedeutet das für Politik, Bildung und Zivilgesellschaft? Wie sieht eine Erinnerungskultur aus, die der spezifisch deutschen Verantwortung gerecht wird und dabei den allgemeingültigen Lehren aus dem Holocaust verpflichtet bleibt?
Teilnehmer*innen:  Wolfgang Benz, Asal Dardan, Sarah El Bulbeisi und Gerhard Hanloser
Moderation: Kristin Helberg